Pensées: Im Museum

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  1. Als ich noch zur Schule ging, war mir in den meisten Museen todlangweilig. Warum das so war, weiß ich auch nicht mehr (meine Kinder gehen gerne ins Museum).
  2. Besonders langweilten mich Museen, in denen Werke aus früheren Jahrhunderten ausgestellt sind.
  3. In die Glyptothek in München habe ich mich bis heute nicht mehr hineingetraut, aus Angst, das damals bei der Exkursion im Rahmen des Lateinunterrichts von den hunderten für mich nahezu identisch aussehenden Steinschädeln ausgelöste Trauma könnte sich wiederholen.
  4. Die Vatikanischen Museen fallen mir ein, deren mit von verklärt katholischen Motiven beseelten Schinken nur so strotzende Korridore nicht mehr aufhören wollten, wo ich doch solchen Hunger auf ein Stück Pizza hatte.
  5. Oder der Louvre mit seiner Überfülle von neben und übereinander hängenden opulenten Schlachtenbildern, zu denen ich keinerlei Bezug hatte. Die winzige Mona Lisa mit den Menschentrauben, die den Blick auf sie verstellen, war überhaupt eine der größten Enttäuschungen meines jugendlichen Kunstempfindens.
  6. Museen, mit moderner Kunst, gefielen mir besser. Im Centre Pompidou glaubte ich, die moderne Welt zu erahnen (obwohl die meisten Bilder auch schon 50 oder 100 Jahre alt waren), den Aufbruch aus der verstaubten Muffigkeit der überladenen Schwulstwerke.
  7. Später, ich war schon 19, besuchte ich den Prado, eigentlich hauptsächlich weil man das eben machte, wenn man in Madrid war, ein weiteres riesiges Monster, das es zu durchschreiten galt, bevor man abgefüttert wurde und sich sein Bier hinunterschütten konnte.
  8. Zunächst entsprach der Prado auch meinen Erwartungen. Ein Rubensbild (Pedro-Pablo Rubens wurde er hier genannt) reihte sich ans nächste. Wie konnte ein einzelner Mensch so viele rosige Schenkel, speckige Hintern und plumpe Brüste malen? Goya war auch nicht viel besser – grelle Rosigkeit, schaurige Motive, keinerlei Bezug zu meinem Leben. Gelangweilt schleppte ich mich durch das Museum.
  9. Dann aber sah ich den Garten der Lüste von Hieronymus Bosch. Und ein Jesusbild von El Greco, vor dem ich einfach stehen bleiben musste. Der Mann auf dem Bild strahlte eine Ruhe aus und gelichzeitig eine Traurigkeit und Güte, dass selbst ich als Atheistin zu begreifen begann, warum so viele Menschen von ihm fasziniert sind.
  10. Dem Spätwerk Goyas war ein eigener Raum gewidmet. Als ich El Tris de Mayo sah, verstand ich, wie viel Emotion in einer szenischen Darstellung stecken konnte, wie viel Wut über die Ungerechtigkeit. Ich sah auch deutlich, woher die Expressionisten ihre Inspiration genommen haben mussten.
  11. Die Erfahrung im Prado hat mich immer noch nicht zu einer Liebhaberin alter Meister gemacht, aber immerhin hat sie ein Umdenken herbeigeführt.
  12. In London besuchte ich das Victoria & Albert Museum und das British Museum (und in jedem Raum musste ich daran denken, ob die Ausstellungstücke rechtmäßig erworben, oder einfach entwendet wurden, während man das Empire aufbaute).
  13. Als ich letztes Jahr das Buch A History of the World in 100 Objects las, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, an wie vielen Gegenständen ich in einem Museum achtlos vorbeiging, sie als langweilig empfand, weil ich ihre Geschichte, ihre Verwendung, die Hintergründe ihrer Entstehung nicht kannte.
  14. Auf die Idee, in Wien ein Museum zu besuchen, während ich dort studierte, kam ich allerdings nicht.
  15. Dann las ich das Buch Headlong von Micheal Frayn.
  16. Es ist die Geschichte eines Schriftstellers, der durch Zufall eines der verlorengeglaubten Kalenderbilder  Bruegels findet. Die Beschreibung des Bildes in jedem Detail, bis ich es beim Lesen vor mir sah, die Spekulation, es könnte sich um subversive Propaganda gegen die katholische Obrigkeit gehandelt haben, faszinierten mich ungemein.
  17. Bei der nächsten Gelegenheit besuchte ich das Kunsthistorische Museum, um mir die Bruegelbilder anzusehen. Und ich war begeistert.
  18. Ich verstand, dass ich in einem Bild mehr sehen konnte, als nur das Motiv als Gesamtkunstwerk: Die Maltechnik konnte interessant sein. Alltagsgegenstände, die nebenbei dargestellt waren, sagten viel über ihre Zeit aus. Von den Bauwerken und Straßendarstellungen erfuhr ich etwas über die Lebensweise der Leute.
  19. Seitdem gehe ich am liebsten in Museen, in denen alte Kunstwerke oder Gegenstände ausgestellt sind und die moderne Kunst hat einiges an Reiz für mich verloren.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Pensées: Im Museum

  1. Rupert schreibt:

    Ich sehe, was du ansprichst, allein, es fehlt mir selbst der emotionale Zugang gerade zu den meisten alten Schinken. Und, für historische Alltagsbeobachtungen eignen sich doch viele andere Orte besser als Kunstmuseen, scheint mir.

  2. Hofnarr schreibt:

    Warum eigentlich sind es bloss Kunstmuseen, die Du einstmals derart zahlreich besuchtest? In Sachen Kunst gäbe es doch auch Galerien… aber andere Museen mit anderen Themen, zB. ein Spielzeug-Museum, Römer-Museum, Naturhistorisches Museum, Aegyptisches Museum, Spieldosen-Museum, Ostereier-Museum etc. können völlig anders faszinieren, weil dort völlig andere Geschichten die Ausstellungsstücke begleiten. In jedem Fall aber lohnen sich immer Museum-Führungen, weil dann Wissen vermittelt wird, auf das man nicht selber kommt, weil das Thema aus der Vergangenheit stammt..

    • Karin Koller schreibt:

      Es waren nicht nur Kunstmuseen. Im Artikel habe ich auch geschrieben, dass ich im British Museum war. Mit den Kindern gehe ich in Naturkunde- oder Spielzeugmuseen, etc. Ich wollte nur dieses Aha-Erlebnis im Kunstmuseum festhalten.

  3. Hofnarr schreibt:

    Vielleicht sind aber gerade diese Museen, die Du mit den Kindern besuchtest, für die Kinder deshalb faszinierender und darum auch beliebter bei ihnen, weil sie sie altersgerechter und interessanter ansprechen, als jene vielen Kunst-Museen, die Du im gleichen Alter oder etwas später aufsuchen musstest, wer oder was auch immer es war, der oder das Dich zwang, Dir langweilige Kunst-Museen anzusehen. Im weiteren haben wir bei uns in der Region im Raum Basel heutzutage grossartige Museums-Tage für die ganze Familie sowie auch Sommerferien-Programme für die daheimgebliebenen Kids, um eben gerade alle Museen der Region mit all ihren Themen aus ihrer Verstaubtheit herauszureissen und für Besucher jeden Alters neuerdings interessanter und aktueller zu gestalten. Das regt an, wieder vermehrt in interessante Museen zu gehen neben den anderen Angeboten unserer heutigen, schnelllebigen Zeit…

  4. Genevieve schreibt:

    schöner beitrag, danke lg

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