Reichtum

Sinalco

Ich bin bei wohlhabenden Leuten aufgewachsen. Meine Mutter war deren Haushälterin. Schon früh wusste ich, dass wir nicht reich waren. Aber das machte mir nichts aus.

Als Kind hatte ich ganz andere Vorstellungen von Reichtum als heute. Ich durfte zum Beispiel so gut wie nie Limonade haben. Auch die Kinder der Familie, bei der wir wohnten, durften das nicht. Meine Mutter meinte, kohlensäurehaltige Getränke seien gesundheitsgefährdend – zumindest für Kinder. Außer an Geburtstagen, da war Limo erlaubt.

Die Sommer meiner Kindheit verbrachte ich bei meiner Oma. Sie kaufte anfangs des Sommers immer eine Kiste mit 20 Halbliterflaschen Limonade. Wenn ich brav war, durfte ich eines dieser Fläschchen austrinken. Das empfand ich als einen Riesenluxus.

Aber den wahren Reichtum fand ich bei den Nachbarn meiner Oma. Eigentlich wusste ich, dass sie nicht reich waren und jeden Groschen zweimal umdrehten. Die fünfköpfige Familie lebte in einem Haus, das etwas größer war als jenes meiner Oma. Den ganzen Sommer drängte sich die ganze Familie in zwei Kellerräumen, weil die schönen Zimmer an Touristen vermietet wurden. Sommerfrischler nannte man die damals.

Die jüngste Tochter der Nachbarsfamilie war gleich alt wie ich. Wir waren gut befreundet und verbrachten viel Zeit miteinander(einmal zeigte sie mir sogar die Pornohefte, die ihr Vater unter seinem Bett versteckt hatte. Das war ein großes Abenteuer für mich).

Wenn ich bei meiner Freundin war, ging sie immer zu einer der großen Limonadekisten (mit richtigen Literflaschen!), holte eine Flasche heraus und schenkte mir ein Glas ein. Einfach so und ohne jemanden fragen zu müssen. Das war Reichtum für mich. Ich war beeindruckt, und fast ein bisschen neidisch.

Mir fiel nicht auf, dass sie mir immer nur Limo gab, wenn sonst niemand im Haus war und dann immer aus der Kiste, nie aus dem Kühlschrank. Viel später erfuhr ich, dass sie oft geschlagen wurde, wenn ihre Eltern die angebrochenen Limonadeflaschen bemerkten. Wahrscheinlich wollte sie mir das luxuriöse Leben vorgaukeln, weil sie glaubte, ich wäre reicher als sie, und mir in nichts nachstehen wollte.

Dabei hätte das doch für unsere Freundschaft keine Rolle gespielt.

So viele Leute träumen vom großen Reichtum, ich habe das früher auch gemacht, jetzt macht es meine Tochter und fragt: Was würdest du mit einer Million machen?

Das Haus abzahlen, ist die Antwort, und eine gute Pensionsversicherung abschließen und dann noch jedem Familienmitglied einen großen Wunsch erfüllen. Ansonsten würde ich nichts ändern. Ich bin in der glücklichen Lage, keine Geldsorgen zu haben. Reichtum brauche ich nicht. Wofür auch?

Interessant finde ich, wie viele Menschen, die mehr Geld haben, als sie jemals ausgeben könnten, trotzdem immer noch größeren Reichtum haben wollen. Wie diese Leute sich aufregen können, dass Menschen, die nichts haben, eine Grundsicherung bekommen könnten. Wie sie glauben, alles was sie haben, sei selbstverständlich verdient, und was andere erstreben, sei jenen nur zugefallen (obwohl die Unterschiede oft logisch nicht wahrnehmbar sind). Wie viel Neid Menschen haben, denen es an nichts fehlt. Wie oft sich dieser Neid gegenüber jenen äußert, die viel weniger haben. Wie schwer es ist, die eigenen Privilegien wahrzunehmen und wie leicht man die Privilegien der anderen erkennt.

Und umgekehrt, wie Menschen einen Reichtum zur Schau stellen, den sie nicht besitzen, nur weil sie glauben, sie wären dadurch gesellschaftlich akzeptierter. Wie meine Freundin damals.

Wie selten sich jemand selbst als reich bezeichnet. Weil Reichtum offenbar das ist, was man nicht hat. Das, was man noch erreichen möchte. Oder das, was unerreichbar bleibt. Unabhängig davon ob dieser Reichtum überhaupt Freude macht.

Dabei sollte Reichtum nicht einfach akkumulierter Besitz sein, der ohnehin niemals genug zu sein scheint, sondern das, was einen glücklich macht. Wie die Limonade in meiner Kindheit.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Reichtum

  1. SandraS schreibt:

    Da hast du vollkommen recht, ich würde nicht sagen, dass materieller Reichtum nicht auch glücklich machen kann, aber das gilt jedenfalls nur, wenn man ihn zur Erfüllung seiner Träume nutzt.

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