Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber

Was sollte man wissen oder lesen für die ersten Monate und Jahre nach der Geburt?

Nach einer Geburt hat sich eine junge Mutter sich über ihr Baby zu freuen, über ihr Glück. Für anderes ist nicht viel Platz. Nicht für die Verunsicherung, die sie hat, weil sie nicht weiß, wie sie reagieren soll, wenn das Baby weint. Nicht für eigene Anliegen, weil das Baby jetzt wichtig ist. Nicht für jene Dinge, die im kinderlosen Leben Spaß gemacht haben, weil das nun zumindest vorläufig vorbei ist. Nicht für Stimmungsschwankungen oder Selbstekel, weil man ja glücklich zu sein hat. Und schon gar nicht für Sexualität.

Anna Bereuter hat in einem Gastbeitrag die Gefühle beschrieben, die eine junge Mutter eigentlich gar nicht haben darf. Mir ging es damals ganz ähnlich wie ihr. In die Freude mischte Unsicherheit über meine Fähigkeiten als Mutter, über meine körperlichen Bedürfnisse und meinen intellektuellen Antrieb .

Ich kaufte mir Ratgeber, natürlich gleich mehrere, weil ich mich nicht einer Meinung unterwerfen wollte. Zur Babypflege schienen sie Sinnvolles zu sagen zu haben. Wie oft man das Baby baden sollte, wie oft stillen, wie oft wickeln. Was man tun sollte wenn es schrie, nicht einschlafen wollte oder krank wurde. Wie viel es zunehmen sollte. Leider widersprachen sich die Ratgeber in den meisten Punkten.

Ein Beispiel: Voll Stillen sollte man nicht mehr als 4 Monate, weil das Kind sonst Eisenmangel bekam. Voll Stillen sollte man mindestens 6 Monate, weil sich nur so das Immunsystem und die Bindung zur Mutter aufbauen konnten.

Dazu kamen in meiner Umgebung kolportierte Horrorgeschichten, wie eine Mutter, die unbedingt stillen wollte, ihr Kind beinahe verhungern ließ, oder wie eine andere ihr Kind mit Breinahrung so überfütterte, dass es bis in die Pubertät übergewichtig blieb.

Beim Essen bin ich streng nach Ratgeber vorgegangen. Mit Anna klappte das tadellos. Für Lukas war es das Falsche, ihm schmeckten die ersten Breichen, die ich kochte, nicht. Er wehrte sich dagegen, sie zu essen. Ich zwang ihn dazu, weil ich nicht einsah, dass für ihn nicht gut war, was für seine Schwester funktionierte.

Zum Einschlafen, da waren sich die meisten Ratgeber einig, sollte man das Baby wach ins Bettchen legen. Die Konsequenzen, wenn man das nicht schaffte, reichten von zu starker Verhätschelung über stundenlanges Schreien in der Nacht bis hin zu psychischen Störungen, weil das Kind jahrelang im Bett der Eltern schlafen würde. Keiner der Ratgeber sagte, wie man das schaffen sollte, wenn das Baby – wie mein Sohn – sich einfach nicht wach in ein Bettchen legen ließ.

Über die persönlichen Bedürfnisse der Mutter hatten die Ratgeber schon weniger zu sagen: Schlafen, wenn das Baby schläft. Keinen perfekten Haushalt führen. Sich Hilfe holen. Den Partner nicht vernachlässigen. Sich Zeit lassen mit der Sexualität, bis man wieder bereit ist. Sich nicht schämen, wenn man nicht immer glücklich ist. Wenn es nach ein paar Wochen oder Monaten noch immer nicht rund läuft in der Partnerschaft, mit dem Baby oder mit den eigenen Gefühlen, soll man professionelle Hilfe bei einem Arzt oder Berater holen.

Einige dieser Ratschläge haben mir geholfen, andere haben mich verwirrt und verunsichert. Nach Annas Geburt war ich in so vielen Dingen verunsichert, dass ich nicht auf meine eigenen Gefühle, sondern beinahe ausschließlich auf die Ratgeber vertraute.

