Jetzt doch schwanger

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 44

2001 002

Keine eineinhalb Monate hatte ich noch gearbeitet, als mir auffiel, dass meine Regel nicht pünktlich kam. Als ich schwanger werden wollte, hatte ich mir angewöhnt, jedes Mal, wenn es losging einen Kringel um das Datum auf meinem kleinen Kalender zu malen. Diese Kringel waren fast immer fein säuberlich um den zehnten jedes Monats und nun war bereits der sechzehnte. Zuerst dachte ich mir noch nichts dabei. Wahrscheinlich war es die Aufregung des neuen Jobs oder ähnliches, das den Zyklus etwas verschoben hatte. Außerdem konnte gar nichts sein, denn wir hatten eigens aufgepasst seit einigen Monaten und als wir versucht hatten ein Kind zu machen, hatte es nicht geklappt. So einfach ging das sicher nicht. Also wartete ich noch ein paar Tage zu und sagte noch nichts, um Michael nicht unnötig zu beunruhigen.

Als der Zwanzigste kam und immer noch keine Periode, fing ich mich schon an zu wundern, denn so lange war sie noch nie ausgeblieben.

„Du Michael, ich bin schon 10 Tage überfällig.“

„Was überfällig?“ fragte Michael. Offenbar dachte er nicht im Entferntesten an solche Dinge.

„Mit der Regel.“

„Da wird schon nichts sein“, ruhig las er weiter in seinem Buch.

„So lange war’s aber noch nie.“

„Da kann doch gar nichts sein. Wir haben doch aufgepasst.“ Michael nahm meine gelegentlichen Hypochondrien, Panikattacken und falschen Alarme mittlerweile schon völlig gelassen hin, „Wenn du dich unsicher fühlst, mach einfach einen Schwangerschaftstest. Du hast doch noch einen übrig vom letzten Mal, oder?“

Diese Idee hatte ich zumindest ansatzweise auch gehabt, ich wollte aber den Test nicht aus Hysterie vergeuden, denn ich war mir ziemlich sicher, er würde negativ ausfallen. Weil Michael vorgeschlagen hatte, ich solle den Test machen, musste ich das aber wohl oder übel tun. Schließlich ging es um meine Glaubwürdigkeit. Er sollte ruhig sehen, dass ich nicht nur aus Jux und Tollerei herumzickte und Alarm schlug, sondern dass es mir ernst war. Der Test würde zwar keine Schwangerschaft, wohl aber die Seriosität der Lage bestätigen.

Deshalb holte ich den Test aus der Schublade, las die Gebrauchsanweisung und packte den Teststift aus. Dann begab ich mich aufs Klo, merkte, ich musste gar nicht pinkeln und trank zwei große Gläser Wasser. Die Zeit, bis das Wasser seinen Weg in die niederen Regionen fand, verbrachte ich ohne Aufregung, denn insgeheim war ich davon überzeugt, es konnte gar nichts sein.

Als die Blase drückte ging ich nun ganz locker auf die Toilette, entfernte die Schutzkappe, und hielt den Teststift für kurze Zeit vorschriftsgemäß in den Strahl. Obwohl in der Anweisung stand, der Test würde zehn Minuten brauchen, um sich vollständig zu entwickeln, riskierte ich noch auf der Toilette sitzend einen Blick darauf. Im ersten Fenster bildete sich gleich ein blauer Streifen. Das war gut so, denn das war der Kontrollstreifen, der anzeigte, ob man richtig gepinkelt hatte und ob der Test noch funktionierte. Während ich diesen Streifen noch wohlwollend anblickte und mir für meine präzisen Pinkelleistungen gratulierte, meinte ich, meinen Augen nicht trauen zu können. Im oberen Feld, dem Schwangerschaftsanzeigefeld, erschien eine blasse blaue Linie. Und das nach nicht einmal zwei Minuten. Zuerst dachte ich, es müsse sich um eine dieser optischen Täuschungen handeln, in denen eine Linie von einem Feld von den Augen auf das nächste Feld projiziert wird, ohne dort vorhanden zu sein. Doch langsam schien sich dieser Streifen zu verdicken und sein Blau sich zu intensivieren.

Um zu überprüfen, ob meine Augen mir eine Scheinschwangerschaft vortäuschten, ging ich wortlos zu Michael und zeigte ihm den Teststift.

