Intrige auf dem Abstellgleis

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 38

Weil mich die sportliche Euphorie ganz und gar vereinnahmte oder aber weil sich mein schmerzender Körper nur noch mit seiner Selbstheilung und nicht mehr mit seiner Umwelt beschäftigen konnte, zogen meine ersten Arbeitstage ziemlich unbewusst an mir vorbei. Gegen Ende der Woche war ich kräftig genug, um mit vollem Elan zu beginnen.

Aber es gab nichts zu tun, denn die bestellten Bakterien waren noch nicht angekommen. Hulwich hatte mir das Du-Wort angeboten, Karl hieß er. Er schien auch nicht übermäßig viel Arbeit zu haben, so plauderten wir fast ganzen Tag. Ein unerschöpflicher Gesprächsquell schien für Karl die Gemeinheit seiner Arbeitskollegen zu sein. Besonders jene der beiden von nebenan. Mit diesen Tunichtguten hatte man gemeinsam das Labor einrichten wollen. Sie waren aber dem armen Karl, der nur das Beste wollte, hinterfotzig in den Rücken gefallen. Am Schluss hätten sie sogar vor Vorgesetzten behauptet, Karl würde lügen, nur um ihre eigenen Lügen zu vertuschen. Bitten möchte er mich, keinen Kontakt mit diesen bösen, bösen Menschen zu haben. Sie würden nämlich jede Gelegenheit nutzen, um ihre niederträchtigen Intrigen zu spinnen.

Mit großem Respekt und einem Furchtfrösteln machte ich jedes Mal einen weiten Bogen um die Tür der Nachbarabteilung. Die teuflische Brut des Bösen musste dort sitzen, wenn sie dem unerschrockenen Karl, der mit bloßen Händen eine Mikrobiologieabteilung gegen alle Widerstände in einer gänzlich unbiologischen Firma aufbauen wollte, nicht geheuer war. Die Wände, die uns trennten, waren dünn. Dennoch hörte man kaum einen Ton von den Nachbarn. Sicher woben sie leise flächendeckende Intrigenteppiche.

Eines Tages hörte ich Klopfen und Hämmern und gleich darauf schob sich ein Nagel in Augenhöhe durch die Wand. War das der plumpe Versuch, uns fertig zu machen, indem man uns die Augen ausstach? Oder bauten die Nachbarn eine Überwachungsvorrichtung, um sich Karls innovative Ideen anzueignen? Es musste etwas geschehen, ich musste dem schändlichen Treiben Einhalt gebieten, bevor noch ein Unglück geschah.

Todesmutig stürzte ich mich zur Nachbarstür. Geheuer war mir die Sache nicht. Die Tür war verschlossen. Nachdem ich geläutet hatte, öffnete mir eine Laborantin. Der Mut drohte mich zu verlassen. Mein Kopf brannte. Doch ich musste das Begonnene zu Ende bringen. Ich schluckte meine Bedenken hinunter und begab mich zügig zu den Arbeitsplätzen der Intriganten.

„Ihr macht ein Loch in unsere Wand“, presste ich hervor, „könnt ihr bitte damit aufhören.“

Meine Mission war erfüllt und ich ging so schnell ich konnte hinaus, ohne wie ein Hasenfuß auf der Flucht zu wirken. Ich bildete mir ein, die beiden bösen Nachbarn hätten mich mit hasserfüllten Blicken angegiftet und war ganz schön froh, das Abenteuer mit heiler Haut überstanden zu haben.

Nach dieser heldenhaften Episode plätscherte der Alltag wieder ereignislos vor sich hin. Nach drei Wochen des Wartens auf meine Bakterien, sprach ich Karl auf die unglaublich langen Lieferzeiten an.

„Ach ja, das habe ich vergessen, dir zu sagen. Die wollen die Bakterien nicht nach Liechtenstein liefern, wir müssen erst Referenzen schicken“, sagte Karl ganz beiläufig.

Das kam mir noch nicht besonders merkwürdig vor. Bakterien dieser Gefahrenklasse waren zum überwiegenden Teil Krankheitserreger, die man nur an geeignete Arbeitsstätten schicken durfte. Was das genau mit Liechtenstein zu tun hatte, wusste ich nicht, aber die Wege der Bürokratie waren oft unergründlich.

Ich arbeitete einfach bei einem anderen Projekt mit. Wieder gehörte das nicht zu meinen Aufgaben, aber diesmal tat ich das auf ausdrückliche Weisung meines Vorgesetzten. Nach einigen Wochen fand ich nach und nach heraus, dass Karl das Labor noch nicht angemeldet hatte. Ohne Anmeldung konnten keine Bakterien geliefert werden. Ohne Bakterien konnte die Arbeit, für die ich eingestellt wurde, nicht gemacht werden. Ohne diese Arbeit war die Mikrobiologieabteilung keine Mikrobiologieabteilung. Die Gleichung war so einfach.

Karl machte trotz Versprechungen keinerlei Anstalten, das Labor anzumelden, und ich konnte es kaum fassen, dass mir bereits zum zweiten Mal lähmende Untätigkeit durch die Organisationsunfähigkeit meiner Vorgesetzten aufgezwungen wurde.

Wie sich herausstellte, war es hier nicht Schlamperei, sondern irgendein Kalkül Karls, dessen Sinnhaftigkeit mir völlig verborgen blieb. Er verbot mir nämlich, an einem anderen als meinem angestammten Projekt zu arbeiten, sobald ich die ersten zarten Fortschritte bei meinem Ausweichprojekt erzielt hatte. Somit erstickte er jeden möglichen Erfolg seiner Abteilung im Keim, denn außer mir arbeitete nur noch jeweils ein Lehrling in vierwöchigem Turnus für ihn.

