Legonotfall

Donnerstags haben alle drei Kinder Nachmittagsunterricht. Anna bleibt an diesem Tag immer in der Stadt, weil es sich nicht auszahlt, für die kurze Zeit nach Hause zu kommen. Neulich war Katharina bei einer Freundin eingeladen. Ich verbrachte die Mittagspause nur mit Lukas. Weil ihm allein schnell langweilig wird, beschloss ich, in dieser Mittagspause mit ihm zu spielen.

Zuerst Tischfußball – ich wurde vernichtend mit 3 zu 10 geschlagen, obwohl ich in Bestform durchaus in der Lage bin, zu gewinnen.

Dann Lego. Schon als Kind spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte einen kleinen schwarzen Lederkoffer, man kann ihn sich in etwa wie einen größeren Schminkkoffer vorstellen. In diesem befanden sich meine Legoschätze: Die bunten Steine, Fenster, Püppchen, Räder, Bäume, Dachschrägen, ein Krankenwagen, ein Hubschrauber (oder die Teile davon), eine Küche und ein paar Nutztiere. Ach ja, und natürlich ein Polizeiauto. Mit meinen Freunden spielte ich, dass man die Polizei nicht überholen darf und wie man, tat man es doch, sofort ins Gefängnis geworfen wurde. Damals war die Obrigkeitshörigkeit offenbar größer und das Vertrauen in den Rechtsstaat kleiner.

Später, als mein Köfferchen schon eingemottet war, half ich den Söhnen der Familie, für die meine Mutter arbeitete und bei der wir wohnten, beim Aufbau ihrer Lego-Technik Autos. Eigentlich schauten sie mir zu, wie ich die Autos baute, verloren bald das Interesse daran und ich war froh, alleine weitermachen zu dürfen.

Zu Weihnachten schenkten wir Lukas einen tollen Lego-Offroader. Mit Fernsteuerung. Für 11-16 Jährige, weil er ja ohnehin bald 9 wird. Mit Begeisterung machte er sich ans Werk und baute Stunden über Stunden (die Anleitung besteht aus drei dicken Heften). Es war schön, ihn in dieser konzentrierten Selbstvergessenheit zu beobachten. Ab und zu schaute ich, ob das Grundgerüst gerade und symmetrisch aussah, aber mir fiel nichts auf.

An dem Nachmittag, als wir alleine waren, dachte ich mir, es wäre sicher nett, gemeinsam zu bauen. Wir haben das schon öfter gemacht. Meine Aufgabe ist es dabei, die Steine für den jeweils nächsten Schritt herauszusuchen, seine, sie zu verbauen. Wieder habe ich nicht daran gedacht, wie diese Bauaktionen bisher immer ausgegangen sind, ich erinnerte mich nur daran, wie nett wir es anfangs hatten.

Auch diesmal war es nett. Anfangs. Ich suchte, er baute, wir plauderten. Dann sagte er: „Oh je, die Zahnräder hier drehen sich nicht alle, schau Mama, auf dieser Seite tun sie das schon.“

Ich schaute mir an, was er gebaut hatte. Im innersten Inneren des Gestells hatte er zwei Zahnräder in der falschen Öffnung verankert. „Ich habe den Fehler gefunden“, sagte ich, „komm, das reparieren wir schnell.“

Als er aber sah, wie viel von seiner mühevollen Arbeit nun wieder auseinandergenommen werden musste, verdüsterte sich seine Miene. Zuerst. Dann begann seine Unterlippe zu zittern. Dann schrie er: „Wenn du eh alles kaputt machst, brauche ich ja nicht mehr mitmachen“, und warf die Steine, die er gerade zusammengebaut hatte, durch das Zimmer.

Zehn Minuten früher als sonst zog er sich an, rief: „Nie wieder werde ich am dem Scheiß weiterbauen“, wischte sich eine Träne aus dem Gesicht verließ das Haus und ließ die Türe offen stehen.

Ich schloss die Tür, fühlte mich schlecht, kroch unter die Couch, um die Steine hervorzuholen und korrigierte den Fehler. Als ich fertig war, drehten die Zahnräder immer noch nicht. Bei genauerer Untersuchung merkte ich, dass einen Arbeitsschritt vor dem ersten Fehler ein weiteres Zahnrad hätte eingebaut werden müssen. Ich musste alles wieder auseinandernehmen. Jetzt wusste ich, wie sich Lukas gefühlt hatte. Eigentlich wollte ich auch alles hinschmeißen und mir draußen Luft verschaffen.

Aber ich korrigierte auch diesen Fehler. Um des Friedens willen. Fünf Minuten bevor die Kinder aus der Schule kamen, war ich fertig.

Wenn alles gut läuft, macht es aber Spaß, Lego zu bauen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Legonotfall

  1. Wie ich diese Situationen kenne, da wird man zum Chefdiplomaten, obwohl man ansonsten für den diplomatischen Dienst etwa so geeignet ist wie Harry von Duckwitz

  2. Sammykowal schreibt:

    Habe mich sehr amüsiert bei diesem Beitrag

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