Pensées (im Theater 2)

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=4D32WNV3RYk&feature=plcp

  1. Lange Zeit dachte ich, Goethe sei sehr überschätzt. Seine Farblehre ist fehlerhaft, in der Italienischen Reise wirkt er oft genug oberlehrerhaft und wie jemand, der Genuss verabscheut. Den Werther mussten wir in der Schule lesen, aber ich kann mich an nichts erinnern.
  2. Trotzdem – oder vielleicht nicht zuletzt deswegen – freue ich mich, Faust I am Landestheater in Bregenz sehen zu dürfen.
  3. Das Stück dauert 3h50min, das stand in der Ankündigung. Wir sind nicht sicher, ob wir das ohne Blutverdünner überstehen werden. Ob wir das überhaupt durchstehen können. Aber, wenn es unaushaltbar wird, können wir immer noch in der Pause gehen.
  4. Wenige Plätze sind frei, das Stück scheint beinahe ausverkauft zu sein.
  5. Im Programmheft des Theaters sind die Kartenpreise aufgelistet. Die billigsten Karten kosten 15€, für junge Menschen unter 26 nur 10€. Das ist kaum mehr, als eine Kinokarte kostet.
  6. Zum ersten Mal – ich bin in Salzburg aufgewachsen – verstehe ich, wofür Theatersubvention eigentlich gut ist. Die Salzburger Festspiele werden mit unglaublichen Summen subventioniert, dafür, dass Opernkarten hunderte Euro kosten. Hier sind die Karten erschwinglich, allen Kunstinteressierten, die sich auch eine Kinokarte leisten könnten, wird der Zugang ermöglicht.
  7. Das Stück beginnt. Ein Osterhase mit goldenen Flügeln tritt auf. Ich denke, bis zur Pause wird das nicht zu schaffen sein.
  8. Im Lauf des Stücks, erkenne ich die Zitate, die jeder kennt – wie jenes vom armen Tor und des Pudels Kern und von der Kraft, die stets das Böse will – und einige, von denen ich nicht wusste, dass sie aus dem Stück stammten: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein – und wundere mich über das Kulturbewusstsein des Drogeriemarktes. Oder der Geist der Zeit – obwohl der nicht von Goethe erfunden wurde, wie ich später bei Wikipedia erfahre.
  9. Nachdem der Osterhase verschwindet, ist das Stück sehr unprätentiös inszeniert. Faust und Mephisto tragen die gleichen schwarzen Anzüge mit rotem Innenfutter.
  10. Sobald Mephisto den Pakt mit Faust schließt, trägt er sein Jackett mit dem Innenfutter nach außen und zieht sich die Schuhe aus. Er trägt einen hohen Stöckelschuh, der den Pferdefuß symbolisiert. Der andere Fuß bleibt nackt So wie Mephisto spielt, ist dieses Symbol konstant präsent, ohne aufdringlich zu sein.
  11. Ein Klavier untermalt einige Szenen und Sätze. Der Klavierspieler ist nur in der Szene von Auerbachs Keller auf der Bühne zu sehen. Die Musik verleiht dem Stück ein Gefühl von Stummfilmkino (auf eine sehr gute Weise).
  12. Ich merke, dass Reime nicht holperig sein müssen, und dass der Rhythmus, in dem die Verse vorgetragen werden, dem Stück Tiefe verleiht. In der Schule habe ich Dichtung nach festgelegten Rhythmen weder bei deutschen noch bei lateinischen Dichtern verstanden.
  13. Besonders heftige Publikumsreaktionen lösen der Auftritt eines echten Pudels und stereotype Witze aus. Es scheint ein unkontrollierbarer Zwang zu sein, bei diesen Szenen Geräusche zu machen, auch wenn man sich den Rest des Stücks still ansehen kann.
  14. Die Schauspieler spielen ruhig und sachlich, aber dennoch mit großem Ausdruck (sie schreien, wenn sie schreien müssen). Ich habe das Theater immer mit dem Outrieren Otto Schenks aussoziiert. Und bin sehr positiv überrascht.
  15. Mephisto und die Hexe übermitteln die sexuelle Spannung, die von „der dunklen Macht“ ausgeht unglaublich gut. Beide wirken sehr erotisch auf mich.
  16. In meinem Gesichtsfeld sehe ich nach drei Stunden vier schlafende Männer, aber keine schlafende Frau.
  17. Ich bin müde, habe aber nicht das Bedürfnis zu schlafen. Bis zum Schluss faszinieren mich die Schauspieler, die Musik und das Bühnenbild – sehr schlicht, sehr stylisch, sehr urban (trotz kleinem Provinztheater).
  18. Die Handlung selbst ist trotz allem etwas hausbacken. Die Inszenierung hat aber dieses moralisierende Märchen in etwas Aufregendes und Inspirierendes verwandelt.
  19. Und mein Mann sagt, die Hexe hätte keine Unterhose angehabt. Das ist mir nicht aufgefallen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Kultur, etc., Pensées abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Pensées (im Theater 2)

  1. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, bei meinem letzten Theaterbesuch (erstmals nach langer Zeit). Es kommt tatsächlich vor, dass etwas, was eigentlich nicht funktionieren kann, was, bei nüchterner Betrachtung, lächerlich wirkt, was, zwischen antiquiert und überaufgeregt-hypermodern hin- und herosziliiert, aus schwer erklärbaren Gründen doch faszinieren kann.

  2. Ferik schreibt:

    Ich gehe gerne ins Theater, es hat, im Gegensatz zum Film oder zum Fernsehen, etwas liebenswert Menschelndes, Direktes, sodass jede Aufführung etwas Spezielles hat. Ähnlich wie Handwerksware, die in vielem mit Industrieprodukten nicht mithalten kann, aber in guten Momenten stärker beeindruckt, weil sie einmalig ist

  3. Pingback: Pensées: Im Kino | Karin Koller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s