Mailbox: Feminismus

Suffragettes

Wie sieht für dich zeitgemäßer Feminismus aus?

Political Correctness und Feminismus haben einiges gemeinsam. Beides versucht, das Zusammenleben in einer Gesellschaft gleichberechtigter und weniger vorurteilsbehaftet zu machen. Deshalb halte ich es für wichtig, sich dafür zu engagieren.

Frauen und Männer, die das getan haben, mussten es sehr laut und zum Teil mit ungewöhnlichen Mitteln machen, um überhaupt gehört zu werden (ein schönes Beispiel sind die Pennies, die Suffragetten in mühevoller Kleinarbeit veränderten und als Propagandamittel einsetzten). Dafür wurden sie als Kriminelle oder Verrückte bezeichnet, unflätig beschimpft oder lächerlich gemacht. Einige schossen über das eigentliche Ziel hinaus. Vielleicht glauben deshalb immer noch viele Menschen, Feminismus (und PC) wäre schlecht oder überspannt oder verabscheuenswert.

Aber was ist Feminismus eigentlich?

Feminismus möchte die Gleichstellung der Frauen erreichen. Nicht mehr und nicht weniger.

Durch feministische Bemühungen wurde das Wahlrecht für Frauen erkämpft, das weibliche Rollenbild dramatisch verändert und Frauen erreichten Stück für Stück die Freiheit, die gleichen Dinge wie Männer zu tun, zu denken und auszusprechen. Deshalb verstehe ich nicht, warum sich nicht alle Frauen als Feministinnen definieren.

Welche Frau sollte etwas gegen Feminismus haben? Würde sie bevorzugen, nicht mehr zu wählen? Verdient sie freiwillig weniger? Will sie auf das Recht verzichten, ihr Leben selbst zu bestimmen? Möchte sie, wenn es ihr selbst gut geht, dass es anderen Frauen schlechter geht? In diesem Sinne ist Feminismus völlig unabhängig davon, ob man Alice Schwarzer gut findet oder nicht.

Feminismus ist noch längst nicht am Ziel angekommen. Immer noch werden Frauen unterdrückt und in Rollen gezwungen, die sie nicht bekleiden wollen. Immer noch verdienen sie weniger als Männer, haben geringere Karrierechancen, sind Opfer von häuslicher Gewalt, müssen die Hauptlast von Haushalt und Kindererziehung übernehmen. Immer noch fühlen sich viele Frauen minderwertig. Immer noch ist Alltagssexismus für die meisten Frauen an der Tagesordnung.

Einige Themen (Rape-culture, Gehaltsschere, ungleiche Chancen am Arbeitsplatz etc.), die es anzugehen gilt, sind sehr schwerwiegend, ernst und komplex. Lösungswege sind nicht klar definiert und Menschen, die sie zu beschreiten versuchen, verrennen sich leicht oder ecken an. Dafür zu kämpfen muss sehr frustrierend sein (wie das bei vielen politischen Themen der Fall ist).

Es gibt aber gerade im Bereich des Selbstverständnisses von Frauen sehr viele Kleinigkeiten, die auch verändert werden müssen. Viele Frauen glauben, die Gesellschaft erwarte von ihnen, eine für sie unerreichbare Körperform anzustreben, Schuhe und Kleidung zu tragen, die ihnen weder passen noch gefallen, eine Top-Karriere anzustreben (im Job zufrieden zu sein reicht nicht) und gleichzeitig die beste Liebhaberin zu sein, stundenlang jedes Körperhaar zu entfernen, das je auf ihnen gewachsen ist, perfekte Mütter zu sein, den Alterungsprozess ihrer Körper mit Gift oder chirurgischen Maßnahmen aufzuhalten, keine Süßigkeit und kein Glas Wein ohne Schuldgefühle zu konsumieren. Am Ende hassen sie sich selbst, weil sie das alles nicht schaffen.

Hier sehe ich wichtige Aufgaben des Feminismus: Frauen sollten sich nicht mehr hässlich und klein fühlen, weil sie absurden Normen nicht entsprechen (beim Aussehen und der Lebensweise). Sie sollten anfangen, selbstbewusst darüber nachzudenken, wie sie ihr Leben gestalten und wie sie aussehen wollen. Sie sollten lernen, Alltagssexismus zu erkennen und ihn bekämpfen, anstatt sich dafür zu schämen. Sie sollten merken, dass sie keine Sexobjekte sind, sondern selbstbestimmten Sex haben können.

