Diese Woche konsumiert: Déjà-vu all over again

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Manche Dinge ändern sich nie. Oberflächlich betrachtet hat das aber nicht den Anschein. Weil sich Technologien ändern. Weil die Zeiten moderner geworden sind und das den Schluss nahelegt, die Gedanken wären auch moderner geworden. Weil die Fülle der allgemein zugänglichen Information zur Meinungsvielfalt führen muss. Das ist auch alles richtig.

Es gibt modernes Denken und Meinungsvielfalt in Österreich. Aber eben nicht überall.

Die letzten Tage der Menschheit (1922) und Der Mann ohne Eigenschaften (1930) zeigen eigentlich alles auf, was in Österreich immer schiefgelaufen ist und immer schieflaufen wird. Ich bin sehr froh, bei der Lektüre dieser Bücher unzählige Talkshows, Sportveranstaltungen, Interviews, Expertenanalysen, Reportagen, Politikerreden, Nachrichtensendungen und Filme versäumt zu haben.

Damit will ich keinesfalls sagen, dass es keine Qualität gibt. Hugo Portischs Serien Österreich 1 und Österreich 2 fallen mir ein, viele Radioreportagen auf Ö1, Mundl, Ernst Molden, Michael Haneke, das eine oder andere Report-Feature, Arno Geiger, Maja Haderlap, Staatskünstler. Ich könnte die Liste noch viel länger machen. Es ist nicht so, dass es keine Qualität gibt. Es ist eher so, dass sie keine Plattform hat, weil man sich lieber über Niveaulosigkeit empört, als Niveau zu suchen.

Es gibt aber auch das Déjà-vu, die Reden, Analysen, Diskussionen und Veranstaltungen, die ich mir gar nicht anzuschauen brauche und trotzdem jeden Satz, der dort gesprochen wird, jede Geste, jede Empörung, jedes Entertainment erahnen kann, weil sich nie etwas ändert, weil viele in ihrer eitlen Selbstzufriedenheit oder in ihrem überheblichen Bild vom offenbar halbdebilen Zuschauer (anders ist das nicht erklärbar) das immer und immer Gleiche tun.

Ich denke da an Interviews mit Frank Stronach. Es macht überhaupt keinen Unterschied, ob ich dem Gespräch aufmerksam folge und mir dabei Gedanken mache, oder ob einfach in einer Programmzeitschrift lese, dass dieses Interview stattfinden wird. Der Informationswert ist der gleiche. Nämlich Null.

Oder an die Reden von Heinz Fischer, Werner Faymann, Michael Spindelegger, Maria Fekter oder HC Strache, die von Inhalt, Mimik, Tonfall und Gestik beinahe immer vorhersehbar sind – trotz Coaching.

Oder an die Analysen von Peter Filzmaier und Niki Lauda, bei denen heute etwas behauptet wird, einige Wochen später mit aller Selbstverständlichkeit das Gegenteil und dazwischen einfach nur das Blaue vom Himmel.

Oder an Serien, die im „Alpenland“ spielen, in denen aber Schauspieler aus allen Gebieten des deutschen Sprachraums ihre Version von „Alpenländisch“ sprechen und eine Berg- und Bauernidylle zeigen.

Oder an den Opernball, den Villacher Fasching, alle Schirennen.

Oder an Talkshows. Das ist zugegebenermaßen kein ausschließlich österreichisches Phänomen. Ich habe schon einmal meinem Ärger über die Einladungspolitik von Talkshows Luft gemacht. Roland Barthes hat die Eigenheiten des Schaukampfes analysiert und Herr B. hat diese Beobachtungen auf politische Talkshows übertragen. Das Fazit: Talkshows und Schlammcatchen haben viel gemeinsam, nur Catchen ist ehrlicher.

Vor einer Woche wollte ich mir Im Zentrum zur Sexismusdebatte anschauen. Nach einer Minute musste ich abschalten. Schon der erste Satz, den ich hörte war wie aus dem Lehrbuch meiner Vorurteile.

