Ruhestand

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 41

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Nun war er also gekommen, der sogenannte wohlverdiente Ruhestand, nach der mühsamen Schufterei in den letzten acht Monaten. Zum Glück begann diese zwischenzeitliche Pensionierung für mich nach einem erholsamen Urlaub in Italien, den ich hauptsächlich verschlafen hatte. Es wäre kaum auszudenken gewesen, wenn ich diesen so wichtigen Lebensabschnitt schon erschöpft und abgespannt begonnen hätte.

Voller guter Laune sprang ich gemeinsam mit Michael aus dem Bett. Sofort machte ich mich daran, für meinen schwer arbeitenden Ernährer ein Mittagsjausenbrot zu bereiten. Hungrig sollte er natürlich nicht sein, wenn er nun ganz allein Frau und Kind versorgen musste. Liebevoll schmierte ich Mayonnaise auf eine Seite des aufgeschnittenen Babybaguettebrötchens, Leichtmayonnaise natürlich, das verstand sich doch von selbst, denn als Hausmütterchen musste ich meine Familie vor Herzverfettung bewahren. Dann legte ich eine Schicht halbierter Cocktailtomaten auf das bestrichene Brot und deckte diese sanft mit Parmaschinken zu. Nachdem ich das Ganze mit einer Lage hauchzart gehobeltem Parmesan garniert hatte, klappte ich das Brötchen zu. Das muss ich wohl in stummer Selbstzufriedenheit über mein erstes Werk als Hausfrau etwas heftig zugedrückt und einige der Cocktailtomaten zerquetscht haben. Schnell wischte ich den Tomatensaft weg, sollte nichts Schlimmeres passieren, und wickelte das Brot in Alufolie. Feierlich ging ich zu Michael, der gerade seine Rasur beendet hatte, und überreichte ihm sein Jausenbrot.

„Wieso bist du denn schon auf? Jetzt hast du doch frei und kannst ausschlafen“, es klang fast wie ein Vorwurf. So als ob ihm das erste Zur-Arbeit-Gehen nach dem Urlaub leichter fiele, wenn ich für ihn weiterschlafen würde.

Natürlich ließ ich mich nicht beirren, „Ich habe dir ein Mittagsbrötchen gemacht, ein Luxusbrötchen sogar mit allen Schikanen.“

„Das ist sehr lieb von dir, aber ich weiß noch gar nicht, ob ich heute dazukomme, eine Mittagspause zu machen.“

„Nimm’s halt mal mit, dann siehst du ja, ob du es willst oder nicht.“

Michael würde sich wohl auch erst daran gewöhnen müssen, eine treusorgende Frau zu Hause zu haben, deren wichtigste Aufgabe es war, für sein Wohlbefinden zu sorgen, oder so ähnlich zumindest. Bald würde er alle Vorzüge unserer neuen Situation erkennen und sich in Dankbarkeit in unser neues Familienidyll einfügen.

Nach der frühmorgendlichen Brotanstrengung hatte ich mir eine Pause redlich verdient. Beim Frühstück las ich ein Buch eines chinesischen Nobelpreisträgers. Das war zwar stinklangweilig, war aber Teil meines Plans, mich weiterzubilden und nicht bei banaler Hausarbeit zu verblöden. Außerdem hatte eine solche Lektüre den Vorteil, dass sie sich wie harte Arbeit anmutete und nicht wie Zeitvergeudung, um intensive Hausarbeit zu vermeiden. Natürlich war das auch wieder nur eine Form von Selbstbetrug, denn was nutzte es, wenn man chinesische Nobelpreisliteratur gelesen hatte, wenn man doch mit niemanden darüber reden konnte und zusätzlich direkt nach dem Lesen alles wieder vergaß?

So weit war es wohl noch nicht mit mir gekommen, dass ich mich vor alte, oder noch schlimmer neue Bekanntschaften hinstellte und ungefragt verkündete: „Seht nur, ich habe ein Buch von einem Nobelpreisträger aus China gelesen.“ Obwohl, wenn ich es mir so recht überlegte, wäre es vielleicht ausprobierenswert, sich, wenn das Baby erst mal geboren war, in eine Stillgruppe einzuschleichen, ebensolches zu verkünden und die Reaktion der bebirkenstockten Stillenden abzuwarten. Aber vermutlich war mehr Substanz und weniger Eigenloberforderlich, um die Ökotanten aus der Reserve zu locken, und auf fremde Brüste schauen zu müssen, während man öffentlich seine eigene entblößte, war wohl ein zu hoher Preis für einen kleinen Jux.

Außerdem hatte ich noch viel wichtigere Dinge zu erledigen. Hurtig flitzte ich durch die Wohnung, räumte all den Krimskrams auf, der in allen Zimmern verstreut war, saugte Staub, wischte die Böden und machte sonst noch so einiges, um die Wohnung in selten gekanntem Glanz erstrahlen zu lassen.

