Demütigung

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 39

Zuckerschlecken hatte ich mir von diesem Termin nicht erhofft. In meinen kühnsten Phantasien hatte ich mir eine Chance erträumt, auch meinen Standpunkt äußern zu dürfen und auf Verständnis zu stoßen. Aber nun saß ich da, kleinlaut am Rande meines Stuhls und über mich wurde geredet wie über ein schwererziehbares Kind bei einer Abmahnung durch den Direktor.

Mich fragte auch die längste Zeit niemand. Hulwich taute alte Kamellen von vor einigen Monaten auf und schmückte sie in buntesten Farben mit seinen Lügen aus, um mich als furchtbares Monster darzustellen. Ein kleiner Spaß mit einem Lehrling wurde zur menschenunwürdigen Behandlung hochstilisiert, ein paar unweggeräumte Gläschen zur hygienefeindlichen Schlamperei. Dabei machte ich auch schon seit längerer Zeit keinen Schmutz mehr, weil ich wegen der fehlenden Laboranmeldung an den Computer gefesselt war. Die einzig mögliche Unsauberkeit in den Laborräumen konnten wohl nur eine Staubschicht und ein paar Spinnweben um die Geräte sein. Mit den jeweiligen Lehrlingen machte ich immer noch den einen oder anderen Scherz, denn sie hatten den ganzen Tag fast nichts zu tun, weil Hulwich sich auch nicht in der Lage sah, sinnvolle Arbeiten für sie zu vergeben.

Fünf Mal, so kam bei dem Gespräch heraus, hatte sich Hulwich bereits in ohnmächtiger Verzweiflung über mich unbändigbaren Sturbock, der all seine Bemühungen zum Aufbau der Abteilung zunichtemachte und dazu noch seine Autorität bei anderen Mitarbeitern untergrub, an Frau Roswitha Knappe gewandt. Diese hatte es freilich nicht als notwendig oder zumindest sinnvoll erachtet, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Bestimmt hatte man ein besseres Leben als Personalverantwortliche, wenn man sich darauf beschränkte, den Vorgesetzten ihren Willen zu lassen und die Untergebenen hinauszuekeln.

Ich hatte von den Machenschaften nichts gewusst und versuchte, wenn man mir das Wort ließ, mit konkreten Beispielen die hulwichschen Übertreibungen zu entkräften. Karl stieß statt Gegenargumenten immer nur verächtliche Zischlaute aus, um meinem Bericht die von ihm gewünschte Untermalung zu geben. Frau Knappe wechselte dann verständnisvolle Blicke mit Hulwich. Vermutlich hatte er ihr auch schon vorgegaukelt, ich wäre eine notorische Lügnerin. Weil ich nicht glauben konnte, dass ich ganz allein gelassen würde, versuchte ich weiter, alle Vorwürfe von mir zu weisen.

Kurz vor dem anberaumten Ende der Sitzung sagte die Knappe mit zum Schein in Falten gelegter Stirn, wie man sie von den Nachmittagsfernsehpsychologinnen kannte: „Genau kann ich nicht feststellen, was da vorgefallen ist, da steht Aussage gegen Aussage. Aber bitte unterschreiben Sie das.“

Sie reichte mir ein Blatt Papier, sozusagen als Höhepunkt einer glorreichen Sitzung. Auf dem Zettel war praktisch das Protokoll der Sitzung festgehalten, aber ohne meine Stellungnahmen. Wenn dieses Blatt nicht wie von Zauberhand mit mir unbekannten Miniaturprotokolliergerätschaften in der Mappe von Frau Knappe getippt und mit perfektem Layout versehen wurde, musste es sich wohl um einen bereits vor meinem Erscheinen erstellten Vordruck handeln. Mit einem Schlag wurde mir meine Chancenlosigkeit im Kampf gegen Hulwich bewusst. Das Sitzungsprotokoll war aber noch nicht der Grund, warum ich den Zettel unterschreiben sollte. Ab der Hälfte der Seite war eine Bereitschaftserklärung mit Sanktionen bei Nichteinhaltung für mich abgedruckt. Nur um mein Projekt hatte ich mich zu kümmern. Alle Anweisungen Hulwichs hatte ich zu befolgen, Mitarbeiter anständig zu behandeln und den Arbeitsplatz sauber zu halten. Zu guter Letzt durfte ich die Autorität Hulwichs vor anderen nicht untergraben. Das alles stand auf dem Zettel. Sollte ich diese Dinge nicht beachten, stand weiter dort, würde man meinen Arbeitsvertrag auflösen, weil eine Zusammenarbeit mit mir nicht mehr möglich wäre.

