Diese Woche konsumiert: Leviathan und „die Märkte“

leviathan

„Die Märkte reagieren verschreckt.“

„Die Märkte sind nervös.“

„Das bewegt die Märkte.“

„Die Märkte reagieren verschnupft“

Frau Merkel fordert eine „marktkonforme Demokratie“

„Die Märkte müssen gezähmt werden“

„Die Märkte zwingen zum Umdenken“

Und letzte Woche im Ö1-Mittagsjournal: „Heute gilt es nicht, den Angriff eines Staates, sondern jenen der Finanzmärkte abzuwehren.“

Die Märkte also. Das müssen fürchterliche Zeitgenossen sein. Böse, instabile, allmächtige lebende Organismen. Man muss sich ihnen unbedingt unterordnen. Man darf sie nicht nervös machen. Selbst wenn man alles versucht, um sie zu beruhigen, dann reagieren sie immer noch beleidigt. Wenn man nicht aufpasst, werden sie zu einer Bedrohung für ein ganzes Land. Sie können einen Staat sogar angreifen. Ist das ein Bedrohungsszenario, dem sich unser nun bald reformiertes Bundesheer tapfer entgegenwerfen wird? Und wie? Mit den Eurofightern? Mit Darabos‘ Cyberheer?

Ich weiß nicht, wer diese Märkte sind. Hat sie schon einmal jemand gesehen? Kann man sie sich vorstellen wie eine Horde Männer und Frauen, die wütend mit Mistgabeln von ihrem Bauernmarkt losmarschieren, um die Bevölkerung zu bedrohen? Oder wie Männer im schwarzen Anzug, die subtilere Angriffsstrategien haben? Oder wie wilde formlose Monster – wie einen modernen Leviathan, oder eher einen Behemoth? Oder wie beide, weil immer von „den Märkten“ gesprochen wird?

Der Vergleich ist absurd? Natürlich. Aber beinahe täglich werden „die Märkte“ wie lebende Monster dargestellt.

Im Buch Hiob wird Leviathan so beschrieben:

Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen? […]Meinst du, er werde dir viel Flehens machen oder dir heucheln? Meinst du, daß er einen Bund mit dir machen werde, daß du ihn immer zum Knecht habest?  Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß es ein Streit ist, den du nicht ausführen wirst. […] Niemand ist so kühn, daß er ihn reizen darf; […]Sein Herz ist so hart wie ein Stein […] Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken und wenn er daherbricht, so ist keine Gnade da. Wenn man zu ihm will mit dem Schwert, so regt er sich nicht […] Er macht, daß der tiefe See siedet wie ein Topf […] Auf Erden ist seinesgleichen niemand; er ist gemacht, ohne Furcht zu sein. Er verachtet alles, was hoch ist; er ist ein König über alles stolze Wild.

Das Bibelzitat wirkt sprachlich altmodischer als moderne Beschreibungen „der Märkte“, aber Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen.

In beiden Fällen wird ein (beinahe) allmächtiges Ungeheuer beschrieben, das kein Mensch besiegen kann und das unberechenbar ist. Nur ein allmächtiges Wesen kann es töten (will das aber merkwürdigerweise nicht).

Das geheimnisvoll Bedrohliche, das Unkontrollierbare diente schon immer dazu, komplexen Dingen den Mythos des Göttlichen, auf das der Mensch keinen Einfluss hat, zu verleihen. Über solche Dinge muss man sich keine Gedanken machen, sie sind nicht erklärbar. Sie dürfen gar nicht erklärt werden, das würde den göttlichen Zorn erregen.

So zumindest handhabte es die katholische Kirche über Jahrhunderte. Was nicht erklärbar ist, muss göttlich sein, und darf nicht in Frage gestellt werden. Je mehr erklärt wird, desto geringer ist die Macht Gottes (und damit ihre eigene). Zum Teil macht die Kirche das auch heute noch so. Beispielsweise mit ihren jämmerlichen Erklärungen zum Thema Creationismus/Intelligent Design/Evolution. Aber effizienter als Erklärungen ist das Spiel mit der Angst.

Erfindet man einen Teufel, am besten in Form eines Ungeheuers, der all jene holen kommt, die nicht nach den Regeln spielen, der gleichzeitig so böse ist, dass er willkürlich Zerstörung anrichtet, wird man die Menschen dazu bringen, sich so zu verhalten, dass sie glauben, dem Schutz Gottes würdig zu sein.

Zum Glück leben wir in einer laizistischen, aufgeklärten Welt. An den alten Hokuspokus der Kirche glaubt niemand mehr, an jenen des Alten Testaments schon gar nicht. Selbst den immer noch Gläubigen kann man nicht mehr mit Teufeln und Ungeheuern drohen.

Aber mit „den Märkten“ lassen wir uns wider besseres Wissen wieder so ein Monster aufschwatzen.

