Betrug und Beichte

Seit neunzehn Jahren bin ich mit meinem Mann zusammen. Nie habe ich ernsthaft den Wunsch gehabt, ihn zu betrügen, weil er der Mann ist, den ich liebe.

Mit dem Mann, mit dem ich davor zusammen war, ist das anders gewesen. Nach drei Jahren war die Beziehung abgeflaut. Eigentlich wollte ich sie beenden, hatte aber auch Angst vor einer Zukunft als Single. Oder was auch immer ich mir damals vormachte. Schluss machte ich nicht mit ihm, ich sah mich aber nach anderen Männern um.

Einen gab es, der gefiel mir. Oder mir gefiel, dass ich ihm gefiel. Ziemlich bald merkte ich, wir hatten gar nichts gemeinsam und wenn ich ehrlich bin, mochte ich ihn nicht einmal besonders. Diese Erkenntnis hatte ich schon, bevor ich mit ihm ins Bett ging. Ich tat es trotzdem. Einmal. Vielleicht um mir zu bestätigen, dass ich noch begehrenswert oder überhaupt noch am Leben war.

Danach fühlte ich mich schlecht. Betrogen zu werden hatte sich mein Freund nicht verdient. Ich redete mir ein, es wäre meine Pflicht, ihm zu sagen, was ich getan hatte. Es wäre nicht fair, wenn er aus Unwissenheit meinte, nichts wäre geschehen. Es wäre nur fair, ihn selbst entscheiden zu lassen, ob er unter den gegebenen Umständen mit mir zusammen bleiben wollte.

Das alles redete ich mir ein. Und dass meine Motive selbstverständlich selbstlos und zu seinem Besten waren. Ich sagte es ihm. Er war erschüttert, hat mir aber verziehen. Die Beziehung hat sich noch über einige Monate hingeschleppt, bis sie endgültig vorbei war.

Immer wieder dachte ich im Lauf der Jahre darüber nach, warum ich es ihm wirklich sagte. Etwas störte mich, an den Motiven, die ich mir eingeredet hatte. Andererseits: Man sollte in einer Beziehung schließlich offen und ehrlich miteinander umgehen. Da gehört eben dazu, dem Partner auch die unangenehmen Dinge zu sagen.

Es ließ mich nicht los und vor Kurzem merkte ich, was es war. Im Grunde entsprach meine Motivation überhaupt nicht meiner Rationalisierung. Die Motivation war – und ich glaube das ist bei vielen Menschen in einer vergleichbaren Situation der Fall – rein egoistisch.

Ich wollte meinem Freund mein Fehlverhalten aufbürden, um nicht am schlechten Gewissen, am Unausgesprochenen, würgen zu müssen. Letztendlich wollte ich die Absolution von ihm erhalten und zwang ihn damit, die Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. Ich war zu schwach, die Beziehung einfach zu beenden, also versuchte ich die Entscheidung auf ihn abzuwälzen. Hätte er mich verlassen, wäre es mir recht gewesen. Er hat mir verziehen und unsere Beziehung ging weiter. In jedem Fall musste ich nicht die Verantwortung tragen.

Das kommt nicht nur vor, wenn man seinen Partner betrügt, auch bei den kleinen Vergehen oder Fehlern, die jeden Tag passieren können. Man redet sich ein, der andere habe das Recht zu erfahren, was geschehen war. In Wirklichkeit ist es eine moderne Form der Beichte.

Sie ändert nichts, führt zu einer sinnlosen Beunruhigung und wälzt die Verantwortung von der Person, die sie tragen sollte, auf die Person, die keinen Fehler gemacht hat. Niemandem außer dem, der sich etwas zu Schulden kommen ließ, ist dadurch geholfen. Und nicht einmal dem, wenn nicht die Absolution erteilt wird, sondern gekränkt oder verletzt oder erzürnt nachteilige Konsequenzen gezogen werden.