Am Kopfende der Seite waren alle Personen verzeichnet, die das Schreiben erhalten sollten. Fast jeder Mensch von Rang und Namen in der Firma war angeführt. Hulwich hatte wirklich dafür gesorgt, dass meine Demütigung komplett war und einer breiten Öffentlichkeit zur Belustigung gereichte.

Was konnte ich tun in dieser Situation? Mir blieb nur noch übrig, die Sitzung in Würde zu überstehen, bei derart vorgefassten Meinungen hatte es keinen Sinn zu kämpfen. Wie aber sah würdiges Verhalten aus? Am würdigsten wäre es wohl, mit steinerner Miene und erhobenem Haupt in besonnenen Worten kundzutun, in einer solchen Atmosphäre nicht mehr arbeiten zu wollen. Mit geradem Rücken und eiskalten Verachtungsblicken wollte ich aufstehen und nie wieder zurückkehren.

Aber es kam ganz anders. Vor Wut und Enttäuschung über Hulwichs Verleumdungen bildete sich zunächst ein dicker Kloß in meinem Hals. Das wäre noch nicht weiter schlimm gewesen, wenn sich dieser nicht in Tränen aufgelöst hätte. Statt die Tefloneiche zu sein, an der alle Besudelungen abperlten, war ich zu einem kleinen, flennenden Hühnchen geworden. Und das brachte mich in Rage über mich selbst. Vor Wut hatte es mir die Sprache verschlagen. Gerade noch konnte ich „das möchte ich mir noch einmal ansehen, bevor ich unterschreibe“ stammeln, bevor ich in das nächste Damenklo rannte, um mich auszuweinen.

Wie konnte nur jemand mit so plumpen, durchschaubaren Schachzügen seine eigenen Versäumnisse kaschieren, seine Mitarbeiterin verekeln und selbst unhinterfragt davonkommen? In einer Umgebung, in der das möglich war, wollte ich nicht mehr arbeiten.

Am nächsten Morgen reichte ich die Kündigung ein. Hulwich hatte schon seinen zweiwöchigen Urlaub angetreten. Er hatte wohl sicherheitshalber die Sitzung mit mir direkt vor seinen Urlaub gelegt, damit er den Konsequenzen, die sein Handeln unweigerlich bei mir haben mussten, entrinnen konnte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Demütigung

  1. Heidi Jäger schreibt:

    Das Schauderbarste ist in einer solchen Situation diese fürchterliche Machtlosigkeit, weil man in so hierarchischen Strukturen nicht nur keinerlei Rechte hat, sondern nicht einmal die Möglichkeit bekommt, seine eigenen Wahrnehmungen darzulegen. Läufer schlägt Bauer, so einfach ist das. Ich habe zweimal ähnliche Erfahrungen gemacht und die zum Anlaß genommen, mich aus der Corporate Welt endgültig zu verabschieden.

  2. SandraS schreibt:

    Für mich waren Erfahrungen mit solche Typen wie diesem Herrn Hulwich schlußendlich der Grund, eine Familie zu gründen, um daraus auszusteigen. Worked out fine for me, ist aber gesamtgesellschaftlich ein Wahnsinn. Da hilft all das mediale Antimobbinggefasel nichts, solange es tatsächlich nicht einmal ein geregeltes Prozedere gibt, in der so glorifizierten Privatwirtschaft firmenintern bei sowas Gehör zu finden.

  3. Genevieve schreibt:

    ich glaube, so etwas ist ein typisches problem gut qualifizierter Frauen, die als Vorgesetzte komplexbeladene Männer haben, die sich ihrer Autorität aufgrund ihrer fehlenden Kompetenz nicht sicher sein können

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