Die Müllmisere

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 46

Schwanger2

Gerade als ich den Müll entsorgt hatte, merkte ich, dass diverse Müllsäcke zur Neige gingen und ich neue beschaffen musste. Normalerweise würde diese Tatsache niemanden ins Grübeln bringen, aber hier war die Sackbeschaffung gar nicht so einfach. Die Abfallbeseitiger schrieben ganz genau vor, wo welcher Müll wann beseitigt werden musste. Eigentlich wäre das noch nichts Schlechtes gewesen, aber die Methoden waren schon sehr merkwürdig. Das hatte mich schon gewundert, als ich nach Vorarlberg gezogen war. Nun aber, da ich ein Sommerbaby erwartete, das sechs bis acht Mal täglich die Windeln voll machen würde und das nicht nur mit nach Rosenwasser duftenden Substanzen, versetzte mich die Müllmisere in Agonie.

Man trennte hier fein säuberlich, wie auch überall sonst, Glas, Alu und Papier, Biomüll und Plastikmüll vom Restmüll. Zentrale Sammelstellen, weit weg vom Gestanksausstrahlbereich des jeweiligen Abfalls gab es nur für die ersten drei Müllsorten. In unserem Wohnhaus hatten wir noch das Glück, eine Tonne für den Biomüll zu haben. Andere arme Teufel mussten sich kleine, von der Müllbehörde eigens gekennzeichneten Papiersäcke, die gerne rissen, wenn sie feucht wurden, kaufen und einmal wöchentlich an die Straße stellen. Für den Hochsommer mussten diese Leute wohl eigene Müllaufbewahrungsbunker gebaut haben, denn wo konnte man das stinkende Zeug sonst in einer Wohnung lagern?

Aber wir, wir waren fein heraus. Immer wenn sich nur der Anflug einer dieser übelriechenden Verwesungsschwaden zu bilden drohte, konnten wir, oder vielmehr ich, denn die Toleranzschwelle für Gestank schien bei Michael deutlich höher zu liegen als bei mir, behände zur gut versteckten Biotonne hinunterrennen und den Müll entsorgen. Gut versteckt musste die Tonne wohl sein, denn sonst hätte sich doch jeder daran vergehen und seine verwesenden Obst und Gemüseschalen unbefugterweise in die Tonne werfen können. Und das ging doch nicht an, die Unbetonnten sollten ruhig lernen, wie man die Papiersäcke der Stadtverwaltung vollpackte ohne sie zu zerreißen.

Noch merkwürdiger war die Entsorgung von Verpackungsmüll. Die hatte in durchsichtigen, ebenfalls von der zuständigen Behörde gekennzeichneten, gelben Säcken zu erfolgen. Dieser Gelbe Sack war wohl als Plastiksammelbehälter ins Leben gerufen worden, nachdem die Stadt alle Plastikcontainer, die ständig übelriechend überquollen, an den zentralen Sammelstellen entfernt  hatte. Die Durchsichtigkeit, so stand es in der den ersten Säcken beiliegenden Gebrauchsanweisung, diente der Überprüfung der sachgemäßen Befüllung. Unsachgemäß befüllte Sacke wurden von den Entsorgern einfach am Straßenrand stehen gelassen mit einem roten Kleber, auf dem „Pfui Teufel!“ oder ähnlich Anprangerndes stand.

Diese Strenge wäre sicherlich sehr lobenswert gewesen, hätte man den Plastikmüll zu allerlei Nützlichem, wie zum Beispiel Turnschuhsohlen oder Klobürsten weiteverarbeitet. Doch nach einiger Zeit wurde der Plastikmüllsack zum Verpackungsmüllsack befördert oder degradiert, das konnte man sehen, wie man wollte. Nun sollten Verpackungen aller Art in den Sack gefüllt werden, auch solche aus Holz oder Textilien. Und damit lachte nun die Stadt dem braven Sammler frech ins Gesicht und sagte ihm: „Sieh her, du Einfaltspinsel, der du immer geglaubt hast, deine Klobürste mitsamt dem Gästeseifenspender wäre aus deinen mühsam gesammelten Abfällen gewesen, schau nur, was wir mit dem Müll machen. Nämlich genau nichts.“

