Nicht gleich alles auf einmal

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 42

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Als ich wieder aufwachte, wurde die Zeit schon knapp, musste ich doch noch ein geeignetes Nachtmahl auswählen, einkaufen gehen und mich adrett herrichten, denn Hausfrau und hochschwanger zu sein bedeutete sicher nicht, dass man sich gehen lassen und nicht jederzeit topgestylt sein konnte. Für all diese wichtigen Aufgaben blieben mir nur noch knappe vier Stunden, bis Michael nach Hause kommen würde. Deshalb flitzte ich sogleich zum Regal mit den Kochjournalen. Jedes einzelne davon blätterte ich durch auf der Suche nach dem perfekten Rezept, das von den Zutaten her einen spannenden kulinarischen Bogen zu Michaels Mittagsmahl zu spannen wusste.

Eine knappe Stunde später entschied ich mich für Schnitzel mit Pommes, zu viel häusliche Perfektion von Anfang an wäre bestimmt nicht gut für die seelische Gesundheit und ein bisschen Fett konnte auch nicht schaden, bevor man für das Baby gänzlich auf organisch-biologische Kost umstellte. Vorausgesetzt wir würden unserem Kind nicht Fertigfutter geben und weiterhin Tiefkühlfritten essen. Wenn ich es mir so recht überlegte, würde ich auch bei dieser Variante wenig Schaden anrichten, sondern vielmehr Kontinuität schaffen.

Zum Einkaufen ging ich natürlich zu Fuß, denn Spaziergänge, so hatte ich gehört, förderten gewisse nicht näher definierte Mechanismen, die die Geburt wesentlich erleichtern sollten. Weil es ein recht heißer Tag war, stand ich vor dem Dilemma, ob ich das langärmlige schwarze Outfit anziehen sollte, das mich aussehen ließ, als hätte ich nur zwölf statt siebzehn Kilo zugenommen, oder lieber das hellblaue T-Shirt, in dem ich aussah wie ein Fass. Letzteres hatte den entscheidenden Vorteil, die Hitze zumindest kurzfristig abzuhalten. Man musste ja auch mit dem Styling gleich übertreiben, dachte ich mir und entschied mich für das T-Shirt und zog eine alte Sporthose von Michael dazu an.

Schritt für Schritt schleppte ich mich keuchend durch die sengende Nachmittagshitze. In der relativ kühlen Wohnung hatte ich gar nicht bemerkt, wie heiß es draußen tatsächlich war. Tapfer hielt ich durch. Ich hatte sogar ein kleines Erfolgserlebnis, als ich einen Achtzigjährigen mit Gehhilfe fast schon lockeren Schrittes hinter mir ließ. Mit nur einer kleinen Pause bei einer schattigen Bank auf halbem Wege schaffte ich den normalerweise zehnminütigen Weg zum Geschäft. Zur Belohnung gönnte ich mir natürlich gleich ein Eis, das ich auf der selben Bank verspeiste.

Nicht ganz zwei Stunden, nachdem ich losgegangen war, kam ich völlig erschöpft  wieder zu Hause an. Nach einer kleinen Verschnaufpause hatte ich gerade noch Zeit für einen kleinen Kaffee, als ich auch schon den Schlüssel in der Türe unserer Wohnung hörte. Michael war recht früh dran. Ich rannte gleich zu ihm, um ihm einen dicken Kuss auf die Wange zu drücken.

„Hallo Schatz, wie war denn dein erster Tag im Ruhestand? Geht es euch beiden wohl gut?“

Schmerzlich wurde mir bewusst, dass ich statt dem geplanten gestylten und ausgeruhten Erscheinungsbild leider eher ein Bild des Jammers und der Verwahrlosung abgab. Immer noch hatte ich mein mittlerweile verschwitztes Tonnenshirt an und darunter nur eine Unterhose, da die Sporthose einfach zu heiß und unbequem war und am Bauch drückte.

„Aber ja. Und wie war Dein Tag?“

„Ging so. Man frettet sich so durch:“

Jetzt erst bemerkte ich den großen rötlichen Fettfleck auf Michaels Hemd. Der sah verdächtig nach mit Mayonnaise vermischtem Tomatensaft auf. Dies wiederum deutete darauf hin, dass auch mein liebevoll zubereitetes Mittagsjausenbrot nicht den erhofften Erfolg gehabt hatte. Stattdessen musste Michael fettbeschmiert herumlaufen.

„Ist der Fleck vom Jausenbrot?“

„Welcher Fleck? Das Brot war schon etwas quatschig zu Mittag. Ich glaube, morgen brauche ich keines, obwohl es bestimmt gut gewesen wäre, wenn es halt nicht quatschig geworden wäre.“

Das Brot war also ein doppelter Misserfolg. Aber es wäre eher unnatürlich für mich gewesen, wenn ich schon am ersten Tag zur perfekten Hausfrau geworden wäre. So hatte ich noch ein paar Wochen der lockeren Übung, bis nach der Geburt des Babys ohnehin das Chaos ausbrechen würde.

„Was gibt es denn zu essen?“

„Schnipo.“

„Mmmmhhh.“

Außerdem war diese Sucht nach Perfektion ohnehin ungesund und man lief höchstens Gefahr, zu einer dieser ständig putzend jammernden Hausfrauen zu verkommen, die heimlich den ganzen Nachmittag Talkshows anglotzten. Michael war schon froh, heimkommen zu können, ein warmes Essen vorzufinden und nicht mehr jeden Abend einkaufen und kochen zu müssen. Diese Aufgaben hatte er gleich freiwillig übernommen, als ich meinen letzten Job antrat, sozusagen in Abweichung vom klassischen Rollenbild. Natürlich geschah dies sehr zum Entsetzen seiner Mutter, die sich lieber eine treusorgende Frau zur Versorgung ihres kleinen Lieblings gewünscht hätte. Da ich aber bis vor kurzem jeden Tag viel früher los musste und viel später nach Hause kam als er, war das für Michael kein Thema.

Eigentlich war ich ganz schön froh, endlich meine Babypause angetreten zu haben. Die Arbeit wurde mir ganz schön anstrengend, aber am anstrengendsten war der Arbeitsweg. Ich  musste nämlich jeden Morgen über eine Stunde zur Arbeit und jeden Abend über eine Stunde nach Hause fahren. Und das mit dem Auto. In den letzten Monaten war ich 26.000 Kilometer gefahren. In allen Jahren zuvor ungefähr 2000 km, wenn überhaupt.

Trotzdem war es gut, dass ich diesen Job angenommen hatte. Nach dem Desaster mit Hulwich hatte ich beinahe mein berufliches Selbstvertrauen verloren. Am liebsten hätte ich ein Baby bekommen und mich zumindest für einige Jahre von der Berufswelt abgewandt. Aber das hatte trotz intensiver Bemühungen nicht geklappt. Also musste ich mich um einen neuen Job umsehen. Halbherzig bewarb ich mich um drei ausgeschriebene Stellen, meine Lebensplanung war ja eigentlich eine andere. Die Firmen waren allesamt ziemlich weit weg und die angebotenen Jobs schienen nach erfahreneren Leuten zu schreien. Aber das machte mir gar nichts aus. Wenn der Familienwunsch schon nicht gleich realisiert werden konnte, so wollte ich mich wenigstens ein paar Monate arbeitssuchend erholen. Beim ersten Mal hatte es auch ziemlich lange gedauert, bis ich Arbeit fand, so ging ich die Suche zwar früh aber langsam an.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Nicht gleich alles auf einmal

  1. AS schreibt:

    cooles Foto!!!

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