Die Mechanismen der Marktwirtschaft sind schwer zu verstehen und nicht immer ganz genau vorhersehbar. Dennoch gibt es durchaus wissenschaftliche Erklärungen dafür, was die Krise verursacht hat und Prognosen, wie sie wieder überwunden werden kann. Einige Wirtschaftwissenschaftler warnten vor der Krise mit sachlichen Argumenten, einige warnen auch jetzt, dass die von vielen Ländern propagierte Sparpolitik nicht zielführend ist.

Man fragt sich manchmal, ob sich viele Politiker nicht mit den Grundlagen der Ökonomie beschäftigen wollen, oder ob ihre Verpflichtungen gegenüber Lobbies und Sponsoren ihre Politik diktieren.

Wenn man „die Märkte“ als nahezu unbeeinflussbares Monster darstellt, das es um jeden Preis zu beruhigen gilt (am besten mit Opfergaben), spielt man mit der Angst der breiten Bevölkerung. Man rechtfertigt damit schmerzhafte finanzielle Einschnitte. Man muss sich auch nicht mit Maßnahmen beschäftigen, diese „Märkte“ zu regulieren, denn sie sind entweder unregulierbar oder sie würden uns sofort im Stich lassen und sich irgendwo anders ansiedeln (denn „Märkte“ sind gleichzeitig lebensnotwendig und eine schreckliche Bedrohung, also sehr alttestamentarisch). Und man muss nicht die eigenen Freunde vor den Kopf stoßen mit notwendigen, aber für sie unerwünschten Maßnahmen, weil das Monster ja auch durch solche Maßnahmen nicht besänftigt werden könnte.

Von der Katholischen Kirche hat man gelernt, dass eigene Interessen durch das Spiel mit der Angst leichter durchgesetzt werden können. Dass scheinbar unerklärbare Phänomene kaum hinterfragt werden. Dass man sich gut hinter einem übermächtigen Popanz verstecken kann, wenn man nur laut und oft genug sagt, ihn zu reizen wäre eine Bedrohung für die Gesellschaft.

Wenn ein Kind in der Nacht aufwacht und weint, weil es ein Monster im Zimmer vermutet, sollte man das Licht einschalten. Dann sieht das Kind, dass das vermeintliche Monster nur ein Schatten an der Wand war. Das wäre auch bei „den Märkten“ notwendig.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Leviathan und „die Märkte“

  1. AS schreibt:

    Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang immer stellt, ist, welchen Anteil Unfähigkeit daran hat, dass wir von allen Seiten (Politik, Medien, „Experten“) in ökonomischen Fragen diese unabänderlichen Scheinzwangsläufigkeiten vorgesetzt bekommen, und welchen Anteil tatsächlich böser Wille, Korruption etc. hat. Ich bin mir da oft nicht schlüssig.

    • Barbara schreibt:

      Das denke ich mir auch immer wieder. Vor allem, wenn man mitunter mitbekommt, wie unprofessionell manche Menschen in höheren Positionen handeln.

      • AS schreibt:

        In vielen Fällen stellt sich im Nachhinein heraus, dass die Entscheidungsträger gar nicht unprofessionell, sondern vielmehr sehr professionell, aber vollständig im Partikularinteresse der Lobbies, von denen sie sich stützen lassen, gehandelt haben, vom Flickskandal bis zu Gazprom-Gerd

  2. Athenaeum schreibt:

    In einer gottlosen Welt schaffen sich die Menschen eben Götzen, seien es „Märkte“ oder „Profit“

  3. artemisssss schreibt:

    Die Märkte sind der McGuffin, der immer einsetzbare Joker, mit denen die Lobbies und ihre politischen Unterstützer alles erklären können, was sie gerade für gut und richtig zur Vermehrung des eigenen Wohlstandes halten. Wer kann sich schon verweigern, wenn doch die Märkte etwas verlangen?

  4. johannaczekay schreibt:

    Mich kotzt dieses ganze Geseiere von den volatilen Märkten, die nur ja nicht weiter destabilisiert werden dürfen, so an, dass ich schon jeden Politiker- und Wirtschaftslobbyisten-O-Ton meide. Ich finde, wer nicht zumindest Smith, Ricardo und Mill gelesen hat, der sollte das Wort Märkte gar nicht in den Mund nehmen dürfen, aber die meisten, die davon ständig schwatzen, die halten Ricardo wohl für einen Teilnehmer bei DSDS oder einen Semiprominenten, der´s ins Dschungelcamp geschafft hat.

  5. MarleneG schreibt:

    das problem ist aber auch, dass sich viele Leute so einfach einreden lassen, dass alles, was mit Ökonomie zu tun hat, vollkommen unverständlich ist und es daher nicht einmal den Versuch lohnt, sich selber schlau zu machen, weshalb man halt keine Alternative hat, als auf die da oben zu hören und die von ihnen verordneten Rezepte anzunehmen

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