Nicht genug mit dieser Veräppelung, es war auch noch teuflisch schwer, die Säcke zu bekommen. Nun waren die von der Stadt geschickten gelben Säcke zur Neige gegangen. Natürlich machte ich mich sogleich auf, um Nachschub zu kaufen in einem der wenigen auserlesenen Geschäfte, die andere Stadtmüllsäcke anboten. Es war eine Tankstelle und sie hatten dort keine Säcke. Da es nun mitunter vorkam, dass solche Dinge nicht mehr im Sortiment waren, schleppte ich mich in der immer noch andauernden Gluthitze zum nächsten Geschäft, das herkömmliche Müllsäcke feilbot. Dort erfuhr ich, die gelben Säcke gab es nur an einer einzigen halb-behördlichen Stelle in der ganzen Stadt. Und die befand sich glücklicherweise auch noch im Schwangerschaftsspaziergangsradius, aber in der entgegengesetzten Richtung. Somit musste die Sackbeschaffungsexpedition auf den nächsten Tag verschoben werden.

Am nächsten Tag machte ich mich schon früh auf den Weg. Man konnte ja wirklich nicht wissen, was die städtische Müllverwaltung alles zu bieten hatte. Außerdem wollte ich der Hitze entgehen. Die Müllsackvergabestelle befand sich in einer schäbigen Baracke auf einem industriellen Gelände. Drinnen saßen gelangweilt ein glatzköpfiger und ein schnauzbärtiger Mann. Sie sahen nicht gerade aus wie die typischen Bürokraten. Trotzdem hoffte ich inständig, dass ich keine Bezugsscheine von Rathaus brauchte, um an die Beutel zu kommen.

„Guten Tag. Ich brauche Gelbe Säcke“, sagte ich zu dem Schnauzbärtigen.

Der meinte nur auf den Glatzköpfigen neben sich deutend: „Der dort ist der Chef“, woraufhin dieser mich erwartungsvoll ansah. Ein Witzbold.

„Guten Tag. Ich brauche Gelbe Säcke“, sagte ich eben nochmals.

„Wie viele Personen leben in ihrem Haushalt?“

„Bald drei.“

„Haben Sie seit der städtischen Verteilung schon gelbe Säcke bezogen?“

„Nein“, das artete ja geradezu in ein Verhör aus. Ich kam mir schon vor, als würde ich versuchen, etwas Verbotenes oder zumindest etwas Unschickliches am Rande der Legalität zu versuchen.

„Dann tragen Sie Sich hier ein“, sagte der Chef und hielt mir ein Heft hin, in dem schon viele Leute ihren Namen und ihre Adresse hinterlassen haben.

„Warum muss man das tun?“

„Da wird jeder festgehalten, der Gelbe Säcke holt. Wenn jemand zu viele Säcke bezieht, kommt die Stadtverwaltung vorbei und schaut nach, was da los ist.“

Nachdem ich mich brav eingetragen und auch prompt die Säcke überreicht bekommen hatte, fragte ich nach dem Preis.

„Die sind gratis.“

So konnte man hier völlig gratis zum gläsernen Müllmenschen werden, dem jederzeit die Häscher der Müllkontrollbehörden die Beutelchen zu durchwühlen drohten. Zumindest hatte ich dieses Müllproblem behoben was mich durchaus zu einem kleinen Erleichterungsseufzer hinreißen ließ. Aber die Freude war nicht ungetrübt, denn ich hatte noch ein Müllproblem, ein viel größeres sogar.

Da hier der Abfall fein säuberlich getrennt wurde, fiel nicht viel Restmüll an. Deshalb sah die Stadt keine Notwendigkeit, den Müll oft abzuholen und begnügte sich damit, die Säcke nur alle vierzehn Tage einzusammeln. Natürlich konnten die Säcke bei uns im Haus nicht in großen Tonnen zwischengelagert werden. Das hätte doch Tunichtgute dazu verleiten können, artfremde, sozusagen gänzlich unqualifizierte Säcke, oder gar nackten, unbesackten Müll illegalerweise in die Tonne zu werfen. Nein, die Säcke, waren sie vorzeitig voll, konnten in einem Drahtgestell, das sich fast den ganzen Tag in der prallen Sonne befand, gelagert werden. Nicht selten kam es vor, dass dieser Platz vor dem Haus unangenehme Gerüche verströmte oder dass Beutelinhalte über den gesamten Vorplatz verstreut waren, weil Katzen auf der Suche nach einem brauchbaren Stückchen entsorgter Wurst einige der Säcke zerfetzt hatten.