Was Feminismus nicht ist (oder sein sollte): Männerhass, Lustlosigkeit, Verbissenheit, automatische Solidarisierung mit allen feministischen Gruppen und jeder feministischen Aktion, der Versuch, Nachteile, die Männer gegenüber Frauen haben, zu legitimieren (z. B. Wehrpflicht), andere zu diskriminieren, weil man selbst diskriminiert wird, und Frauen wie Glawischnig, Burgstaller oder Fekter gut zu finden, nur weil sie Frauen sind.

Sind eine feministische Einstellung und ein traditionelles Familienleben in Einklang zu bringen? Wie siehst du die Fixierung auf „Karriere“?

Wenn damit gemeint ist: Kann und darf sich eine Feministin dafür entscheiden, für die Kinder und den Haushalt zu sorgen? Dann ja. Ich lebe auch als Hausfrau und thematisiere feministische Fragen. Die Gefahr bei dieser Lebensweise ist jedoch, dass man sich intellektuell zurücknimmt und sich deshalb graduell dem eigenen Mann unterordnet. Dem beizukommen ist im Grunde einfach. Man muss interessiert bleiben, sich bilden, etwas unternehmen, das den eigenen Selbstwert steigert.

Wenn mit traditionellem Familienleben gemeint ist: Der Mann ist der Boss und die Frau ordnet sich unter, oder die Frau soll zu Hause bleiben, obwohl sie gerne etwas anderes machen würde, dann ist die Antwort nein.

Eine erfolgreiche Karriere zu haben, ist sicher etwas sehr Schönes und Erfüllendes. Immer wieder hört man aber auch von Frauen, die einer imaginären Karriere hinterherlaufen, nicht mehr Zeit für Familie und Privatleben haben und für die diese „Karriere“ ein einziger Zwang wird. Um jeden Preis eine Karriere haben zu müssen und Dinge, die man liebt dafür aufzugeben, halte ich auch nicht für gut.

Siehst du einen Widerspruch zwischen Feminismus und  – auch körperlicher – Lustausübung?

Nein, keinen. Ich finde, Feminismus sollte allen Frauen beibringen, lustvoller und mit weniger Zwang zu leben. Das gilt für das Essen, für Kleidung, für die Freizeitgestaltung und ganz besonders für Sex. Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn man jahrtausendealte männliche Dominanz mit Abstinenz beantwortet. Vielmehr wäre es schön, wenn Männer und Frauen sich mit gleichberechtigter sexueller Aktivität vergnügen könnten. Nachdem die Pornoindustrie kein Interesse hat, Männern und Frauen beizubringen, wie das geht (und die Frauenzeitschriften offenbar auch nicht), wäre es auch eine gute Aufgabe für den Feminismus, eine sachliche Diskussion darüber zu führen.

Warum sind viele Feministinnen so lust- und humorlos?

Wenn sich eine Frau immer wieder für die Rechte von Frauen einsetzt und immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen hat, kann ich verstehen, dass sie den Humor verliert, finde es aber sehr schade.

Eine Bloglesein schrieb: „Mir wurde bei meinen beiden Versuchen, mich organisatorisch zu beteiligen, immer vermittelt, ich wäre nicht besonders erwünscht, weil zu frivol (wg. Ironie, anderen Interessen), zu wenig asketisch (weil gerne Weggehend, auch was trinkend, nicht vegetarisch), zu widersprüchlich (fehlende ideologische Reinheit), und zu individualistisch (Tattoos, Kleidung, Schmuck).“

Ziel des Feminismus sollte immer Diversität sein: Möglichst viele verschiedene Menschen (auch nicht nur Frauen) mit verschiedenen Interessen zu Wort kommen zu lassen. Zu zeigen, wie man auf unterschiedlichste Weise Gleichberechtigung und Befreiung von auferlegten Zwängen erreichen kann. Darauf aufmerksam zu machen, dass Feminismus alle Menschen angeht.

Das Ziel des Feminismus sollte nicht sein, alle auszuschließen, die nicht auf allen Linien ideologisch uniform sind.

Wer sind die wichtigsten Gegner des Feminismus (Männer pauschal kann man ja nicht mehr sagen)?

Wenn mit dieser Frage gemeint ist: Wer steht den Frauen am meisten im Weg? Ist die Antwort: Alle, die sie daran hindern, in ihrem Beruf, in ihrer Freizeit, in ihrer Familie das zu tun, was sie eigentlich wollen. Alle, die sie sinnlosen gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen. Alle, die dafür sorgen, dass sie weniger verdienen und weniger Möglichkeiten haben als Männer.

