Angst

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Es gibt eine Angst, die macht klein, die macht krank und allein. Und es gibt eine Angst, die macht klug, mutiger, freier von Selbstbetrug“, singt André Heller im Angstlied.

Angst habe ich schon oft gehabt, bei Angst kenne ich mich aus. Ich war ein schüchternes Kind und traute mich nur selten etwas zu sagen. An eine Geburtstagsfeier erinnere ich mich genau. Dort kannte ich nur das Geburtstagskind, das sich um seine vielen Gäste kümmerte. Ich verkroch mich in der hintersten Ecke des Gartens und wartete, bis das Fest aus war. Die Angst vor den anderen Kindern lähmte mich, ich wurde ganz steif. Eine Mischung aus Selbstmitleid und Wut über mich wuchs in mir. Dort empfand ich das Gefühl, in mir eingesperrt zu sein, zum ersten Mal.

Ängste vor dem direkten Kontakt mit anderen überwand ich in der Pubertät. Ich fühlte mich dadurch freier und wurde frecher.

Auf der Universität hatte ich Angst vor Prüfungen. Aber das war eine gute Angst, eine Nervosität, die für das erforderliche Adrenalin sorgte, das meine Gedanken fokussierte. Sobald die Prüfung begann, verschwand die Angst.

Nach dem Studium machte ich den Führerschein und merkte, dass ich Angst vor dem Autofahren hatte. Der Gedanke, dass ich für einen Augenblick unaufmerksam sein und jemanden verletzen könnte, war mir unerträglich. Die Angst überkam mich nur, wenn ich über das Autofahren nachdachte, nie wenn ich tatsächlich ein Auto steuerte.

Eigentlich wäre die beste Lösung gewesen, mich einfach ins Auto zu setzen und loszufahren, dann wäre alles gut. Aber die abstrakte Angst verhinderte das Einsteigen ins Auto. Sie führte zu Selbsthass, weil ich nicht in der Lage war, einfache Dinge zu tun, die jeder andere ohne Anstrengung machte. Ich musste meinen Mann bitten, mich zu Terminen zu fahren. Das empfand ich als erniedrigend, weil ich es selbst schaffen wollte, das aber nicht konnte. Wieder war da diese Wut, die ich nicht kanalisieren konnte, weil sie sich gegen mich selbst richtete. Diese Art von Angst kann nur überwunden werden, wenn der Anreiz, sie zu überwinden, größer wird als die Angst selbst. Bei mir war es, dass ich meine Tochter ins Krankenhaus bringen konnte.

Im Krankenhaus mit Katharina erlebte ich die schlimmste Angst von allen, die Angst um das Leben des eigenen Kindes. Das ist eine ohnmächtige, alles umfassende Angst, eine Angst, die man nicht selbst überwinden oder auch nur beeinflussen kann. In den ersten Wochen ihrer Krebserkrankung konnte ich nicht schlafen, mein Unterkiefer verkrampfte sich, bis es schmerzte. Wenn Katharina schlief, weinte ich manchmal, das lenkte die Angst ein wenig ab.

Trotz dieser Angst, mit der ich mich am liebsten in eine dunkle Ecke verkrochen hätte, musste ich Katharina den ganzen Tag vorgaukeln, dass alles halb so schlimm ist. Bei jeder Untersuchung sang ich ihr lustige Lieder vor, um sie zu beruhigen. Oft kam mir das hohl vor, es war aber notwendig, um ihr die Angst zu nehmen. Es fiel mir schwer, den aufgesetzten Optimismus aufrechtzuerhalten. Andererseits versank ich dadurch nicht im Selbstmitleid und lernte mit der Angst umzugehen.

Jetzt habe ich nicht mehr oft Angst. Sie überkommt mich, wenn eines der Kinder krank wird. Dann weiß ich, dass ich mich nicht fürchten muss, spüre aber unwillkürlich einen Nachhall der Angst aus dem Krankenhaus. Andere Ängste habe ich überwunden, neue werden kommen. Aber jetzt weiß ich ungefähr, wie ich mit ihnen umgehen muss.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Angst

  1. Robert schreibt:

    Mich lähmt Angst nur, ich kann daran nichts Positives finden.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe mich viel zu lange von verschiedenen Ängsten lähmen lassen. Das ist nicht gut. Man muss Auswege finden. Bei mir waren es oft Zufälle, die mich spezielle Ängste überwinden ließen. Meiner Tochter dabei zu helfen, ihre Angst nicht zu spüren hat mir auch sehr viel beigebracht.
      Ich finde Angst auch nicht gut. Aber es gibt eine Form der Aufgeregtheit, die ich als Angst empfinde, die mich dazu bringt, mich besonders zu bemühen. Diese Angst meinte ich mit dem Eingangszitat. Was ich auch glaube, ist, dass man durch die Überwindung der Ängste durchaus stärker wird und sich selbst besser einschätzen lernt.

  2. Robert schreibt:

    Ja, aber schau dir an, wie Angsmacherei in großem Stil eingesetzt wird, um den Staus Quo zu erhalten, nachj dem Motto, wer Angst hat, überlegt nicht. Als Massenphänomen ist sie also fast immer negativ.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, als persönliches meistens auch. Umso wichtiger zu lernen, wie man sie überwindet. Ich glaube, weil ich manche Ängste überwinden gelernt habe, kann ich auf neue Ängste besser reagieren. Aber natürlich nicht auf alle. Ängste sind unberechenbar, leider.

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