Aber das war für mich nicht das Problem, denn in dem Drahtgestell war der Müll schon so gut wie aus dem Auge und aus dem Sinn. Mein Problem war: was sollte ich anfangen mit den nicht gerade geruchsneutralen Windeln, die mein Baby bald produzieren würde? Wo könnte man diese während der zwei Wochen zwischen den Müllabholungen lagern?

Im Winter wäre man fein heraus. Da könnten wir die Säcke mit den bekackten Windeln auf den ohnehin höchstens von Michael zum Rauchen benutzten Balkon stellen. Mit etwas Glück wäre es ein kalter Winter und jeglicher Gestank würde sofort einfrieren. Nun im Sommer aber würden sich die Windelabfälle am Balkon im prallen Sonnenlicht erst so richtig zu einem satten Aroma entfalten können. Unser Balkon wäre dann ebenso von fetten schimmernden Fleischfliegen umschwärmt wie das Drahtgestell für die vollen Säcke.

Ein passender Windeleimer musste her. Aber es war gar nicht so einfach, den zu finden. Michael und ich waren schon zur Vorinformation in etlichen Geschäften gewesen. Da gab es die einfachste Variante, ein simpler Plastikkübel mit Deckel, der nicht viel teurer war als ein gewöhnlicher Putzkübel. Und dann gab es das Hightech-Supermodell, sozusagen den Ferrari unter den Windeleimern mit eingebauter Geruchsschleuse und integriertem Windelbeutelspender. Ohne Bedienungsanleitung war dieses Gerät gar nicht betreibbar. Obwohl dieser Luxuseimer durchaus vertrauenserweckend schien in Bezug auf Geruchsneutralität, scheuten wir uns doch, ihn gleich zu kaufen, denn er war fast so teuer wie ein Kinderwagen-Billigmodell. Dazwischen gab es Eimer jeder Variante und jeder Preisklasse.

Bei dieser bisher vergeblichen Suche nach dem idealen Eimer hatten Michael und ich schon beinahe mehr Zeit investiert als vor einem Jahr beim Autokauf. Ein Auto zu kaufen war auch vergleichsweise einfach. Man entschied sich, ob man ein Familienauto oder einen Sportflitzer haben wollte, kaufte ein paar Autozeitschriften, sah nach, ob der Händler einen geeigneten Gebrauchtwagen hatte, machte eine Probefahrt, entschied sich nach einer weiteren Probefahrt dann doch für den Vorführwagen, den man sich eigentlich nicht leisten konnte. Und schon stand ein schnuckliger Familienwagen in der Garage. Bei uns ging das jedenfalls so einfach.

Mit dem Windeleimer ergab sich aber das Problem, dass keine vergleichende Literatur aufzutreiben war. Alles wurde in den Babyjournalen verglichen, Schnuller, Saugflachen, Autositze, nur eben nicht die Geruchssicherheit von Windeleimern. Auch konnte man sie nicht probehalber benutzen wie Autos. Man konnte kein gebrauchtes Klopapier, oder, wenn man aus Hygienegründen soweit dann doch nicht gehen wollte, einen besonders aromatischen Käse, einfüllen und den Eimer eine zeitlang in der prallen Sonne stehen lassen. Dadurch fiel natürlich auch der anschließende Geruchs- und Fliegendichtetest flach.

Es war ein echtes Dilemma und schnelles Handeln tat not. Aber an diesem Tag hatte ich ja schon die Gelben Säcke besorgt und eine erledigte Aufgabe pro Tag war wahrlich genug für mein mittlerweile schon wenig belastbares Gemüt. Lieber machte ich noch ein erholsames Schläfchen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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