Statt Sinnvolles zu erarbeiten sollte ich Konzepte für künftige Arbeiten erstellen. So erstellte ich Konzept nach Konzept und schrieb jedes Mal dazu, dass keine der Arbeiten durchführbar wären ohne die Anmeldung des Labors. Alle anderen von Hulwich vorgeschlagenen Arbeiten waren aber von keinerlei Nutzen für die Firma, das Projekt oder Hulwich selbst. Widerwillig und freudlos erledigte ich sie, aber mit viel weniger Herumgemotze als bei meiner ersten Arbeitsstätte. Dort hatte ich gelernt, dass Insubordinanz nicht zielführend war.

Manchmal platzte mir trotzdem der Kragen, zum Beispiel wenn mein theoretisches Konzept zum vierten Mal hintereinander auf meinem Schreibtisch lag mit dem Vermerk „Das ist völlig unzulänglich, erstelle ein neues Konzept.“

Wenn ich dann fragte, was denn nicht in Ordnung war, bekam ich Antworten wie: „Du hast doch behauptet, du hättest selbstständig eine Doktorarbeit gemacht, du müsstest das doch wissen.“ Und dann brach das unsachliche Gezeter einfach aus mir hervor, denn solche Untergriffe konnte ich mir nicht bieten lassen. Karl lief rot an, schmollte, schrie und zum Schluss warf er mir vor, ich würde ihn für inkompetent und dumm halten.

Das warf mich wirklich aus der Bahn. In diesen ersten Monaten hatte ich wirklich viel an Karl auszusetzen gehabt, aber an das hatte ich nie gedacht. Wenn dieser Mensch das selbst ansprach, musste er sich das überlegt haben, und dann musste wohl zumindest ein wahrer Kern vorhanden sein. Genau betrachtet waren seine Führungsqualitäten nicht vorhanden und sein Fachwissen bestand lediglich aus leeren Floskeln, mit denen er die Lehrlinge zu beeindrucken versuchte. Er konnte kreatives Forschen nicht begreifen, sondern beharrte auf seine, sich im Kreis spiralenden, in seinem Kopf festgebrannten Denkschablonen, die jede Phantasie und Kreativität ersticken mussten. Und zu allem Überfluss versuchte er krampfhaft all diese Dinge zu vertuschen. Er hatte sich dafür auch die ideale Stellung ausgesucht, er war nämlich der einzige Mikrobiologe in der gesamten Firma – außer mir. Niemand konnte demnach seine Qualifikation beurteilen – außer mir. Und ich hatte ihn durchschaut. Und deshalb musste er mich loswerden.

All das klang schon fast, als wäre meine Position in der Firma äußerst bedeutsam, als wäre es tatsächlich notwendig, mich durch Verschwörungskomplotte aus dem Weg zu räumen. An guten Tagen sah ich das auch ganz sportlich und kam mir vor, wie James Bond. Genauso wie er wollte ich den Bösewicht besiegen.

Das war an den guten Tagen. Normalerweise war mir durchaus bewusst, dass ich wieder einmal am kürzeren Ast saß und mich bald nach einer neuen Stelle umsehen musste. An den schlechten Tagen kam ich weinend nach Hause, weil Hulwich mir wieder Vorwürfe gemacht hatte, die ich nicht verstehen konnte, die mich aber an meinen Fähigkeiten zweifeln ließen.

Nach und nach verlor ich beinahe mein gesamtes Arbeitsselbstvertrauen und Michael gelang es kaum, die abbröckelnden Fetzen davon wieder zusammenzukitten. Immer öfter war ich zu einem jämmerlichen Häuflein Elend reduziert, das glaubte, nie wieder in der Arbeitswelt mehr etwas zustande bringen zu können. Deshalb hatte ich auch die fixe Idee, ein Kind würde mich ganz elegant vom Arbeitsstress befreien. Auch Michael fand, eine Auszeit wäre in meiner Situation nicht so schlecht. Eifrig machten wir uns sogleich ans Werk, aber es schien schwieriger zu sein, als erwartet.

Zur Arbeit ging ich nur noch schwankend zwischen Hassgefühlen, Selbstzweifeln und Rachegelüsten, bis zu jenem Tag, an dem blanke Verachtung alle anderen Gefühle zu Karl Hulwich verdrängte. An diesem Tag nämlich schleppte mich dieser Mensch ins Personalbüro zu der komischen aufgetakelten Tante, die das erste ablehnende Vorstellungsgespräch mit mir geführt hatte.

„Hallo Roswitha“, sagte er, scheinbar war er mit dieser Frau befreundet, „ich bin zu dir gekommen, weil ich mir anders wirklich nicht mehr zu helfen gewusst hatte.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Intrige auf dem Abstellgleis

  1. lisimoosmann schreibt:

    Uaaah, diesen Typ Menschen kenne ich auch, ich hatte letztes Jahr auf der Uni einen Betreuer, der genauso war. Da hilft nur, nicht an sich selbst zu zweifeln beginnen, sonst endet das wie beim Manchurian Candidate.

  2. Pia schreibt:

    schönes foto, der doppelcreolenlook ist genial

  3. tooryeaye schreibt:

    Dürfen wir auf eine Schmuckkolumne mit diesem Look hoffen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s