Ich bin für einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander, aber manchmal muss man abwägen, ob man mit der vermeintlichen Ehrlichkeit nicht nur sich selbst nützt und dem anderen grundlos schadet, weil dann das Geschehene eine Bedeutung erlangt, die es in Wahrheit nicht hat.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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13 Antworten zu Betrug und Beichte

  1. AS schreibt:

    Ich bin da anderer Meinung, obwohl du sicher recht hast, dass viele „Beichten“ durchaus aus egoistischen Motiven erfolgen. Dennoch denke ich, dass absolute Ehrlichkeit erforderlich ist. Ich möchte deshalb wissen, wenn meine Freundin mit jemandem anderen schläft, so unangenehm dieses Wissen auch sein mag.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich bin auch für Ehrlichkeit. Aber sie sollte etwas bedeuten. Grundsätzlich sollte man mit dem Partner vorher darüber reden. Passiert eine Verfehlung (das muss ja nicht unbedingt Sex, sondern kann auch ein anderer Vertrauensbruch sein) sollte man sich schon ehrlich überlegen, ob es ein in der Partnerschaft diskutierenswertes Ereignis ist (weil etwas schief läuft), oder ein dumme Fehler, der nichts bedeutet, und mit dem man sich nur selbst Erleichterung verschafft, indem man dem Partner die Verantwortung aufbürdet. Ich sage nicht, man soll tun und lassen, was man will und den Partner mutwillig hintergehen.

    • Hofnarr schreibt:

      Du hast recht, AS. Das Fremdgehen zwischen 2 Partnern oder auch ein anderweitiger Vertrauensbruch, den man zuallererst einmal vor sich selber nicht gutheissen kann und deshalb eben beichten oder auch verstecken will, kommt ja nicht einfach so! Etwas fehlt oder ist ein Problem in der Beziehung, über das man tatsächlich zwischen 2 Partner in einer guten Beziehung reden sollte. Sucht nun der eine ein Gespräch, indem er eben beichtet, sucht er mit Sicherheit nicht bloss die Entscheidung des Partners für einen begründeten Rausschmiss oder Vergebung oder eine Absolution. Der Beichtende sucht Verständnis für sein Handeln, Lebenshilfe oder aber auch das Gefühl, dass einer zu einem steht trotz Problemen, von wem auch immer die kommen und zeigt mit dem Beichten, dass er der Meinung ist, darüber muss jedenfalls innerhalb der Beziehung geredet werden und das gemeinsame Tragen des Problems durch beide Partner sei besser als das alleinige Tragen des Problems. Das Problem bezüglich Vertrauensbruch könnte ja auch entstanden sein, indem einer von einer lebensbedrohlichen Krankheit wie etwa Krebs, Aids und anderes weiss, von dem er dem anderen nichts sagen will, weil er denkt, der andere könnte es nicht ertragen und müsste ihn allenfalls deswegen verlassen…

      Bei Vertrauensbruch oder auch vermeintlichem Vertrauensbruch in einer Beziehung, aus welchem Grund auch immer, ist aber das Gespräch zwischen 2 Partnern jedenfalls besser als das allenfalls lebenslängliche Schweigen darüber, denn erst so fängt der wirkliche Vertrauensbruch an, indem man denkt, der andere könne auf die Problematik
      nicht eingehen oder ertrage sie nicht. Es ist eben im Leben so: Probleme müssen innerhalb der Beziehung gelöst werden, sonst werden sie irgendwann von aussen gelöst, gerade wenn’s um Vertrauen zwischen 2 Menschen geht…

  2. claudiaveratti schreibt:

    Ganz deiner Meinung, zumal die Wertung, dass Sex mit einer anderen Person ein so frürchterlicher Vertrauensbruch ist,. der schlimmer als alles andere ist, auf einem sehr antiquierten Moralverständnis, das in viktorianischer Prüderie wurzelt, basiert.

  3. lisimoosmann schreibt:

    Grundsätzlich bin ich auch für Ehrlichkeit, aber es gibt Situationen, in denen sich situativ etwas ergibt, das nicht groß vorbesprochen werden kann. Und, wenn man in einer solchen Situation handelt, ohne dass das für die Beziehung zu einem Dritten große Bedeutung hat, ist meiner Meinung nach weder eine Beichte noch ein schlechtes Gewissen nötig.