Das sind Regierungen, das sind Männer, das sind andere Frauen und am allermeisten sind das leider immer noch sie selbst.

Hier noch einige Links zu Blogbeiträgen über dieses Thema:

Über Feminismus kann man sehr viele Dinge sagen, die auch für Political Correctness gelten, deshalb dieser Link

Darüber Hausfrau zu sein und wie sich das mit modernem Feminismus in Einklang bringen lässt.

Über das Frauenbild, das von Frauenzeitschriften verbreitet wird.

Über das Schönheitsideal, über Schönheit im Allgemeinen:  und warum ich kein Mädchen sein will.

Ich lade euch ein, von euren Erfahrungen zu erzählen und über das Thema zu diskutieren.

Das Thema der nächsten Mailbox wird sein: Piercings bei Männern. Fragen und Anregungen bitte an karinkoller@rocketmail.com

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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14 Antworten zu Mailbox: Feminismus

  1. Rebecca schreibt:

    Hmmh. Aber was unterscheidet dann Feminismus noch von allgemeinen Antidiskriminierungsbewegungen? Und wenn kein spezifischer Unterschied besteht, weshalb ist dann eine spezifische Bewegung notwendig? Bin mir selber nicht ganz schlüssig, ob Feminismus noch notwendig ist, oder aber eine von wichtigeren Diskriminierungsproblemen ablenkende Diversion von Frauen der oberen Mittelschicht in einigen Industrieländern.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich finde, Feminismus braucht sich nicht von anderen Antidiskrimierungsbewegungen zu unterscheiden. Ziel sollte immer ein entspannter, höflicher Umgang mit allen Menschen sein. Es wäre schön, wenn sich Bewegungen zusammenschließen könnten oder zumindest erkennen würden, dass sie am gleichen Strang ziehen. Ich glaube nicht, dass Feminismus von wichtigeren Problemen ablenkt (es gibt immer wichtigere Probleme irgendwo, das darf kein Argument sein). Ich glaube auch nicht, dass Feminismus nur Sache der oberen Mittelschicht in Industrieländern ist. Gerade neulich wurde Rape-culture in Indien thematisiert. Die Anliegen von Näherinnen und Fabriksarbeiterinnen in China und Südostasien sind wichtige Themen. Auch die immer noch vorhandene Lohnschere überall auf der Welt. Die Probleme alleinerziehender Mütter, besonders wenn sie armutsgefährdet sind. Die Probleme junger Frauen, die vergebens darum kämpfen ihre Identität zu finden und aufgrund von falschen Vorstellungen (Körperbild, Rollenbild) magersüchtig oder übergewichtig werden. Das sind Probleme, die sich durch alle Teile der Gesellschaft ziehen, die aber nicht nur aufgrund von Diskriminierung zustande kommen.

  2. TV schreibt:

    Ich will mich hier nicht als Experte aufspielen, aber ist es nicht so, dass ein oberflächlicher Blick auf Frauenzeitschriften oder Frauensendungen trotz ihrer Selbstbezeichnung als Feministinnen nicht nur vollkommen antiemanzipatorisch sind, sondern geradezu aktiv versuchen, weibliche Gleichberechtigung zu untergraben, indem sie Interessenghettos, die sie Frauen zuteilen, schaffen?

    • Karin Koller schreibt:

      Ja das finde ich auch. Johanna Miller hat einen Artikel darüber geschrieben, den ich unten verlinkt haben. Auch wegen diesen Zeitschriften brauchen wir Feminismus dringend. Ich verstehe nicht, warum sich Redakteurinnen dieser Blättchen als Feministinnen bezeichnen – eine Orwellsche Wortumkehr?

      • AS schreibt:

        Weil sie glauben, ihr Kampf für tragbare Manolo Blahnik Schuhe erfolgt im Namen aller Frauen der Welt? Weil sie glauben, Frauenarmut ist, wenn man auf den Sommerschlußverkauf bei Versace warten muß, um sich neu einzukleiden? Weil sie denken, für die meisten Frauen der Welt ist ein Nahrungsproblem, wenn man zum Kaloriensparen Wodka pur, ohne Fruchtsaft trinken muß?

