Songs: Velvet Underground, Sunday Morning

Die Sonntagmorgen, als ich noch jung war. Und ungebunden. Als ich im Bett liegen konnte bis zum Mittag, faul, dösend, neben meinem Freund (der jetzt mein Mann ist). Nicht zum Aufstehen zu bewegen, weil wir bis um vier Uhr Musik gehört hatten.

Am Schluss lagen die Schallplatten überall in der kleinen Wohnung verstreut. Ja, Schallplatten waren das damals noch. CDs gab es schon eine zeitlang, aber wir waren doch schon so alt, uns über die Jahre eine Plattensammlung erworben zu haben.

Abwechselnd wählten wir Songs aus, zu verschiedenen Themen, zu verschiedenen Erinnerungen – „weißt du noch, als wir durch Frankreich fuhren?“ oder „Weißt du noch, das haben wir in der Öde Nevadas gehört?“ oder „Weißt du noch, das habe ich aufgelegt als ich dich zum ersten Mal geküsst habe?“ oder „Weißt du noch, über den Ausgang dieser Wahl habe ich mich so geärgert, dass ich das spielen musste?“

Und wir tranken Wein dazu, bis uns schwummerig wurde. Wir waren nur für uns selbst verantwortlich, konnten besoffen sein, so sehr wir wollten. Niemand weckte uns am Morgen. Der Zustand, in dem wir aufwachten, blieb völlig konsequenzenlos (wenn noch Kopfwehtabletten vorhanden waren). Wir vergeudeten unsere Zeit in der Nacht und wir vergeudeten sie am Vormittag und mitunter am Nachmittag auch.

Manchmal wache ich am Sonntag um halb Sieben in Früh auf (nicht freiwillig, sondern weil mich die Kleinste weckt, aber um Acht wäre ich in jedem Fall schon wach) und wünsche mir diese schöne, verantwortungslose und verschwenderische Zeit zurück. Nicht für immer, aber für einen Sonntagmorgen oder auch noch einen Samstag dazu.

Damals war die Zeit, in der ich mich treiben lassen konnte, in der ich Stunden mit Tetris zubringen konnte, oder Chick-Lit las (nicht dass mir das heute abgeht), oder dumpfe Reality-Shows anschaute (das geht mir heute auch nicht ab), einfach nur weil Zeit keine Rolle spielte. Der Zustand, bevor ich mein Leben strukturierte. Eine Schwebe, in der ich nicht wusste, was aus mir werden sollte, in der aber alles möglich erschien. Eine Zeit, in der eine kleine Extravaganz noch nicht einen enormen Aufwand bedeutete und nur sehr selten Schuldgefühle auslöste.

Ach, war das schön, denke ich dann und fühle mich erdenschwer und in meinem Leben gefangen.

Aber nur kurz.

Wenn ich heute noch so sorglos wäre wie früher, würde mir etwas fehlen. Es gibt Lebensabschnitte, in denen die Zeitvergeudung richtig (notwendig?) ist, weil man sich nur in ihr entwickeln kann. Und dann gibt es Lebensabschnitte, in denen sie nur noch ein schaler Abklatsch ist, ein Zeichen dafür, dass man sich nicht entwickelt hat.

Dann nehme ich die Kleine in den Arm – mit ein bisschen Glück bringe ich sie dazu, noch für eine halbe Stunde einzuschlafen – döse vor mich hin und freue mich, dass sie da ist. Und dass ich einen Platz im Leben gefunden habe, der mir gefällt, obwohl es nicht der Platz ist, den ich mir als junger Mensch vorgestellt hatte. Ohne Wehmut, aber mit ein bisschen Nostalgie, denke ich an die Sonntagmorgen von damals zurück und darüber, wie sich mein Leben entwickelt hat, wie wenig Ahnung ich vom Erwachsenenleben hatte, als ich jung war, und – obwohl es damals schön war – wie froh ich bin, nicht mehr ganz jung zu sein.

http://www.youtube.com/watch?v=YuM3SteeAgY

Sunday morning
praise the dawning
It’s just a restless feeling by my side
Early dawning
Sunday morning
It’s just the wasted years so close behind
Watch out the world’s behind you
There’s always someone around you who will call
It’s nothing at all

Sunday morning
And I’m falling
I’ve got a feeling I don’t want to know
Early dawning
Sunday morning
It’s all the streets you crossed, not so long ago
Watch out the world’s behind you
There’s always someone around you who will call
It’s nothing at all

Sunday morning
Sunday morning
Sunday morning

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Songs: Velvet Underground, Sunday Morning

  1. Erinnerung an eine Zeit, als man Musik noch angreifen konnte. Schade darum, irgendwie, auch um die Cover, die doch einen zusätzlichen sinnlichen Anreiz darstellten.

  2. Jo schreibt:

    Schön, danke

  3. old xolotl schreibt:

    Danke für diesen kulturellen Lichtblick. Der YT-Link ist in Deutschland leider gesperrt. Aber egal: ich habe diesen ersten Gänsehaut-Lieblingssongs in 3facher Vinyl-Version plus 2fach CD im Regal. Er kribbelt auch fast 40 Jahre nach dem ersten Hören immer wieder mal intensiv, wobei ich ihn eher in Fällen völliger Verlorenheitsgefühle auflege. Mein Englisch ist vermutlich nicht gut genug, um den Text wirklich zu verstehen.

    • Karin Koller schreibt:

      Einen Text kann man auf verschiedenste Weise verstehen- je nach Stimmung, je nach Erinnerung, oder je nach aktueller Situation – man muss ihn auch nicht immer wörtlich nehmen, das ist ja das Schöne daran.

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