Pensées: Briefe schreiben

  1. Briefe zu schreiben gehört zu den unzeitgemäßesten Dingen, die ich mir denken kann.
  2. Meine Töchter schreiben gerne Briefe. Manchmal am Nachmittag fällt ihnen ein, dass sie einer Freundin etwas schreiben könnten. Das tun sie und dann spazieren wir zum Haus der Freundin und legen den Brief vor die Tür. Eigentlich sinnlos, aber allen Beteiligten macht das Spaß.
  3. Früher war das Schreiben von Briefen eine Notwendigkeit.
  4. Auch in meiner Familie. Meine Oma hatte bis in die Achtzigerjahre kein Telefon. Sie hielt es für Teufelszeug. Nur wenige Häuser in ihrem Dorf hatten einen Telefonanschluss. Meine Mutter war Hausangestellte in Wien. Sie konnte mich in meinen ersten drei Lebensjahren nicht zu sich nehmen, also wohnte ich bei meiner Oma in Kärnten. Die einzige Möglichkeit für meine Mutter zu erfahren, wie es ihrem Baby geht, waren die Briefe meiner Oma.
  5. Erfuhr meine Mutter, dass ich Fieber hatte, musste sie quälend lange Tage auf den nächsten Brief mit der Entwarnung oder weiteren schlechten Nachrichten warten.
  6. Sie konnte, wenn sie arbeitete, nie das Geplapper des Kleinkinds hören, nicht einmal für wenige Sekunden.
  7. Meine Oma schrieb nicht gerne Briefe und wenn sie es tat, dann schrieb sie immer nur das Notwendigste. Die Briefe boten meiner Mutter keinen Trost, heiterten sie nicht mit lustigen Geschichten über ihr Kind auf und ließen oft tagelang auf sich warten, wenn meine Mutter sie am meisten ersehnte.
  8. Als ich noch zur Schule ging, schrieb ich beinahe jeden Tag einen Brief. In drei aufeinanderfolgenden Sommern war ich auf Sprachreisen, bei denen ich junge Leute kennenlernte. Mit ihnen zu telefonieren wäre zu teuer gewesen. Also verschickte ich Briefe nach Finnland, Marokko, Italien, Spanien, Schweden und Zypern und war begeistert, wenn Briefe von dort zurückkamen.
  9. Irgendwie mutete das so exotisch an. Und weltgewandt.
  10. Früher wurden Kinder in der Schule dazu ermutigt, Brieffreunde zu haben. Aber das war nicht dasselbe wie mit Leuten zu kommunizieren, mit denen man schon etwas erlebt hat.
  11. Einem Buben schrieb ich besonders gern. Es war der junge Mann, der mir den ersten Kuss gegeben hat. Damals in Frankreich.
  12. So richtig verliebt hatten wir uns erst in der letzten Woche der Sprachreise. Dann schrieben wir einander drei Jahre lang Briefe. Ein ganzer Sack Briefe von ihm liegt auf dem Dachboden.
  13. Jeden Tag kam ich von der Schule nach Hause und rannte zuerst zum Postkasten. Diese Freude, wenn ein Brief für mich angekommen war. Diese Enttäuschung, wenn der Postkasten leer war.
  14. Jeden Abend verfasste ich vor dem Einschlafen im Geist den nächsten Brief. Hypothetische Antworten auf hypothetische Briefe. Oder Entwürfe für Antworten auf tatsächlich angekommene Briefe.
  15. Die Briefe, die ich dann wirklich losschickte, waren immer ganz anders. Aber das Überlegen, das Formen der Sätze, das Ausprobieren, bis dann die endgültige Version entstand, war schön.
  16. Es folgten Tage der Aufregung. Wie würde mein Brief aufgenommen werden? Hätte ich besser nicht über dieses unwichtige Ereignis geschwafelt? Wirkte es einfältig, wie ich über das Buch, das er mir schickte, geschrieben habe? Hätte ich lieber nicht von der Platte erzählt, die ich mir gekauft hatte?
  17. Und dann die Erleichterung, wenn ein Brief mit einer kindlich intellektuellen Abhandlung und wenig Kritik zurückkam.
  18. Heute weiß ich natürlich, dass jenes, das wir für eine intellektuellen Diskurs über Literatur, Musik, Physik und Philosophie gehalten haben, die ersten adoleszenten Versuche waren, in Worte zu kleiden, was uns bewegte.
  19. Die relativ langen Abstände zwischen den Briefen (ein bis zwei Briefwechsel pro Woche) gaben mir Zeit zur Meinungsbildung und zur Formulierung meiner Gedanken.
  20. Später kommunizierte ich mir Leuten, die ich bei Kongressen, etc. kennenlernte, per E-Mail. Das machte mir auch Spaß.
  21. Es war aber nicht das selbe.
  22. Die sofortige Gratifikation der schnellen Antwort, die geringe Reflexion der eigenen Gedanken, das Fehlen des Sehnens und Hoffens. Aber andererseits schien auch weniger bedeutungsschwanger, was gar nicht bedeutsam war.
  23. Ich möchte E-Mail und Social Media nicht missen.
  24. Aber es ist trotzdem schade, dass Briefe nicht mehr zeitgemäß sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Briefe schreiben

  1. Now that the past is gone…, eine schöne Meditation, es ist immer wichtig, daran zu erinnern, was verlorengeht, damit es nicht endgültig verlorengeht.

    Wenn man sich überlegt, wieviel über die Vergangenheit wir nur aus hinterlassenen Briefen wissen, dann stellt sich schon die Frage, was von uns übrigbleibt, wenn wir nicht bald ein dauerhaftes Substitut finden.

  2. danielasucht schreibt:

    Ach, ein schöner Artikel. Den ersten Liebesbrief habe ich noch immer, das Gefühl, so einen Brief 20-mal durchzulesen, werden junge Leute nie erleben

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