Diese Woche konsumiert: 66 Sklaven

Sklaven

Vor kurzem habe ich meiner ältesten Tochter Huckleberry Finn und Robinson Crusoe vorgelesen. Robinson wird zuerst in Afrika selbst versklavt und reist, nachdem er die Freiheit erlangte und in Brasilien eine Plantage aufbaute, nach Afrika, um Sklaven zu importieren.

Ich musste meiner Tochter erklären, was Sklaverei ist. Das ist für ein Kind nicht einfach zu verstehen. Es ist auch schwer zu erklären, weil es in unserem Umfeld als so unvorstellbar erscheint. Immerhin wurde die Sklaverei vor langer Zeit abgeschafft.

Früher konnten Menschen andere Menschen kaufen, verkaufen, nach Gutdünken behandeln und –wenn sie wollten – auch töten, als wären sie Tiere oder Gegenstände, versuchte ich ihr zu erklären.

Mark Twain erklärt es besser, indem er zeigt, wie ganz normale fromme Leute, alte respektierte Damen, damals ihre Sklaven behandelten oder wie sie von ihnen dachten. Wie Huckleberry hin und hergerissen ist von seinem eigenen Empfinden, dass der Sklave Jim ein Freund ist und dem eingelernten Bewusstsein, dass Jim das Eigentum der alten Dame ist und er sich des Diebstahls schuldig macht, wenn er ihm hilft. Später erscheint es Toms Tante und Onkel völlig normal, Jim wie ein Vieh im Schuppen einzusperren und ihn nur mit dem Überlebensnotwendigsten zu versorgen.

Beide Bücher zeigen, wie selbstverständlich Sklaverei damals war. Huckleberry Finn macht nachvollziehbar, wie schwierig das Umdenken war.

Nach der Lektüre dachte ich darüber nach, ob meine Tochter wirklich begriffen hatte, was Sklaverei bedeutet. Da merkte ich, dass ich es eigentlich auch nicht begriffen, oder zumindest nicht ausreichend darüber nachgedacht hatte.

Es ist falsch, Sklaverei als ein Phänomen der Vergangenheit anzusehen. Auch bedeutet Sklaverei nicht zwingend, dass ein Mensch einem anderen gehört.

Sklaverei ist die Entmenschlichung von Menschen. Sie zwingt Menschen, unter unwürdigen Bedingungen zu arbeiten, weil sie sich nicht aus eigener Kraft aus ihrer Situation befreien können. Weil sie wirtschaftlich nicht dazu Lage sind, weil sie bedroht werden, ihnen der Pass entzogen wurde, oder sie unter falschen Voraussetzungen an einen Ort gelockt wurden, von dem sie nicht mehr entkommen können.

Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Zwangsehen sind Formen der modernen Sklaverei.

Als ich den Suchbegriff „Modern slavery“ eingab, stieß ich auf die Site Made in a Free World . Dort gibt es einen Test: How many slaves work for you?

Ich habe diesen Test gemacht. 66 Sklaven arbeiten für mich und meine Familie.

66 Sklaven.

Stofftiere, elektronische Geräte, Kosmetika und Medizin, Bekleidung und das Auto sind laut dieser Aufstellung die Hauptursachen für Sklavenarbeit.

Auf der Site konnte ich nachlesen, dass die Baumwolle für unsere T-Shirts von Kindern in Uzbekistan geerntet wird. Minderjährige Minenarbeiter fördern das Coltan für mein Handy im Congo zu Tage. Kinder aus der Elfenbeinküste ernten die Bohnen für unseren Frühstückskakao. Gold und Diamanten für meine Schmuckstücke werden unter unmenschlichen Bedingungen im Congo gewonnen, der Smaragd an meinem Verlobungsring kommt wahrscheinlich aus Sambia. Leinen, Baumwolle und Leder für unsere Kleidung werden in Indien von Sklaven verarbeitet. Sklaven fertigen in China die Stofftiere und Spielsachen der Kinder an.

Bin ich eine Ausnahme? Ich lebe in relativen Wohlstand in einer wirtschaftlich prosperierenden Region. Für mich arbeiten ziemlich viele Sklaven. Durchschnittlich beschäftigen Familien (laut Angaben der Site) 38 Sklaven.

