Diese Woche konsumiert: Twitter

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Ich finde, Twitter ist ein großartiges Format. Über die Accounts, denen ich folge, bekomme ich ohne Aufwand Links zu interessanten Artikeln und Bildern, die ich sonst nicht gefunden hätte. Sei es, weil ich nicht die Zeit habe, verschiedenste Online-Medien durchzusehen. Oder ich hätte nicht gewusst, wo ich diese Informationen finden könnte. Oder ich hätte überhaupt nicht daran gedacht, diese Informationen zu suchen.

Durch Twitter hole ich mir ein Stück der Welt ins Haus, das meinen Tag abwechslungsreicher und meine Lektüre vielfältiger macht.

Es gibt aber auch etwas, das mich an der Verwendung von Twitter stört. Da kann das Format Twitter nichts dafür, sondern nur einige Nutzer.

Als ich mich bei Twitter anmeldete, folgte ich einigen österreichischen Journalisten und Experten, den üblichen Verdächtigen, die viele Follower haben. Ich dachte mir, von ihnen würde ich etwas über die österreichische Politik erfahren.

Mein Eindruck aber war, dass gerade die erfolgreichen österreichischen Twitterer sich in diesem Medium eine eigene, selbstreferenzielle und selbstbeweihräuchernde Welt schaffen. Oft wurde von „Eliten“ gesprochen, als wären die Twitter-Benutzer an sich und sie selbst im Speziellen anderen Menschen überlegen. Dabei empfand ich gerade die Tweets dieser „Eliten“ im Großen und Ganzen als uninteressant. Sie verlinkten keine Hintergrundinformationen (außer Artikel von Standard und Presse). Sie schienen zu sehr damit beschäftigt zu sein, sich selbst und einander zu beweihräuchern.

Im Grunde ist mir das aber  egal. Was sie schreiben, kümmert mich nicht. Ich folge ihnen nicht mehr.

Bevor ich ihnen entfolgt bin, sah ich auf meiner Timeline, wie ein Journalist einen Fehler einer Kollegin richtigstellte. Sofort sprang ein anderer Kollege ein und sagte, man solle aufpassen mit der Kritik, weil die Kollegin nett sei.

Und das erscheint für mich symptomatisch für die österreichische Medienwelt. Nicht nur scheinen korrekte Fakten unwichtig zu sein, sondern es wird auch die Richtigstellung falscher Informationen aktiv unterbunden, weil das dem Ansehen der betreffenden Person schaden könnte. Ganz egal, ob das Publikum die Fakten interessieren könnte. Man ist ja verhabert und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Es war auch die Rede davon, wie viel Macht die Qualitätsmedien auf Twitter hätten, im Vergleich zur Kronenzeitung (obwohl Claus Pandi auch mehr als 4000 Follower hat). Wie sich die „Macht“ in diesem Fall definiert, erschloss sich mir nicht.

Man scheint offenbar dazu zu neigen, die Twitter-Timeline als Spiegel der Welt anzusehen. Deshalb kommt es immer häufiger vor, dass Tweets zu einem bestimmten Thema die Berichterstattung gänzlich ersetzen. Auch das wäre noch nicht schlimm, immerhin ist ein derartiger Bericht eindeutig als Darstellung der Meinung von verschiedenen Privatpersonen ausgewiesen.

Deutlich bedenklicher wird es, wenn ein Ereignis, das in den jeweiligen Timelines häufig erwähnt wurde, plötzlich in anderen Medien völlig außer Relation zu der tatsächlichen Bedeutsamkeit aufgeblasen wird. Oft passiert das in Form von sogenannten Shitstorms. Ein schönes Beispiel dafür (das zwar nicht Journalisten, sondern Köche betraf) vor kurzem in England: http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/wordofmouth/2012/nov/08/top-chefs-unite-against-blogger-s-review . Bei den Shitstorm-Empörungen auf Twitter wird auch deutlich, dass alles, was auf der Timeline erscheint, gleich wichtig ist. Man regt sich in einem Augenblick mit aller Vehemenz über ein fundamentales Problem der Welt auf und im nächsten Augenblick über einen Blogger, der einen Koch kritisiert. Wertigkeiten richtig zu setzen, scheint schwierig. Das ist allerdings ein Fehler des Formats.

Die Twitteria gratuliert sich nach einem ihre eigene Timeline zukleisternden Shitstorm für ihre großartigen Leistungen und merkt nicht, dass einige der Aufreger außerhalb von Twitter niemanden interessieren. Oder sie ahnen es, führen diese Diskrepanz aber auf ihren Elitismus zurück, mit dem das „gemeine Volk“ nicht mitkommt. Sie scheinen in einer Parallelwelt zu leben.

