Dramaqueen und Held für einen Tag

Dramaqueen

Mein Bub hatte in den Weihnachtsferien einen Unfall und musste unter der Unterlippe außen und innen genäht werden. Die Nähte sollten am ersten Schultag nach den Ferien entfernt werden.

In der Zwischenzeit konnte er nur mit Mühe essen und sprechen, die Lippe war geschwollen und die Haut auf der Lippe schälte sich. Vor dem ersten Schultag war ihm nicht geheuer, weil er befürchtete, durch das Ziehen der Nähte würde die Lippe noch weiter anschwellen und er würde von seinen Klassenkameraden ausgelacht werden.

Also versprach ich ihm, er kann nach dem Krankenhausbesuch zu Hause bleiben. Sofort legte sich seine Beunruhigung.

Am Morgen sagte ich der Kleinen, sie soll in der Schule ausrichten, dass ihr Bruder heute nur kurz im Krankenhaus ist und morgen wieder in die Schule kommen wird. Obwohl die Kleine eigentlich nicht schüchtern ist, wollte sie das nicht der Lehrerin, sondern einem Mädchen aus der Klasse des Buben sagen. Vielleicht habe ich etwas unklar formuliert, was sie sagen sollte. Ich dachte nicht weiter darüber nach.

Die Nähte wurden gezogen, der Bub war tapfer, keine Schwellung entstand und dem Schulstart am nächsten Tag stand nichts mehr im Weg. Die Kleine kam am Mittag nach Hause. Ja sicher, sagte sie, habe sie alles ausgerichtet.

Kurz nach dem Mittagessen erhielt ich den Anruf einer Mutter. Wie es denn dem Buben gehe, ob er sehr schwer krank sei. Sie habe schon eine Karte besorgt, auf der alle Kinder unterschreiben würden und wann man den Buben denn besuchen könne.

Zuerst wusste ich gar nicht, wovon sie sprach und schaute sicherheitshalber nach, ob der Bub noch in seinem Zimmer spielte. Ich fragte die Kleine, was sie in der Schule ausgerichtet hatte. „Nur was du gesagt hast“, war die Antwort.

Sie muss mit erstickter Stimme „Bruder“ und „Krankenhaus“ gesagt haben und dann wagte es aufgrund ihrer Vorgeschichte wahrscheinlich niemand mehr, sie zu fragen, was eigentlich los sei.

Am Nachmittag hatte sie Chorprobe. Als ich sie von dort abholte, umringte mich eine Traube von Volksschulkindern.

„Wie geht es ihm? Ist er schwer verletzt? Erzähl doch, was passiert ist“, riefen sie durcheinander und sahen mich erwartungsvoll an.

Sie waren so enttäuscht, als ich ihnen von Kurzbesuch im Krankenhaus erzählte, dass ich noch den Unfall, so blumig ich konnte, schilderte, wie er sich ein Loch gebissen hatte und wie dieses wieder zusammengenäht wurde. Sofort kam das Leuchten in ihre Augen zurück. Mein Sohn war ein Held für sie. Ein Mädchen schrie sogar verzückt: „Bitte hör auf mit diesen Todesgeschichten.“

Am Abend rief noch die Lehrerin an, um sich nach dem Buben zu erkundigen.

Ich erzählte meinem Sohn, wie viele Leute sich erkundigten, was ich ihnen sagte und wie sie reagierten. Er schaute sehr zufrieden drein. Auch die Kleine war zufrieden, sie merkte, wie sie ihren Bruder glücklich gemacht hatte.

Aber beeindrucken ließ sie sich nicht davon. Weil sie jetzt schon groß ist, wollte sie wie ihre Geschwister vor dem Schlafengehen noch ein bisschen lesen. Sie nahm das Buch Die kleine Raupe Nimmersatt aus dem Regal, setzte sich auf ihr Bett und begann es Wort für Wort laut zu entziffern. Als hätte sie das Buch noch nie gesehen. Als könnte sie es nicht seit Jahren auswendig.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Dramaqueen und Held für einen Tag

  1. Genevieve schreibt:

    lol

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