Heute weiß ich, dass ich mehr auf mich hätte hören sollen und nicht jedes Mal in Panik aufspringen, wenn das Baby einen Ton von sich gab. Mich nicht ständig über das Gewicht des Babies sorgen, obwohl ich sah, wie es kontinuierlich zunahm. Mich nicht beim Stillen stressen, sondern stillen, solange ich es gerne machte, anstatt solange, wie es der Ratgeber für sinnvoll erachtete. Ich hätte eine Struktur in meinen Tagesablauf bringen sollen, anstatt mein gesamtes Leben nach dem Baby auszurichten.

Ich habe in der ersten Zeit gar nicht gemerkt, dass Anna eigentlich 16 Stunden am Tag schlief. In dieser Zeit hätte ich Dinge für mich machen können, Dinge, die mir früher Spaß gemacht haben und die mich von meiner alles vereinnahmenden Mutterrolle ablenken könnten. Ein Buch lesen oder einen Zeitungsartikel, eine Geschichte schreiben, ein bisschen Sport treiben.

Es wäre auch genug Zeit gewesen, ab und zu eine kleine Feierlichkeit mit meinem Mann zu veranstalten, aber das kam mir schon gar nicht in den Sinn. Wir hätten für uns kochen können und gemeinsam essen, mit allem was dazugehört – Kerzen, Schminke, schöner Kleidung.

Neue Kleider wollte ich mir erst kaufen, wenn ich meine alte Figur wieder hatte. Deshalb war ich nicht nur mit meinem Körper unzufrieden, sondern auch mit meiner Kleidung. Ich hätte ab und zu in die Stadt gehen sollen, um mir neue Kleider zu kaufen. Dann hätte ich mich schneller mit meinem veränderten Körper abgefunden und weniger Probleme mit meiner Sexualität gehabt.

In der Dusche hätte ich anfangen sollen, an meiner Klitoris herumzuspielen, dann hätte ich gemerkt, dass sich das gut anfühlt, ich immer noch eine Frau bin und wahrscheinlich meine Libido früher geweckt.

Eine große feierliche Überschreitung, wie mir ein Piercing machen zu lassen, hätte mich (und meinen Mann) früher daran erinnert, dass ich in erster Linie eine Frau bin, die einmal aufregend war und das wieder sein kann.

Aber vieles davon wusste ich, trotz Ratgeber, immer erst nach dem zweiten Kind, oder nach dem dritten.

Hier noch einige Links zu Blogbeiträgen über das Thema Baby und Erziehung:

Probleme mit dem Essen.

Ist Frühförderung immer sinnvoll?

Und wie soll man die machen?

Was tun mit trotzenden Kindern?

Wie leicht man zu seiner eigenen Mutter wird.

Wen man nicht mehr weiterweiß .

Und die Wut, die viele Mütter packt.

Ich lade euch ein, von euren Erfahrungen zu erzählen und über das Thema zu diskutieren.

Thema der nächsten Mailbox: Ohrringe

Fragen und Anregungen bitte an karinkoller@rocketmail.com

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber

  1. Heidi Jäger schreibt:

    sehr viele gute Tips, thx

  2. MarleneG schreibt:

    Gibt es dennoch Bücher, die du empfehlen kannst, also Ratgeber?

    • Karin Koller schreibt:

      Für Schwangerschaft, Geburt und erste Tage gefiel mir recht gut: Schwangerschaft (Lees, Reynolds, McCartan) vom Mosaik-Verlag, obwohl die Fotos sehr altmodisch aussehen. ISBN-10: 3576110739
      Für Babybrei und Ernährung habe ich Kochen für Babys von GU verwendet (für den Buben war das aber nicht das beste).
      Ansonsten habe ich eher im Internet nachgeschaut und mir zusammengereimt, was für meine Kinder und mich das Beste ist.

  3. MarleneG schreibt:

    Danke, ist im Leben sowieso das beste, seinen Instinkten zu gehorchen, glaube ich

    • Karin Koller schreibt:

      Das soll aber nicht heißen, dass es keine guten Ratgeber gibt. Wie bei anderen Ratgebern muss man, glaube ich, genau darauf achten, was zu einem passt und dann auch nicht blind danach handeln.
      Ich bin Ratgebern, die über „technische Details“ hinausgehen gegenüber immer schon skeptisch gewesen. Ich habe mir auch keinen Ratgeber für Leukämie gekauft (nur den vom Krankenhaus über Ernährung, Pflege, etc. gelesen).

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