No risk no fun

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 43

Reaktor

Völlig unerwartet bekam ich schon nach nur zwei Wochen eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Es ging um einen Job in einer Firma, die Maschinen für die Biotechnologie erzeugte. Die Leute dort suchten zwar ausdrücklich einen Biotechnologen, aber doch sicher nicht mich.

Obwohl ich an einer Technischen Universität studiert hatte und mein ganz offizieller Titel mit techn. endete, hatte ich alle Fächer weggetauscht, die nur im Entferntesten mit technischen Maschinen und ihrer Anwendung zu tun hatten. Entgegen meinen Abschlusszertifikaten war ich also eher ein praxisferner Elfenbeinturmblässling, der sich vor jedem technischen Gerät fürchtete, das mehr als einen Knopf hatte. Ich konnte ja nicht einmal den Videorecorder programmieren. Im Vergleich zu den Bedienfeldern, Rechenprogrammen, Software und Menübäumen der Geräte der Firma, bei der ich vorsprechen sollte, waren Videoprogrammierungen das reinste Zuckerschlecken. Selbst wenn man bei der kompliziertesten DVD-Fernsteuerung wusste, was jeder einzelne Knopf zu bedeuten hatte, und nicht nur die, die man brauchte, um das Gerät zu bedienen, würde man vergleichsweise diese Biotechnologie-Maschinen kaum zum Laufen bringen, geschweige denn die Kunststücke treiben lassen, die für den wissenschaftlichen Betrieb notwendig waren.

Recht locker und mir nichts erhoffend fuhr ich zu dem Gespräch. Ich sah es eher als Übung, zum ersten Mal ganz alleine mit dem Auto einen entlegenen Ort zu finden. Natürlich scheiterte das beinahe, ganz so, wie ich es erwartet hatte. Deshalb war ich für die etwas über einstündige Fahrt fast drei Stunden vorher losgefahren. Ich kam gerade so viel früher zu dem Gespräch, dass ich noch mit zitternden Fingern eine Zigarette rauchen konnte, zum Verdauen der Autofahrmisere.

Bei dem Gespräch erfuhr ich, dass ich ausgerechnet das Toubleshooting bei Defekten, Problemlösungen am Telefon und etwaige Reparaturen und Schulungen direkt beim Kunden machen sollte. Dazwischen waren theoretisch wissenschaftliche und qualitätssichernde Tätigkeiten geplant. Toll, dachte ich mir, wer könnte ungeeigneter sein als ich? Ich hatte auch durchaus den Eindruck, dass die Interviewerin, Frau Anrainer, das auch sofort sah. So gab sie mir am Ende des Gesprächs ein Hochglanzfarbprospekt „zur Erinnerung“ mit. Man gab doch nur Leuten, die man nie wieder sehen würde, Dinge zum Andenken mit. Für mich hörte sich dieses  „zur Erinnerung“ an, als wäre es als Aufforderung zur Erinnerung eines Scheiterns gedacht, damit ich mich beim nächsten Gespräch besser anstellte.

Meine Stimmung war nach dem Gespräch nicht getrübt, nicht einmal als ich mich am Rückweg nochmals verirrte. Immerhin hatte ich es geschafft, überhaupt dorthin zu kommen und wieder zurück, und der Arbeitswille war noch nicht besonders groß.

Nicht einmal zwei Wochen später bekam ich einen Anruf von der Gerätefirma. Hochanständig sind die, dachte ich, die sagen persönlich ab, das kann ich gleich als Gelegenheit für eine Übung, bei Absagen würdevoll zu bleiben, benutzen.

„Guten Tag, hier spricht Anrainer“ meldete sich die die Interviewerin, „Sie können den Job haben, wenn Sie ihn noch wollen.“

Darauf war ich nun beim besten Willen nicht gefasst. Einfach so einen Job zu bekommen, für den ich denkbar ungeeignet war. Einfach so, dachte ich, ohne zweites Gespräch, ohne ernsthafte Jobsuche, vor allem ohne mir überlegt zu haben, ob ich diesen Job überhaupt wollte? Da musste ich mir auf die Schnelle etwas Geistreiches einfallen lassen, das mir noch etwas Zeit gab und das mich trotzdem als würdige und willige Kandidatin in glänzendem Lichte erscheinen ließ.

„Einfach so?“ Gut, das war nicht ganz so gut, wie erhofft, aber immerhin hatte ich etwas herausgebracht.

„Ja, einfach so. Wenn ich Sie jetzt überrumpelt habe, können Sie es sich gerne noch überlegen, aber nicht zu lange, sagen wir bis übermorgen.“

„Das mache ich sehr gerne. Danke. Bis übermorgen.“

Nun hatte ich zwei Tage, in denen ich die Pros und Kontras erwägen musste. Ich musste autofahren. Konnte ich das? Nein. Ich musste über komplizierteste Maschinen Bescheid wissen. Lag es in meiner Natur, technische Fakten zu lernen und anzuwenden ohne fremde Hilfe? Nein. Ich musste Mutterseelen alleine durch die ganze Welt reisen, um Kunden zu schulen. Traute ich mir das zu? Nein.

Also, dachte ich mir, wieso nicht diesen Job annehmen, wo es doch kaum Gründe gab, die dagegen sprachen?

Mir war durchaus klar, dass ich mir direkt nach dem Hulwich-Job keine weitere Schlappe leisten konnte. Das würde ganz sicher mein Selbstvertrauen zerstören. Aber wenn ich alles schaffte, was von mir verlangt wurde, hätte ich nicht nur fachlich einen viel breiteren Horizont, sondern hätte auch die Chance, die Welt zu bereisen. Am aller wichtigsten war jedoch, dass ich mir sicher war, ich könnte alles schaffen, wenn ich diesen Job bewältigen konnte. Und wie hieß es so schön, no risk no fun, und deshalb sagte ich zu.

Zum ersten Mal in meinem Leben verbrachte ich die Zeit vor einem Job ohne quälende Sorge. Ich hätte ohnehin nicht gewusst, wo ich anfangen hätte solle, mir Sorgen zu machen, da ich ja eigentlich nichts von alledem konnte, was da von mir verlangt würde. Deshalb schaltete ich die verschlungenen, sich ewig im Kreis drehenden Sorgenlabyrinthe in meinem Kopf einfach aus und dachte an die positiven Seiten.

Die ersten paar Wochen vergingen wie im Flug. Ich hatte beschlossen, einen Schritt nach dem anderen zu bewältigen. Zuerst musste ich meine Autofahrphobie bezwingen. Schon nach einer Woche kam ich nicht mehr schweißgebadet zur Arbeit. Dann musste ich lernen, mich nicht mehr vor den Maschinen zu fürchten. Das dauerte etwas länger, aber nach und nach funktionierte auch das. Trotz größerer und kleinerer Rückschläge klappe mein Plan, den Job mit allem Drumherum zu bewältigen, langsam zwar, aber doch zeigte es mir, dass Hulwich nicht recht gehabt hatte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu No risk no fun

  1. berniebr schreibt:

    „Elfenbeinturmblässing“: schöne Wortschöpfung

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