  3. Athenaeum schreibt:

    Wenn angebliche Frauenunterdrückung in Mitteleuropa von vielen Frauen als Hauptproblem wahrgenommen und angegriffen wird, dann werden Energien, die in die Bekämpfung tatsächlich relevanter Ungerechtigkeiten auf der Welt eingesetzt werden könnten, zur Freude der echten Opressoren (Grossindustrie, Finanzkapital, Militärisch-industrieller Komplex) verschwendet, und zwar in großem Ausmaß. Man überlege nur, was bewirkt werden könnte, wenn die mediale Aufmerksamkeit, die Herrn Brüderles Halblustigkeiten, die höchstens peinlich berühren, in den vergangenen Tagen ausgelöst haben, für tatsächlich Wichtiges (Kinderarmut, Obdachlosigkeit, Wirtschaftspolitik) genutzt worden wären.

    Feministinnen sind daher heutzutage meiner Ansicht nach nur nützliche Idioten derer, die an der Aufrechterhaltung Diskriminierungen aller Art interessiert sind, von moslemischen Fundamentalisten bis zu Goldman Sachs.

    • Karin Koller schreibt:

      Wenn man sich für eine Sache einsetzt, heißt das nicht, dass man dieses Thema als das schwerwiegendste überhaupt ansieht und nicht zulässt, dass man sich für anderes engagiert. Aufgrund Ihrer früheren Kommentare kann ich durchaus nachvollziehen, dass Sie Brüderle drollig finden (und bei der Debatte geht es nicht um Brüderle im Speziellen).
      Ich sage, besser man macht auf Missstände aufmerksam (und Diskriminierung von Frauen ist kein so geringer, wie Sie glauben) als man schimpft nur auf Menschen, die das tun. Das hilft nämlich niemanden.

      • Athenaeum schreibt:

        Ich sehe nur Luxusdamen die ihre Luxusprobleme für das wichtigste auf der Welt halten.

  4. AS schreibt:

    Müsste man, wenn die Buntechefredakteurin sich selbst als Feministin bezeichnet, nicht ein anderes Wort für das, was du meinst, erfinden?

    • Genevieve schreibt:

      das grundproblem heute ist, dass anders als noch vor einigen jahrzehnten, in mitteleuropa nicht mehr davon gesprochen werden kann, dass alle frauen (also als gesamtgruppe) diskriminiert werden; vielmehr gibt es sehr viele kleineren gruppen, teilweise auch nur aus frauen bestehend, die opfer von sozialen, rechtlichen, ökonomischen diskriminierungen sind; aus diesem grund ist feminismus in seiner generellen form obsolet, weil er eine gesellschaftliche gruppe, für die das in ihrer gesamtheit nicht (mehr) gilt, in die opferrolle drängt, anstatt konkrete missstände zu bekämpfen; ich glaube auch, dass eine bewegung, der sich jutta ditfurth und patricia rikel zugehörig fühlen können, so wenig konkrete gemeindsamkeiten hat, dass sie in dieser form sinnlos ist;

      • Karin Koller schreibt:

        Jeder Erfolg einer Antidiskriminierungskampgne führt doch dazu, dass manche Menschen weniger diskriminiert werden, andere aber immer noch gleich. Bei vielen anderen Themen, für die sich Menschen einsetzen, gibt es auch verschiedene Gruppen, die unterschiedlich agieren und ideologisch und strategisch nicht zusammenpassen. Deshalb sind aber weder das Ziel noch der Grund obsolet. Es ist richtig, dass manche Gruppen Frauen in eine Opferrolle drängen. Viele andere setzen sich für das Empowerment von Frauen ein. Wenn man von Gleichstellung spricht, muss man nicht unbedingt nur Diskriminierung meinen. Einen Schritt näher zur Gleichstellung kommt man auch, wenn man sein Rollenbild überdenkt, wenn man sich nicht körperlichen Zwängen in vorauseilendem Gehorsam unterwirft. Wenn man versucht, in vielen Lebensbereichen (Aussehen, Altern, Lebensgestaltung, etc.) so locker zu werden wie Männer das sind.
        Man muss sich nicht mit jeder Exponentin des Feminismus identifizieren. Heute habe ich einen schönen Artikel über die Notwendigkeit von Feminismus gefunden: http://www.vqronline.org/articles/2012/fall/gay-feminism/ .

    • Karin Koller schreibt:

      @ AS: Würde man damit nicht eingestehen, dass sie auch dort gewonnen haben, wenn schon so viele Frauen an deren Frauenbild glauben?

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