Diese Woche konsumiert: Klarnamen und Nicks

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Einer der Vorteile des Internets ist die Interaktion. Blogs, Social Media Plattformen oder Onlinezeitschriften bieten jedem, der das möchte, die Möglichkeit der Meinungsäußerung. Immer wieder wird darüber diskutiert, inwieweit ein Nick die Kommentatoren hemmungsloser macht, als sie es unter ihrem Klarnamen gewesen wären.

Auf meinem kleinen Blog bin ich immer froh um Kommentare. Unglaublich erstaunt hat mich, wie wohlwollend die Kommentare im Allgemeinen sind. Nur hin und wieder schleicht sich eine Beschimpfung ein, die – wenn ich gerade ich nicht zur Stelle bin – sofort von anderen Kommentatoren niedergeschmettert wird. Natürlich ist mir bewusst, dass mein Blog keine große Öffentlichkeit erreicht und dass man mit einer Hausfrau, die gratis ihre Anekdoten zum Besten gibt, nachsichtiger umgeht, als mit bezahlten „Experten“.

Die meisten Onlineausgaben von Zeitungen und Zeitschriften lassen die Interaktion mit ihren Lesern zu. Wenn man die eine oder andere Kommentarseite liest, fällt auf, dass die Kommentare zum Großteil das Niveau der Zeitung reflektieren. Dumpfes Geschimpfe zu allen möglichen Themen (unter Gebrauch von sehr vielen Satzzeichen zur Untermalung der Stimmung), Untergriffe und Angriffe auf andere Kommentatoren finden sich häufig bei krone.at oder bei vol-at. Bei DerStandard sind die Kommentare sachlicher, weniger untergriffig, obwohl es natürlich auch dort Querulanten gibt. Manchmal sogar sind die Kommentare dort interessanter als die Artikel selbst.

Von den Kommentatoren und Website-Betreibern gut gepflegte Kommentarseiten sind durchaus in der Lage, den publizierten Artikeln eine weitere Dimension zu verleihen. Ob die Kommentatoren ihren eigenen Namen verwenden oder nicht, spielt keine wesentliche Rolle. Ich glaube, die Verwendung eines Nicks führt nur in den extremsten Fällen zur Enthemmung.

Und um Inhalte geht es, das darf man bei der Klarnamendiskussion nicht vergessen. Immer wieder höre ich, wie jemand eine – sachliche oder unqualifizierte – Kritik von einer Person, die ein Nick verwendet, mit den Worten niederschmettert: „Jemand, der sich hinter einem Nick versteckt, braucht mir gar nichts sagen.“ Oder: „Mit einem Nick kann man konsequenzenlos andere beschimpfen, fertigmachen, vernadern.“ Manchmal erscheint es beinahe, als würden jene, die mit Nick-Personen sprechen, die Hemmungen verlieren.

Gerade das Wort „konsequenzenlos“ erstaunt mich in diesem Zusammenhang immer wieder. Wenn ein Kommentar strafrechtlich relevant ist (wegen Verhetzung, Rufschädigung, Ehrenbeleidigung etc.) wird man den Urheber des Kommentars mit und ohne Klarnahmen ausfindig machen. Wenn der Kommentar beleidigend ist oder sich anderweitig im Ton vergreift, wird man ihn löschen, ignorieren oder den Kommentator blockieren oder sperren (je nach verwendeten Medium). Man wird bei Kommentatoren mit Klarnamen nicht die Adresse ausfindig machen und ihnen einen Sack voll Müll in den Garten kippen, man wird auch nicht losgehen und den Kommentator verprügeln (sonst macht man sich selbst strafbar). Die angemessenen Konsequenzen von unangemessenen Kommentaren sind eben auch unabhängig davon, ob ein Nick verwendet wird oder nicht.

Ein weiteres Argument, das man oft hört, ist: „Ich möchte eben wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

Wenn sich jemand Herbert Huber nennt, kann ich nicht wissen, ob er so heißt. Ist ein Bild eines Mannes auf seinem Gravatar, kann ich auch nicht wissen, ob ihn das auch tatsächlich darstellt. Es ist mir aber auch egal. Nennt sich jemand „The Hulk“, „GuardiolaisGod“, „BigBooobs“ oder „Philosophicus“ kann ich mir ein bisschen zusammenreimen, was diesen Menschen bewegt. Der Nick ist oft wesentlich aussagekräftiger als der Name gewesen wäre.

Viele Kommentare hier auf meinem Blog werden auch unter einem Nick, einem Vornamen, einer Abkürzung gepostet. Mich stört das überhaupt nicht. Wenn jemand anonym bleiben will, ist das sein/ihr gutes Recht. Mich interessieren die Reaktionen auf meine Artikel, die Inhalte der Kommentare.

Es gibt viele Motive für Nicks. Sie können wichtig sein als Selbstschutz, zum Beispiel weil man seine Vorlieben nicht für jeden im eigenen Umfeld (Arbeitgeber, Freunde, Familie, Nachbarn) sichtbar machen will, aber sich dennoch darüber austauschen möchte. Sie können Mut geben, weil man sich vielleicht unter dem eigenen Namen gar nicht getraut hätte, über ein Thema zu sprechen. Sie können das Leben in verschiedene Kompartiments einteilen. Es ist durchaus denkbar, dass jemand in einem Online-Buchklub mit einigen Leuten über Tolstoi diskutiert, sich unter einem Nick mit einer anderen Gruppe über Sexerlebnisse oder Piercings austauscht und kein Interesse daran hat, dass die eine Gruppe von der anderen weiß. Vielleicht betreibt jemand in seiner Freizeit ein Kunstprojekt, das er mit einem Blog unter einem Künstlernamen veröffentlicht, weil er es völlig entkoppeln will von seinem Alltag.