Jeder Mensch, der ein Auto hat, oder elektronische Geräte , oder Schmuck,  oder Spielzeug, oder Elektrogeräte, oder Turnschuhe, oder Kleidung, oder Produkte von Amazon, oder spanisches Gemüse, oder brasilianisches Obst konsumiert, beschäftigt aller Wahrscheinlichkeit nach Sklaven. Dafür muss man nicht zum Straßenstrich.

Millionen Menschen leben in Sklaverei oder unter sklavenartigen Bedingungen. Sie gehören nicht anderen Menschen. Nicht nur weil das verboten ist, sondern weil ihr Leben für ihre Arbeitgeber nichts wert ist. Viele haben kaum genug zu essen, vergiften sich bei der Arbeit oder zerstören sich die Gesundheit durch Überlastung, leben in den unmenschlichsten Unterkünften, haben keine Freizeit, keine Perspektive, keine Zukunft. Sie können auch ihren Kindern keine Zukunft geben, können sie oft nicht ernähren und müssen sie zur Kinderarbeit zwingen. Das blanke Überleben ist der Hauptlebenszweck von modernen Sklaven.

Anders als bei traditioneller Sklaverei sind die Hauptnutznießer ihrer Arbeit – wir Konsumenten – über hunderte und tausende Kilometer von den Sklaven getrennt. Wir müssen uns nicht mit ihnen beschäftigen. Wir brauchen sie nicht zu sehen. Wir kaufen die schönen sauberen Sachen, denen man nicht ansieht, von wem sie erzeugt wurden und unter welchen Umständen.

Derzeit scheint bei sehr vielen Firmen kein Interesse vorhanden zu sein, auf modernen Sklavenhandel zu verzichten. Für Kunden ist es nicht einfach zu überprüfen, welches Produkt fair produziert wurde und welches nicht.

Viele Produkte bestehen aus unterschiedlichen Rohstoffen und mehreren Einzelteilen, die von Zulieferfirmen gefertigt wurden. Rohstofferzeugung, Einzelteilfertigung und Zusammenbau des Endprodukts finden nicht nur in verschiedenen Betrieben, sondern auch in verschiedenen Ländern statt. Produktionsketten sind oft kaum überschaubar. Jeden Produktionsschritt  fair zu machen, ist ein enormes Unterfangen.

Ein Unterfangen, das Firmen betreiben sollten. Das derzeitige System funktioniert gut und ist wirtschaftlich günstig – zumindest für die Firmen, die Endprodukte verkaufen. Umdenken scheint genauso schwierig zu sein wie zu Huckleberry Finns Zeit.

Wenn die Firmen das nicht machen, sollten Gesetze sie dazu zwingen. Rechtliche Regelungen gestalten sich wegen internationaler Produktion als schwierig. Wenn diese nicht schnell zu realisieren sind, sollten die Kunden aktiv werden und bewusst Firmen, die fair produzieren, suchen.

Und Firmen, die sich der Sklavenarbeit bedienen, boykottieren.

Wenn publik wird, wie große Firmen ihre Mitarbeiter und Lieferanten behandeln, wenn deshalb weniger Leute deren Produkte kaufen, könnte das einen Druck erzeugen, der ein Umdenken hervorruft.

Es gibt Bekleidung, die von Fairwear geprüft wurde  oder Spielzeugfirmen, die ihre Lieferanten in Asien zertifizieren. Informationen über Elektronik- und Elektrogeräte und andere Produkte  oder über Schmuck.Manche Lebensmittel haben ein Fair Trade Siegel. Diese Produkte zu kaufen wäre ein Anfang. Faire Produkte bekannt zu machen wäre auch eine Möglichkeit.

Jeder noch so kleine Aufwand kann dazu beitragen, ein Umdenken hervorzurufen.

Ich sollte endlich anfangen, diesen Aufwand zu betreiben, weil für mich 66 Sklaven arbeiten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Diese Woche konsumiert: 66 Sklaven

  1. MarleneG schreibt:

    Aber, Konsumentenverhalten hin oder her, ändern wird man hier nur etwas, wenn diesen Firmen ihr ausbeuterisches Verhalten von politischer Seite verunmöglicht wird.

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