Somit war mein erstes hausfrauliches Tagwerk bis auf die Essensbeschafftung und Zubereitung erledigt. Eigentlich war der Tag viel kurzweiliger verlaufen, als ich mir das vorgestellt hatte, als ich noch eine vielbeschäftigte Karrierefrau war. Wer behauptete denn, dass man als Hausfrau keinen straffen und erfüllten Tagesablauf haben konnte, selbst wenn man nur eine kleine Wohnung und noch keine Kinder zu versorgen hatte?

Dann schaute ich auf die Uhr. Es war kurz nach Neun. Na ja, vielleicht war der Tag noch nicht vorbei, aber immerhin war er bisher zur Gänze sinnvoll genutzt worden. Für mich war das Anlass genug, mir eine kleine Kaffeepause zu gönnen. Um in dieser Rekreationsphase anstrengende Mühen zu vermeiden, ließ ich mein Buch an seinem Platz und schaltete lieber den Fernsehapparat ein. Es war ja wirklich nicht so, dass ich mir eine dieser Talkshows anschaute, die tausende und abertausende nicht-berufstätige Frauen in ihren Bann ziehen, sie völlig abhängig machen und schließlich nach Jahren als Wracks, die zu keinem Gedanken jenseits der vorgekauten Talkshowkategorien fähig waren, wieder freigaben. Geschworen hatte ich mir, dass ich niemals anfangen würde mit der Talkshowschauerei, lieber würde ich noch, auch bei größter Langeweile an die Decke starren oder meine Fußsohlen betrachten, beides wären durchaus sinnvollere Beschäftigungen.

Immerhin hatte ich Glück, nicht schon an meinem ersten nicht-berufstätigen Tag in den Talkshowbann gezogen zu werden, die würden nämlich erst mittags beginnen. Nach dem Durchzappen aller Kanäle entschied ich mich bei mäßiger Auswahl für eine Reality-Actionshow oder wie auch immer das genannt wurde. Bei dieser Show wurden Paare von für mich eher zweifelhafter Prominenz, ich kannte weder deren Namen noch hatte ich jemals deren Gesicht selbst bei intensiver Verfolgung der Prominentenklatschsendungen jemals gesehen, in die Wüste geschickt, um todesmutig Aufgaben für einen guten Zweck zu bestehen. Immerhin eine rühmliche Aufgabe, durchaus sehenswert, dachte ich mir, es ging ja darum, die Armen und Entrechteten zu unterstützen. Die Prominenten wurden bei sengender Gluthitze durch die Dünen gehetzt, mussten sich in Schlangengruben wälzen und sich von feuerspeienden technischem Gerät verbrennen lassen. Tapfer hielten sie durch, kämpften bis zur Erschöpfung. Längst schon schien das Gewinnen für sie zu einer Frage der Ehre geworden zu sein.

Da ich meinen Kaffee schon ausgetrunken hatte und nicht zu viel Zeit mit dieser hirnverbrannten Sendung vergeuden wollte, aber trotzdem gespannt auf deren Ausgang war, begann ich mit meiner Schwangerschaftsgymnastik. Immer seltener konnte ich mich dazu aufraffen, da mir langsam die Bewegungen schwer fielen. Als ich so wie eine Seekuh am Boden lag und die Beine in komischem Winkel von mir streckte, was anscheinend zu einer leichten Geburt führen sollte, konnte ich das Fernsehbild nicht mehr sehen. Aber was ich zu hören bekam war auch nicht gerade ohne. Eines der Paare musste gerade eine besonders schwierige Aufgabe lösen, für deren Bewältigung offenbar besondere Motivation notwendig war. Selbst völlig außer Atem ermunterte der pseudoprominente Mann seine pseudoprominente Freundin mit einem hingekeuchtem „Oh, ja, du bist so groß, Baby.“

Schnell rappelte ich mich hoch, um nachzusehen, ob die Wüstenabenteueraufgabe sich denn wirklich geziemte für das Vormittagsprogramm, oder ob ich mich bei meinen Übungen vielleicht versehentlich auf die Fernsteuerung gewälzt hatte und dadurch einen obskuren und bisher unentdeckten Pornokanal auf den Bildschirm gerufen hatte. Letzteres war aber nicht der Fall und das zeigte mir, dass ich wohl keine Ahnung hatte von modernem Mentalcoaching.

Da man das Verfolgen solcher Sendungen durchaus als soziale Studie moderner Massenmedien werten konnte, hatte ich meine Zeit doppelt nicht vergeudet. Außerdem hatte ich mir dadurch mein Mittagsschläfchen redlich verdient.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Ruhestand

  1. SandraS schreibt:

    Kenn ich gut, diese Phase, gut beschrieben, lol

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