Oder aber man möchte sich ganz einfach mit einem Wort definieren, damit alle, die sich unter dem echten Namen „Hans Maier“ oder „Anna Müller“ noch keine Person vorstellen können, die aber mit „OntheBeach“ oder „FragmentsofaRainySeason“ sofort etwas assoziieren, wissen, mit wem sie es ungefähr zu tun haben.

Was daran verwerflich sein soll, wird man mir nicht erklären können.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Klarnamen und Nicks

  1. dorothea schreibt:

    ich bin grundsätzlich dafür, mit offenem visier zu kämpfen, und dazu gehört für mich auch unter eigenem namen aufzutreten; allerdings kann ich nachvollziehen, gerade in anbetracht der bekannten corporate-angestelltenbespitzelungen, dass in bestimmten situationen der auftritt unter eigenen namen kontraproduktiv sein kann, gerade wenn es der arbeitgeber mit der meinungsäusserungsfreiheit nicht besonders ernst nimmt; ich kenne zb jemanden, der in einer christlichen organisation als buchhalter arbeitet und grösste schwierigkeiten bekam, weil er den papst in einem forum kritisiert hat; also, klarnamen wären wünschenswert, aber voraussetzung wäre, dass nieman, der innerhalb des gesetzlich erlaubten seine meinung äussert, deshalb schwierigkeiten bekommen kann; solange das nicht garantiert ist, muss jeder selbst entscheiden, wie er auftritt;

    • Karin Koller schreibt:

      Was man in dieser Diskussion immer außer Acht lässt: Wenn jemand als Herbert Huber auftritt, bedeutet das noch lange nicht, dass die Person so heißt. „Normale“ Namen erwecken den Anschein von Offenheit. Bei einem Nick weiß man gleich, woran man ist. Das könnte man auch argumentieren.

      • Hofnarr schreibt:

        Ich wurde einmal in Blog-Diskussionen definitiv für alle Zeit gesperrt, weil man mich nicht unter Hofnarr (Nickname) dabei haben wollte (nicht mal, weil meine Meinung daneben war!).

        Daraufhin habe ich auf diesem Blog jedesmal Normalnamen benützt, immer wieder andere, manchmal weiblich, manchmal männlich, wie’s mir gerade in den Sinn kam, aber stets mit der gleichen E-mail-Adresse beim Anmelden, um weiter diskutieren zu können.

        Die haben sage und schreibe erst nach 8 Monaten gemerkt, dass alle diese unterschiedlichen Vornamen und Nachnamen ebenfalls nie mein Real-Name war und dass ich da offenbar während der ganzen Zeit zu den unterschiedlichen Postings fast täglich meine Meinung kundtat… Erst nach 8 Monaten hatte ich dann per Privat-Mail, nicht etwa auf dem Blog, einen bitterbösen Kommentar vom Blog-Besitzer dazu, dass ich diese Frechheit hatte, derart viele unterschiedliche, gewöhnliche Namen zu benützen, sodass ich schliesslich nach Deutschland anrief und die Sache beim Blog-Besitzer richtig stellte. Er dachte wirklich, ich sei ein krimineller Betrüger, aber ich sagte ihm, dass es wirklich einerlei sei und jedenfalls Sache des Einzelnen, ob er nun alles über sich selber weltweit übers Internet offenlegt oder eben ganz genau weiss, warum er sich durch Anonymität jedenfalls schützen will.

        Schliesslich gehen wir in demokratischen Staaten mit direkter Demokratie, wie es die Schweiz ist, auch lieber ohne Namen abstimmen, freuen uns aber darüber, wenn unsere Meinung durchaus gehört wird oder gar in Abstimmungen zum Durchbruch für wichtige Veränderungen in der Politik durchdringt.

        Tatsächlich kann kein Blog-Besitzer bei gewöhnlichen Synonymen wissen, ob dies nun
        der reale Name des Schreibers ist oder eben nicht! Dennoch ist die geäusserte Meinung wohl durchaus sinnvoll… Solche Auflagen, ob nun strikte Real-Namen oder Nick-Name zugelassen werden, sind daher müssig und vertreiben gute Kommentatoren für immer von Blogs, wo es sinnvoll wäre, auch mal andere Meinungen zu dokumentieren, nicht stets die immer Gleichen.

  2. whycantiseeemilyplay schreibt:

    ich bewundere Leute, die wie Du unter eigenem Namen auftreten.

  3. Hofnarr schreibt:

    Es ist eine Frage des Charakters, wie man in der Kommunikation mit anderen (auch im Internet) miteinander umgeht, auch, ob man regelmässig Schimpfwörter benützt, Vorverurteilungen vornimmt oder anderer Leute Meinungen, selbst wenn sie anders sind als die eigenen, grundsätzlich zuallererst einmal als Ansichten akzeptieren kann oder in jedem Fall vollumfänglich negiert und den anderen jedenfalls klein macht, um die eigene „Grösse“ oder „Stärke“ zu demonstrieren. Dies ist im Alltag so, aber auch im Internet!

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