Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

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Eigentlich wollte ich Krieg und Frieden von Leo Tolstoi nicht lesen. Allein der Anblick, dick wie ein Ziegelstein und winzig gedruckt, ließ mich erschauern. Über die Napoleonischen Kriege stand schließlich genug in irgendwelchen Kurzzusammenfassungen, um meinen wenig ausgeprägten Wissensdurst ohne wochenlangen Leseaufwand zu stillen. Dennoch musste ich wegen einer Wette dieses Buch lesen.

Anfangs fand ich das Buch furchtbar ermüdend, fand mich überhaupt nicht zurecht. Im Klappentext stand, dass über fünfhundert Personen in diesem Roman eine Rolle spielen. Auf den ersten 200 Seiten musste ich, vor allem wegen meines schlechten Namengedächtnisses, immer wieder zurückblättern, um verstehen zu können, welche Personen mit welchen anderen in Zusammenhang stehen. Bücher, die ich sonst las, waren bei dieser Seitenzahl schon fast zu Ende, dieses hatte noch kaum begonnen.

Doch dann kam plötzlich eine für mich überaus überraschende Wende: Das Buch interessierte mich, die Personen wurden mir vertraut, echte Begeisterung stellte sich ein und am Ende war ich froh, zu dieser Lektüre gezwungen worden zu sein, denn hier handelt es sich um eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.

KRIEG…

Tolstoi beschreibt in seiner Schilderung der Napoleonischen Kriege exemplarisch drei Schlachten und den Rückzug der französischen Armee aus Russland. Diese Schlachten sind Schöngrabern (1805, von den Russen gewonnen, für den Krieg nur von marginaler Bedeutung), Austerlitz (1805, von Frankreich gewonnen, führte letztlich zum Friedensschluss) und Borodino (1812, letzte Schlacht vor Moskau). Diese Schlacht fügte der französischen Armee jedoch empfindlichen Schaden zu und führte somit zu einer Pattstellung zwischen Frankreich und Russland. Napoleon wurde es dadurch verunmöglicht, Russland gänzlich zu unterwerfen.

Bei der Beschreibung der Schlachten zeichnet Tolstoi ein detailliertes Bild der Kriegsatmosphäre. Stellenweise musste ich innehalten und einzelne Szenen, für die Tolstoi nur wenige Sätze braucht, wie einen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen lassen. Eine ähnliche Atmosphäre ist mir nur aus den besten Historienfilmen bekannt, und dort werden hunderte Komparsen anstatt weniger Worte gebraucht.

Die einzelnen Schlachten von Napoleons Rückzug werden kaum geschildert, Tolstoi legt sein Hauptaugenmerk auf den russischen Guerillakrieg, der zur Zerstörung der französischen Armee führte. Dieser Rückzug wird in vielen Einzelepisoden beschrieben. Durch dieses Stilmittel wird das Guerillahafte des Krieges anschaulich zum Ausdruck gebracht.

Bei den Kriegsschilderungen beschränkt sich Tolstoi jedoch nicht auf die Beschreibung der Kampfhandlungen, er liefert sowohl szenisch als auch theoretisch detaillierte Analysen über deren Zustandekommen und Auswirkungen. Er demonstriert dabei deutlich, dass Sieg nicht gleich Sieg ist, dass ein Sieg auch eine Niederlage sein kann. Gleichzeitig wird die Theorie des Krieges reflektiert und die Geschichtsschreibung kritisch unter die Lupe genommen. Dabei führt Tolstoi einen regelrechten Feldzug gegen die Historiker seiner Zeit. Manchmal glaubt man zu spüren, wie Tolstoi die Feder in der Hand zittert vor Wut über die Unzulänglichkeiten der Geschichtsschreiber.

…UND FRIEDEN

In Friedenszeiten beschreibt Tolstoi das Treiben des Adels. Der Schwerpunkt wird dabei auf die Einladungen und Bankette des Hochadels gelegt, die keineswegs ausschließlich dem Vergnügen gewidmet sind, sondern vielmehr stattfinden, um Adelssprösslinge günstig unter die Haube zu bringen. Dies erfordert nicht selten geschickte Intrigen und komplizierte Verhandlungen, Liebe ist nur äußerst selten im Spiel.

Andere Friedensbeschäftigungen des Adels, wie die Vergnügungen der jungen Edelmänner, die Jagd, das Verwalten von Gütern, Duelle, etc. werden ebenfalls beschrieben, genauso wie die Liebe, deren Erfüllung oder aber auch deren standesgemäße bzw. finanzielle Unmöglichkeit.

Obwohl die Friedensschilderungen sehr interessant sind, ertappte ich mich immer wieder dabei, die Kriegskapitel herbeizusehnen. Ob nun Prinz X Gräfin Y aus Geldgier oder Leidenschaft ehelichen will, interessierte mich weit weniger als die Gründe für Napoleons Überfall auf Russland und für den späteren Rückzug der Franzosen.

KRIEG UND FRIEDEN

Der Klappentext des Buches beschreibt drei Hauptdarsteller des Romans, André, Pierre und Natasha. Trotzdem scheinen nur André und Pierre die Protagonisten der Geschichte zu sein. Sie werden als Gegenpole gegenübergestellt. Natasha wirkt eher wie Lückenbüßern, die sowohl das Leben der beiden Hauptdarsteller in die richtigen Bahnen zu lenken, als auch einige von Tolstois Theorien zu untermauern hat.