Höhepunkt des Vorhersehbaren war die Eröffnung der Schi-WM in Schladming. Diese WM ist der Gipfel der Selbstreferenz – Wir gegen das Ausland. Außerhalb von Österreich interessiert sich auch kaum jemand dafür. Ich konnte es nicht über mich bringen, mir die Eröffnung anzuschauen. Wäre ich  gefragt worden, wie viele österreichische Klischees ich aufzählen könnte, hätte ich gesagt: Wolfgang Ambros mit Schifoan, Rainhard Fendrich mit I am from Austria, Schwarzenegger, Heinz Fischer, Der Herminator, Gabalier, Jodeln und Schuhplattln, Franz Klammer, der eine Österreichfahne schwingt, und noch die Lipizzaner, die Lipizzaner nicht zu vergessen. Und schon habe ich die reale Eröffnung der Schi-WM in all ihrer Schrecklichkeit zusammengestellt. Die Sportreporter beglückwünschten sich danach gegenseitig und sagten Dinge wie „Gell, wir leben schon in einem schönen Land.“ Ich stelle mir die Tränen der Rührung dazu vor. Einer meinte sogar, er habe „Gänsehautfeeling“ verspürt.

Das ist einer der Gründe, warum Satire in Österreich so schwierig ist. Viele in der Öffentlichkeit stehende Personen gefallen sich darin, eine Karikatur ihrer selbst zu sein. Uns wird ein Idealbild vorgaukelt, das tatsächlich eine Karikatur des Landes ist. Oder ein verstaubstes Museum, im dem Wiederholungen in einer Endlosschleife gezeigt werden, die dem Glanz von längstvergangenen Tagen nachtrauern (vom Kaiserreich bis Cordoba).

Natürlich hat sich seit Kraus und Musil etwas geändert. Österreich ist nicht mehr globaler Player in Kultur und Politik. Als Surrogat dient das Schifahren. Das eitle, aber dennoch kosmopolitische Bild des urbanen Menschen, das sich mit London und Paris verglichen hat, wandelte sich zum eitlen Bild des lustigen Alpenländers, der es dem Ausland zeigt – zumindest beim Schifahren. Da sind wir noch was, reden wir uns ein. Und was sein wollten wir immer schon.

Der Kampf mit „den anderen“, den es um jeden Preis zu gewinnen gibt. Die kollektive Wut, wenn einer unserer Exponenten dabei scheitert. Die Maxime „weil es immer schon so war“, wie sie Spindelegger mit seiner unvergleichlichen Eleganz auf den Punkt bringt. Das mangelnde Selbstbewusstsein, das viele sich selbst aufgeblasen und übersteigert darstellen lässt. Das gleichzeitige Unterschätzen der damaligen Untertanen und heutigen Konsumenten. Das Elitedenken, das alle anderen dumm und klein macht und nicht sieht, wie dumm und klein man eigentlich selbst auch ist. All das spielt eine Rolle.

All das ändert sich nicht. Und deshalb kann ich die meisten Sendungen, über die man sich so gerne empört, auslassen, mir einige Sekunden lang vorstellen, was war, und habe trotzdem nichts versäumt (ich liege dabei mindestens so oft richtig wie Filzmaier & Co.). Dann bleibt mir genug Zeit, Schönes, Anspruchsvolles oder Interessantes zu lesen und anzuschauen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Déjà-vu all over again

  1. Ist es ein Zeichen zivilisatorischen Fortschritts, wenn wir 2013 Peter Schröcksnadel haben, statt wie 1913 Conrad von Hötzendorf?

  2. Superartikel, das ewige Österreich scheint eine alpenländische Geisterbahn zu sein, in der man immer im Kreis fähr und gar nicht merkt, dass es eine Welt draussen gibt.

  3. johannaczekay schreibt:

    Hoffentlich gibt der ORF die Eröffnungsfeier der Ski-WM bald als Erinnerungs-DVD heraus, vielleicht mit einem von Schröcksnadels Nostalgiehüterln als Gimmick. Dann könnte man die der NASA übermitteln, zur Weiterleitung an potentielle Außerirdische in irgendwelchen Sonden, damit sich die gegebenenfalls von Anfang an keine Illusionen über die Menschheit und dem, was sie zustandezubringen in der Lage ist, machen.

  4. Martin B. schreibt:

    Da passt jedes Wort. Kann dem nichts hinzufügen, außer ehrfürchtiges Nicken. Danke.

  5. Elke Lahartinger schreibt:

    Dem kann man heute nichts passenderes hinzufügen, als amen.

    • Karin Koller schreibt:

      Aber ich bewerbe mich nicht um die Stelle und jener, der vielmehr euch Freunde genannt hat, wird sie wahrscheinlich nicht bekommen. Wenn doch, musst du dein Eminent Austrian Buch doch noch schreiben.

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