  4. GS schreibt:

    Wieso ist das gleich ein Betrug, wenn man mit jemandem anderen als seinem Partner Sex hat?

    • Karin Koller schreibt:

      Das sage ich nicht. Ich empfinde es aber als Betrug, wenn ein Partner der Meinung ist, beide führten eine monogame Beziehung, und der andere lässt ihn in dem Glauben, obwohl er mit anderen schläft. Ich denke, es ist immer wichtig, gerade in einer Langzeitbeziehung, dass man sich vorher ausmacht, was für beide akzeptabel ist und was nicht.

      • GS schreibt:

        Naja, aber realistischerweise trifft niemand zu Beziehungsbeginn solche Vereinbarungen, oder? Das Leben entwickelt sich eben….

      • Karin Koller schreibt:

        Naja, man kann die Vereinbarungen auch dann treffen, wenn sich das Leben dahingehend entwickelt. Mit vorher meinte ich nicht vor der Beziehung, sondern vor der jeweiligen Sache, die vereinbart werden sollte (muss ja nicht unbedingt Sex mit anderen sein).

  5. Hofnarr schreibt:

    Hatten wir dieses oder dasfast gleiche Thema nicht schon einmal in einem früheren Artikel von Dir, Karin oder von einem Deiner Gast-Kollumnisten?! Dort waren doch auch sehr gute Eingaben dazu, von wegen reden miteinander oder eben schweigen dazu, wenn ein Vertrauensbruch/Ehebruch geschieht…

    • Hofnarr schreibt:

      Es ging da drum, soll man vor dem Fremdgehen mit dem Partner reden, dass man allenfalls auch mal einen anderen Sex-Partner haben möchte, allenfalls sogar einen gleichgeschlechtlichen im Gegensatz zum heterosexuellen Ehepartner… oder eben, um anderes auszuprobieren… oder soll man’s einfach tun und schweigen darüber, auch nicht nachträglich beichten, um sich zu erleichtern…

  6. Karin Koller schreibt:

    Hofnarr: Es ging darum, ob man den Partner VORHER fragen soll, wenn man eine außereheliches Sexerlebnis (mit einer Frau) haben will, oder ob man lieber nicht fragt und NICHTS unternimmt.
    Die Thematik ist ähnlich aber nicht gleich. Hier geht es darum, ob es im Grunde egoistisch ist, einen Ausrutscher NACHTRÄGLICH zu beichten.
    Links zu den erwähnten Artikeln: https://karinkoller.wordpress.com/2012/05/10/fragen-wird-man-ja-noch-durfen-teil-1/ und https://karinkoller.wordpress.com/2012/05/17/fragen-wird-man-noch-durfen-teil-2/

    • Hofnarr schreibt:

      Dennoch ist reden miteinander immer sinnvoller (und durchaus nicht nur egoistisch) als zu schweigen, wenn Probleme anstehen, ob nun dieses mit dem gleichgeschlechtlichen fremden Sexpartner oder jenes mit dem heterosexuellen und dies nun eben vorher oder nachher, nämlich immer dann, wenn man’s vor sich selber jedenfalls nicht gutheissen kann, weil ein guter Partner die Problematik jedenfalls mittragen könnte, wenn er davon weiss (ich meine nicht alleine tragen, sondern partnerschaftlich mittragen!). Es ist deshalb in beiden Fällen Lebenshilfe, die man beim anderen sucht. Ob es egpoistisch ist, von einem Lebenspartner in einer guten Partnerschaft wechselseitig eben gerade diese Lebenshilfe zu erwarten?! Ich denke nein, dies sollte eigentlich selbstverständlich sein und jedenfalls die Partnerschaft und auch das Vertrauensverhältnis weiterbringen, nicht zerstören, sonst ist eben die Beziehung tatsächlich nicht wirklich super, sionst längst schon zum Scheitern verurteilt und eine Illusion, die an sich längst schon zu beenden wäre, auch ohne Ausrutscher, wie Du ja auch in Deinem heutigen Artikel richtigerweise schreibst.

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