Im Labor des Bösen

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 40

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Froh über Hulwichs Fortsein, aber immer noch getroffen von den Ereignissen, beschloss ich, eine Woche lang gar nichts zu tun. Den schriftlich mitgeteilten hulwichschen Aufgabenkatalog für seine Abwesenheit konnte ich locker in zwei Tagen erledigen. Als nun in einer meiner arbeitszeitlichen Mußestunden durch die Gänge schlenderte, begegnete ich dem Bösewicht, Jan, aus der Nachbarabteilung. Natürlich versuchte ich, auf der Hut zu sein, denn in einer Firma, in der Hulwich der Gute war, konnte man von den Bösen nur Mord und Totschlag erwarten.

Gerade wollte ich mich von dem schrecklichen Nachbarn abwenden, als dieser mit dem Finger auf mich zeigte. Das tat er auf eine ziemlich bedrohliche Weise, fand ich, als würde er voller hämischer Freude in meinem Leid herumstochern wollen.

„Du“, sagte er und stach mit seinem Finger in meine Richtung, „du kennst dich doch aus mit dem Biozeugs. Kannst du mir da mal was erklären?“

Eigentlich sagte er das recht freundlich. Weil ich nach meiner Kündigung nichts mehr zu verlieren hatte, machte ich einen Termin mit Jan aus.

Immer noch überlegend, ob die Feinde von Hulwich meine Freunde waren, oder ob ich mich in meinen letzten drei qualvollen Monaten in einen neuen Höllenschlund begab, klopfte ich zaghaft an der nachbarlichen Labortür.

Auch das „Nur herein in unsere Bude“ klang nicht furchteinflößend, aber Hulwich hatte in stundenlangen Epen die Falschheit dieser Leute beschrieben. Zaghaft setzte ich deshalb einen Fuß vor den anderen. Jan saß hinter seinem Schreibtisch und fegte stapelweise Papiere zur Seite, um mir Platz zu machen. An seinem Computer hing der gelb-schwarz gestreifte Wimpel von Borussia Dortmund. Die Homepage dieses Vereins war gerade geöffnet und Jan machte keinerlei Anstalten, seine außerberuflichen Aktivitäten zu kaschieren. Hinter Jan hing eine Pinnwand mit Sprüchen von Wiglaf Droste und Dieter Nuhr, mit Postkarten und Bildern von BVB- und Rockstars. Auf dem Schreibtisch lagen zwischen den zur Seite gestapelten Zetteln und Zwiebackscheiben selbstgebrannte CDs.

Jan selbst hatte dunkles Haar, das in alle Richtungen abstand, dem man aber deutlich anmerkte, dass sich ein Frisör ursprünglich durchaus etwas dabei überlegt hatte. Er trug einen wenig frühlingshaften dunkelblauen Wollpullover, der aussah, als wäre er von einer mir unbekannten, aber bald zum letzten Schrei avancierenden Jugendkultmarke hergestellt. Darunter trug er Jeans und Wildlederschuhe, die auch aus den schicksten Orten dieser Erde eingeflogen sein mussten. Ein Mensch mit diesem Umfeld konnte doch nicht grundböse sein, vor Allem wenn die Bösartigkeit von einem Menschen postuliert wurde, der keinerlei Anstalten machte, seine Rippunterhemden zu verbergen.

Trotzdem hatte ich mich auf alle Eventualitäten vorbereitet. Sollten sich nämlich Widrigkeiten auftun, wollte ich trotzdem nicht ungefällig erscheinen und hatte mein gesammeltes und in vielen Mußestunden niedergeschriebenes Wissen über Mundmikrobiologie mitgebracht. Im Notfall konnte ich es auf den Schreibtisch werfen und wegrennen. Zumindest hätte das auch Hulwich sehr verärgert, denn der versuchte mit allen Mitteln zu verhindern, dass andere Firmenangehörige auch nur die geringste Ahnung über diese Dinge bekamen. Sonst, so fürchtete er wohl, wäre man seiner Unfähigkeit und seiner Untätigkeit wohl allzu schnell auf die Schliche gekommen.

„Schön habt ihr es hier“, sagte ich, um peinliche Sprechpausen von Anfang an zu vermeiden. Dabei beobachtete ich Jan, wie er aus dem Zettelstapel eine Scheibe Zwieback herausfischte und in meine Richtung schob.

