Weihnachtsaktion

SAMSUNG DIGITAL CAMERA

Als ich in die Schule ging, organisierten unsere Lehrer zwei Jahre hintereinander eine Weihnachtsaktion. In einem Jahr, ich war vielleicht 8, häkelten wir Fingerpüppchen für die Kinder eines Schwerstbehindertenheims. Wir arbeiteten mit Begeisterung, weil wir den Kindern eine Freude machen wollten. Die Fingerpüppchen wurden rechtzeitig vor Weihnachten fertig. Unsere ganze Schulklasse war zur Weihnachtsfeier im Behindertenheim eingeladen.

Wir wurden nicht vorbereitet, wir gingen einfach hin mit einer Lehrerin. Das Heim roch süßlich, es war überheizt. Die Kinder sangen uns ein Lied vor, dann durften wir alle Krapfen essen. Ich hatte keinen Appetit, der Geruch verschloss mir den Magen. Einige der Kinder legten sich auf den Boden und schrien, andere saßen in einer Ecke und starrten ins Leere. Ich drückte mich an die Wand und fürchtete mich. Vor den Kindern, vor dem Geruch. Davor, dass wir vielleicht etwas tun mussten. Mit den Kindern spielen, obwohl sie das offensichtlich nicht wollten.

Meine Gefühle konnte ich auch nicht einordnen. Mir taten die Kinder leid. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie man ihnen helfen konnte, oder ihnen eine Freude machen. Niemand erklärte es mir. Hilflosigkeit war das einzige, das ich spürte.

Im nächsten Jahr bastelten wir etwas für ein Altersheim. Ich weiß nicht mehr genau, was es war, aber ich erinnere mich, dass ich damals dachte, so etwas könnten alte Leute beim besten Willen nicht brauchen. Der Enthusiasmus war nach der vorjährigen Weihnachtsaktion schon etwas getrübt.

Wir gingen mit unseren Geschenken zu diesem Altersheim. Es war keines von jenen Heimen, die ich schon im Fernsehen gesehen hatte, wo einige ältere Leute lebten, die noch bei einigermaßen guter Gesundheit waren. Es war ein Heim, in der die Ärmsten der Armen von Salzburg abgeschoben wurden. So zumindest kam es mir vor. Die Wände des Heims waren dunkelgrau und fleckig. In den Gängen saßen alte Leute in Nachtgewändern teilnahmslos herum. Manche lagen in Krankenhausbetten. Sie unterhielten sich nicht miteinander, sie taten nichts, hatten kein Buch, keine Handarbeit, kein Kreuzworträtsel. Ihre Nachtgewänder waren schäbig und geflickt, bei manchen bedeckten sie kaum die Nacktheit. Vielen alten Menschen hing ein Beutel mit Urin oder Fäkalien neben dem Bein. Es roch nach Krankheit und schlechtem Essen. Ich hatte Angst und legte schnell irgendeinem alten Menschen mein Paket in den Schoß, damit ich das wenigstens los wäre.

Die meisten alten Leute reagierten gar nicht auf unsere Geschenke. Nach der Übergabe starrten sie einfach weiter vor sich hin, als hätten sie nicht bemerkt, dass sie ein Geschenk erhalten hatten. Wenn jemand uns bemerkte, streckte er die Hand nach uns aus und versuchte, eine Wange zu streicheln. Diese rauen, schwieligen Finger ängstigten mich auch. Am Schlimmsten war aber die Hoffnungslosigkeit, die dieser Ort vermittelte. Und die Sinnlosigkeit der Weihnachtsaktion.

Wir kamen in diese Heime, blieben für eine Stunde und drückten uns unbekannten Menschen Dinge in die Hand, die sie nicht brauchten und nicht wollten. Dann sollten wir uns einreden, wir hätten eine gute Tat getan.

Anstatt Orte mit weniger Hoffnungslosigkeit zu wählen, Orte, an denen sich vielleicht jemand über unsere Basteleien hätte freuen können, Orte, an denen wir einen natürlichen Umgang mit Menschen, die krank, alt oder anders sind als wir, hätten lernen können, schleppte man uns unvorbereitet zu Menschen, die in uns unvorstellbaren Umständen zu leben hatten und denen auf die von uns versuchte Weise nicht zu helfen war. Anstatt ein Bewusstsein zu schaffen für das Elend in der eigenen Stadt, haben meine Lehrer bei mir nur Angst erzeugt und ein Gefühl der Sinn- und Hilflosigkeit. Das sollte nicht der Sinn einer Weihnachtsaktion sein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Weihnachtsaktion

  1. dorothea schreibt:

    ist es nicht gut, wenn wohlbehütete kinder auch mit der realität konfrontiert werden, erleben, dass es viel gibt, auch negatives, das ausserhalb ihres üblichen erfahrungshorizontes liegt?

    • Karin Koller schreibt:

      Das wäre schon gut, aber nicht, wie es bei uns gemacht wurde. Uns wurde vorgegaukelt, wir könnten den alten Leuten eine Freude machen mit unserem Besuch oder mit den Kindern spielen. Niemand hat uns darauf vorbereitet, wie es wirklich dort ist. Wir sind gerade durch das Altersheim durchgegangen wie durch einen Zoo. Ich empfand es weder eine Hilfe für die alten Leute, noch lehrreich für uns damals, einmal eine halbe Stunde einen Besuch abzustatten und dann froh zu sein, nie wieder hinzumüssen. Das führt doch dazu, dass man das „Andere“ nicht akzeptieren lernt, sondern dass man sich davon abkapselt. Eine längerfristige Beschäftigung wäre viel sinnvoller gewesen, bei denen man Menschen kennen lernt. Dann hätten wir vielleicht begriffen, dass die Realität, die weit entfernt von der eigenen Lebensrealität ist, nicht nur schwarz/weiß ist, sondern menschlich. So war es ein Draufschauen und Sich-Abwenden. Das war zumindest mein Empfinden.

  2. dorothea schreibt:

    aber du kannst auch nicht kinder monatelang zwangsverpflichten, vielleicht war das als einstieg gedacht, selbst engagement zu entwickeln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s