André ist ein sehr besonnener, zielstrebiger und vor allem entschlossener Mann. Er dient seinem Land, sowie seinen geschäftlichen Interessen. Dabei zählen für ihn nicht Tapferkeit oder Menschlichkeit, für ihn ist allein der persönliche Nutzen entscheidend. Im Krieg wird er dabei zweimal verwundet. In Friedenszeiten führt er eine beispiellose Befreiung der Leibeigenen durch, zur Steigerung der Produktivität seines Gutes.

Er verliebt sich in Natasha. Wegen eines anderen Mannes löst sie die Verlobung auf. Da er ihr, nachdem sie bemerkt, dass sie doch zu ihm gehört, nicht verzeihen kann, zieht er wieder in den Krieg. Als sich ihre Wege wieder kreuzen, ist er bereits schwer verwundet und Natasha pflegt ihn bis zu seinem Tod.

Pierre hingegen ist unentschlossen, lässt sich durchs Leben treiben. Er erbt große Reichtümer, heiratet halbherzig. Weil er seinem Leben Sinn geben will, tritt er den Freimaurern bei, beschließt Gutes zu tun und seine Leibeigenen zu befreien. Doch auch dies macht er halbherzig, sein Interesse reicht nicht so weit, dass er den Befreiungsprozess genau überwacht. Daher wird ihm eine verbesserte Situation der Sklaven nur vorgespielt, geändert hat sich nichts für sie. Sein nächstes Projekt, ist es dem Kriegsgeschehen zuzusehen. In Phantasieuniform reitet er in die Schlacht, ist dort eher ein Hindernis als eine Hilfe, der Krieg scheint ihm wie ein Schauspiel. Als die Franzosen Moskau besetzen, beschließt Pierre dorthin zu gehen, um Napoleon zu töten. Auch dieser Plan scheitert an Pierres Halbherzigkeit, bevor er noch richtig beginnen kann. Pierre wird von den Franzosen gefangengenommen und muss einen Teil des französischen Rückzuges mitmachen. In seinem Elend als Gefangener entdeckt er Zufriedenheit, Freiheit und seinen Lebenssinn. Er wird besonnener und entschlossener. Wieder aus der Gefangenschaft befreit, erfährt er, dass er Witwer geworden ist, heiratet Natascha, kümmert sich endlich zielstrebig um seine Geschäfte.

Tolstoi zeigt in seinem großen historischen Roman die fundamentalen Fehler der Geschichtsschreibung auf. Er demonstriert die Unrichtigkeit des von Historikern immer benutzten Postulats, dass einzelne Herrscher oder Generäle allein für den Verlauf der Geschichte verantwortlich sind. Jene in den Heldenstatus erhobenen Personen müssten demzufolge ausschließlich nach ihrem uneingeschränkt freien Willen handeln können, unabhängig von allen äußeren Umständen. Dies ist jedoch nicht möglich. Schlachten werden durch Faktoren entschieden, die nicht oder nur wenig beeinflussbar sind, wie geographische Gegebenheiten, klimatische Verhältnisse, die Moral der Armee, die Abnutzung der Soldaten, die Aufrechterhaltung der Befehlskette, usw.

Somit sind historische Ereignisse immer abhängig von allen teilnehmenden Personen, vom Herrscher bis zum kleinsten Bauern. Kriege werden nicht von Generälen gewonnen oder verloren, sondern vom gesamten Volk.

Tolstoi untermauert diese Theorien sowohl durch seine Analysen des Kriegsgeschehens, als auch durch die Handlungen seiner Figuren. Die äußeren Umstände, die Ereignisse in ihre Bahnen lenken, werden dadurch selbst einem historischen Laien wie mir sehr anschaulich erklärt. Tolstois Thesen haben auch noch heute Gültigkeit, sind nicht abhängig vom geschilderten Krieg.

Dennoch fehlte mir etwas Substanzielles: Das „gemeine Volk“, dem Tolstoi so viel Bedeutung beimisst, kommt so gut wie nicht vor. Es scheint ihn nicht zu interessieren, es ist aber auch nicht nötig zur Erklärung seiner Theorien. Trotzdem ging es mir ab. Ich fand, das Buch schreit geradezu nach einigen Episoden, in denen gewöhnliche Soldaten, Bauern oder Leibeigene eine tragende Rolle spielen.

Vermeidliche und unvermeidliche Umstände stehen immer dem freien Willen einzelner Individuen gegenüber. Es kann das eine niemals ohne das andere existieren. Dass dies nicht nur für die Kriegführung gilt, sondern auch für das Privatleben in Friedenszeiten, zeigt Tolstoi an seinen Protagonisten.

So kann aus den edelsten Motivationen das Falsche getan werden, oder aus Gründen des Selbstzwecks Edles (Befreiung der Leibeigenen durch Pierre und André). Man kann die Freiheit in der Gefangenschaft finden (Pierre). Das individuelle Kriegsschicksal kann sich in Friedensumständen entscheiden, die gar nichts mit Kriegsereignissen zu tun haben (André). Man kann aus freien Stücken als einfältiger, gelangweilter Popanz losziehen und durch äußere Umstände als entschlossener, zufriedener Mann zurückkehren (Pierre).

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

  1. SandraS schreibt:

    Das liegt schon 10 Jahrebei mir herum, ohne dass ich mich rangetraut habe. Vielleicht wage ich es jetzt doch

  2. lisimoosmann schreibt:

    Mein literarisches Projekt für 2013, zusammen mit den Brüdern Karamasow

    • Karin Koller schreibt:

      An den Brüdern Karamasov bin ich damals gescheitert (ich war aber erst 18 und auf dem Klappentext stand, das wäre ein Krimi – das darf man sich nicht erwarten). Ich hatte später auch Mühe mit Schuld und Sühne, obwohl das für viele das großartigste Buch aller Zeiten ist.

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