Immer häufiger werden Tweets zu Nachrichten. Entweder empören sich einige Twitternutzer und die Online-Ausgaben der Printmedien machen daraus redaktionelle Artikel. Oder eine Nachricht wird von jemandem auf Twitter verbreitet und dann unkontrolliert übernommen. Der ORF geht sogar so weit, vom „Internetkurznachrichtendienst Twitter“ zu sprechen und merkt dabei nicht, dass man mit gleicher Berechtigung vom „Vor-Ort-Kurznachrichtendienst Wirtshaus“ sprechen kann (auch dort kann man lokal die interessantesten Informationen finden).

Twitter ist keine Quelle, genausowenig wie ein Wirtshaus. Hier wird das Medium mit den Nutzern verwechselt.

Das Medium Twitter ist nicht für seine Nutzer verantwortlich. Und die Vielfalt der Nutzer macht den Reiz des Mediums aus. Es ist auch legitim, wenn von glaubwürdigen Quellen über Twitter verbreitete Nachrichten zu Informationsbeschaffung genutzt werden. Trotzdem sollten die Informationen für den Print- und Onlinemedien-Gebrauch verifiziert werden.

Vielen österreichischen Journalisten scheint das egal zu sein, sie haben ihre Timeline, von der sie täglich bestätigt und gelobt werden. Anstatt wie früher gemeinsam in Restaurants bei einer Flasche Wein zu sitzen, treffen sie sich auf Twitter. Anstatt nur die Agenturmeldungen abzudrucken, posten sie jetzt Tweets mit dem Hinweis, dass sie nicht wissen, ob diese faktisch richtig sind. Falschnachrichten haben sie früher unüberprüft anderen Quellen entnommen. Und über ihren Tellerrand schauen sie jetzt genauso wenig wie früher. Also eigentlich hat sich nichts geändert.

Nur kann man der Eitelkeit und dem Desinteresse mancher jetzt live zuschauen. Aber nur, wenn man das möchte. Ansonsten kann man die unendliche Vielfalt von Twitter dafür nutzen, sich ein Stück der Welt ins Haus zu holen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Twitter

  1. Yvonne schreibt:

    Ich bin bisher totale Social-Media-Verweigerin, habe aber vor kurzem begonnen, zu überlegen, ob ich einen Versuch wagen soll. Was empfiehlst du, Facebook, Twitter oder Google Plus?

    • Karin Koller schreibt:

      Facebook ist mir persönlich als Format nicht sehr sympathisch. Ich benutze Twitter und Google+. Twitter ist gut für Information, wenn man den Leuten folgt, die interessante Dinge verbreiten. Google+ halte ich für ein gutes Format für den Kontakt mit Freunden.

  2. Bestes aktuelles Beispiel für die Parallelrealität auf Twitter ist der Shitstorm, den der auf Druck der Grünen gecancelte Auftritt einer Debiloband, die in ihren „Songs“ sexistisch-rassistischen Stumpfsinn auf Bierzeltniveau herausgrölt, ausgelöst hat. Man hätte, wenn man sich auf die regionale Twitterwahrnehmung beschränkt hätte, denken können, das ganze Land befinde sich in fieberhafter, wenn auch wenig niveauvoller, Diskussion über Kunstfreiheit, Aufgaben, Rechte und Pflichten eines Subventionsgebers, Rassismus, Sexismus etc.

    Und wenn man dann im realen öffentlichen Raum, den tatsächlichen Massenmedien Debatten, Analysen, Berichte zu diesem Thema sucht, dann findet man in irgendeiner Tageszeitung im Lokalteil eine Agenturmeldung einer Presseaussendung eines FP-„Kultursprechers“, der das übliche Geschwafel vom „linkskommunistischen Gutmenschengesinnungsterror“ verbreitet.

    Soviel zur Macht der selbsternannten „Eliten“, den öffentlichen Diskurs zu steuern.

    • JC schreibt:

      Zur Selbsreferentialität der Eliten und ihrer realitätsfremden Parallelwelt: der durchschnittliche österreichische twitterbenutzende Journalist folgt seinen österreichischen Kollegen, einigen Freunden und den Politikerverlautbarungsaccounts, sowie, für den Blick auf die große weite Welt, Paul Krugman und Frank Schirrmacher. Wobei die Krugman´schen Tweets, soweit man in der Lage ist, sie zu verstehen (bei manchen bin ich mir nicht sicher), jedenfalls keinen Einfluss auf die Arbeit zu haben scheinen.

      De facto könnten diese Leute an Tagen, an denen Herr Schirrmacher das Burgtheater besucht, im Cafe Landtmann problemlos eine Zusammenkunft der vollständigen „Twitterelite“ organisieren.

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