„Willst du einen Kaffee?“ fragte er.

„Gern.“ Das lief doch nicht schlecht, fand ich. Jan war aufgestanden und hatte einen Wasserkocher in Betrieb genommen. Ich ahnte nichts Gutes. Er holte eine buntbedruckte Kaffeetasse aus der Spüle. Wie von Zauberhand fand sich zwischen den Blättern am Schreibtisch eine Dose Malz-Kindercappuccino. Etwa ein Viertel eines Kaffeelöffelchens ließ er von dem perversen Zeug in die Tasse rieseln und übergoss das dann mit kochendem Wasser. Stolz stellte er das Gebräu vor mich hin: „Schau nicht so, das ist wirklich gut. Sei weltoffen.“

Es widerstrebte mir, ausgerechnet an einem entkoffeinierten Kinderkaffee polyglotte Toleranz demonstrieren zu müssen, aber zickig wollte ich auch nicht erscheinen und deshalb trank ich das dünne Gesöff.

Die Tasse war noch nicht leer, da waren schon alle fachlichen Fragen geklärt und ein Gespräch entspann sich, das bei Fußball begann und über die Musik zur Literatur führte. Zwei Stunden vergingen so im Flug. Beinahe schon bekam ich ein schlechtes Gewissen, meine Untätigkeit nicht an meinem eigenen Arbeitsplatz zu verrichten. Mit einer Einladung zu einem weiteren Kaffee von Jan, vielleicht aber diesmal ohne das Gesöff tatsächlich weltoffen zu trinken, ging ich an meinen Platz zurück und hoffte, niemand hatte meine lange Abwesenheit bemerkt.

Bald schon ergaben sich jeden Tag ein bis zwei Plauderstündchen in Jans Büro. Nicht nur war Jan freundlich, er interessierte sich auch für ganz ähnliche Dinge wie ich, konnte wunderbare Geschichten erzählen und kannte auch noch den Firmenklatsch.

Einer seiner Vorgesetzten verdiente vierstellige Frankenbeträge und musste diese in Liechtenstein mit einer einstelligen Prozentsumme versteuern. Jedes Wochenende fuhr er zu seiner Familie nach Stuttgart. Um sich die wenige Franken teure Liechtensteiner Müllplankette, ohne die die Müllsäcke nicht abgeholt wurden, zu ersparen, packte der Mann jeden Freitag seinen während der Woche angesammelten Müll in den Kofferraum und nahm ihn mit über die Grenze, um ihn in seine bereits bezahlte deutsche Mülltonne zu stopfen. Weil er sich die Autobahnvignette ersparen wollte, stand er dafür jeden Freitagnachmittag mindestens eine Stunde in Bregenz im Stau. Im Sommer musste ihm sein Geiz den Hauch des Todes durch das Auto fegen lassen.

Jan erzählte auch Geschichten von Currywurstritualen vor den Heimspielen seines Vereins, von seinen Bierzeltauftritten als Gitarrist einer Rockband oder von der Sinnlosigkeit des Kaufs seiner Traumgitarre, weil sie dann genau ihre Unerreichbarkeit verlieren würde. Nie war es langweilig mit ihm.

Da er aber doch noch die eine oder andere Stunde am Tag arbeiten musste, konnte ich die untätige Zeit an meinem Arbeitsplatz in Hulwichs Nähe wenigstens mit bunten Vorstellungen von verwesenden Müllbergen in Kofferräumen von Luxuslimousinen füllen.

Die Wartezeit auf das Ende dieser unseligen Anstellung erschien mir nicht mehr so schlimm. Ich hatte auch schon wieder einige wenige Bewerbungen ausgeschickt, sollte die Babyproduktion nicht klappen.

In jedem Fall fand ich, ich hatte nach einem Monat Kündigungszustand einen Urlaub in Italien verdient. Entspannt kuschelte ich mich an Michael, in der festen Überzeugung, diesmal hatte das Kindermachen tatsächlich funktioniert. In kürzester Zeit würde ich ein erfülltes Leben, abseits der grausamen Arbeitswelt, als Mutter eines Neugeborenen führen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Im Labor des Bösen

  1. Pia schreibt:

    das mit dem mülltransport ist super, bei den reichen kann man sparen lernen, hätte meine oma gesqagt

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