„Da sind ja zwei Streifen drauf. Wie war das noch mal mit den Streifen?“

„Ein Streifen – kein Baby, zwei Streifen – Baby.“

„Das gibt es doch gar nicht. Du willst doch nicht etwas sagen…“

„Doch, es sieht so aus. Was sagst du?“

„Das ist doch ganz primaklasse und wird so schön.“ Michael nahm mich in die Arme und küsste mich, nur um mich sogleich wieder loszulassen und mit den Fingern auszurechnen, wann das Baby zur Welt kommen würde. „Ein Julikind, das ist gut, dann bist du nicht in der ganz heißen Zeit schwanger. Was sagst du? Ist es blöd wegen deinem Job? Wie genau sind solche Tests überhaupt?“

„Zumindest steht drauf, dass sie sehr genau sind. Wäre doch toll, wenn es stimmt. Aber der Test ist schon ein paar Monate alt, hoffentlich war der noch gut.“

„Dann geh einfach nächste Woche zu Arzt und wenn es dann immer noch stimmt, reden wir drüber.“

Der Arzt bestätigte in der darauffolgenden Woche meine Schwangerschaft. Überglücklich aber auch etwas geschockt kam ich nach Hause mit einem Ultraschallbild, auf dem ein kleiner schwarzer Fleck zu sehen war. Dieser Fleck war die Fruchtblase. Innen konnte man noch nichts erkennen, da das Baby noch zu klein war. Nicht einmal als winziger Punkt zeigte es sich.

Spontan bekam ich gleichzeitig Hunger und mir wurde schwindlig. Das sollte auch in den nächsten Monaten so bleiben. Die einzig schwindelfreie Zeit, die ich hatte, war während dem Essen, und so begannen sich schon bald die Kilos anzulagern.

Nachdem die ersten drei Schwangerschaftsmonate vergangen waren, und somit die größte Gefahr einer Fehlgeburt gebannt war, erzählten wir allen Leuten von unserem Glück.

Aber Michael meinte, es würde bei weitem nicht ausreichen, sich untätig zu freuen. Ein Zeichen musste gesetzt werden, ein Meilenstein, der dieses große Ereignis für immer markieren sollte.

„Was meinst du damit?“

Michael rollte die Augen, „jetzt denk doch einmal scharf nach.“

„Ich weiß aber nicht, was du meinst. Ein Bäumchen zu pflanzen wäre schön, aber wir haben doch keinen Garten.“

„Bäumchen, Schmäumchen. Wer gibt sich schon mit solch vergänglichem, verwesungsanfälligen Zeug zufrieden, wenn er echte Unvergänglichkeit haben kann?“

„Du meinst doch nicht…“

„Sicher meine ich. Was denn sonst. Wegen jedem Quatsch hast du dir Ohrringe stechen lassen, da kannst du es ruhig auch mal bei etwas wichtigem machen.“

„Was, ganz ohne Wette?“

Theatralisch warf sich Michael die Hände an die Brust: „Das wird dir dein Kind doch wohl mindestens wert sein.“

Michael hatte ja recht. Einige wichtige Ereignisse in meinem Leben hatte ich schon ganz oder fast ohne Wetten durch neue Ohrlöcher markiert, meinen ersten Job, die Verlobung, den Hochzeitstermin, der nicht so viel Glück gebracht hatte. Deshalb wäre es wohl nur recht und billig, dieses Riesenereignis auch zu kennzeichnen.

Nun galt es nur noch, eine Ohrlochstätte zu finden, die mir illegalerweise ein Loch ins Ohr schießen würde. Der einzig freie Platz an meinen Ohren befand sich nämlich im Knorpelbereich, den nur die kühnsten Semiprofessionisten anrührten und der den Kanülen und Sterilisierkammern der Piercingkünstler vorenthalten war. Mein Bauchnabelpiercing war teuer gewesen und mit viel mehr Angst und Schrecken verbunden, als alles, das jemals an meinem Ohr versucht wurde. Und das inkludierte auch alle von Michael dort unternommen Versuche. Gelegentliche Berichte und Warnungen im Fernsehen oder sonst wo über faulende Ohrmuscheln, die nach dem Aufscheiden der entstandenen eitrigen Furunkeln amputiert werden mussten, konnten mich nicht abschrecken. Ich hatte ja noch den Desinfektionsspray, der alle Eiterherde im Keim ersticken würde.

Einen Laden zu finden, in dem man sich über die allgemeinen Ohrknorpelängste hinwegsetzte, war gar nicht so einfach. Bis nach Zürich mussten Michael und ich dafür reisen. Und auch dort trafen wir erst im etwa zehnten Geschäft auf eine kooperationswillige Fachfrau. Zugegebenermaßen war das ein eher schummriger Laden, in dem hauptsächlich Räucherstäbchen und Dritte-Welt-Schürzen verkauft wurden. Aber er war wenigstens sauber, soweit man das beurteilen konnte, bei der von über die Auslagen gehängten Batiktüchern erzeugten Dunkelheit.

Das Stechen ging schnell und erstaunlich professionell und nach nur zehn Minuten prangte ein neuer, funkelnder Stecker in meinem kaum schmerzenden Ohrknorpel, ein Stecker, der ein für allemal an mein erstes Baby erinnern sollte, falls das Ohr innerhalb kürzester Zeit nicht abfallen würde. Nun hatte ich so gut wie alles Wichtige erledigt und konnte mich beinahe schon entspannt auf das große Ereignis vorbereiten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Jetzt doch schwanger

  1. TV schreibt:

    Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

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