Sich gehen lassen

In Ist das ein Mensch? beschreibt Primo Levi seine Internierung in Auschwitz. Das Buch ist eines der wichtigsten Zeitdokumente und jeder, der begreifen möchte, was damals geschehen ist, sollte es lesen.

Eine Szene hat sich mir aber noch zusätzlich für mein eigenes Leben eingeprägt: Levi trifft einen Mann in der Waschbaracke, der sich, so gut es möglich ist, sorgfältig mit Seife wäscht. Der Boden der Waschbaracke ist schleimbedeckt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Aufgrund der vielen Arbeiten, die den Häftlingen aufgezwungen werden, bleibt nicht viel Zeit zum Waschen. Außerdem wissen alle, dass sie höchstwahrscheinlich die kommende Woche, den kommenden Tag nicht überleben werden. Warum sollte sich also jemand die Mühe machen, sorgsam ein Stückchen Seife bei sich zu verstecken und sich zu waschen?

Der Mann antwortet ihm: „Sich an diesem Ort Tag für Tag mit dem trüben Wasser in den verdreckten Becken zu waschen, um der Reinlichkeit und der Gesundheit willen, ist praktisch zwecklos; ungeheuer wichtig aber ist es als Symptom der verbliebenen Vitalität und als Hilfsmittel für das moralische Überleben.

An einem Ort, an dem Menschen um ihr Überleben kämpften, an dem sie tagtäglich dem Sterben zusehen mussten, hielt das wenige an Körperpflege, das möglich war, den Überlebensgeist dieses Menschen aufrecht und die Erinnerung daran, dass er ein Mensch ist.

Wenn die persönliche Pflege das Überleben sichern kann, weil man, solange man sie betreibt, noch nicht aufgegeben hat, wie viel kann sie dann im gutsituierten und gefahrlosen Alltag bringen?

Als Katharina an Leukämie erkrankte, erschien es mir nachgerade absurd, mich über die normale Körperhygiene hinaus zu pflegen. Ich wollte nicht selbstsüchtig und eitel wirken. Nicht einmal zum Friseur wollte ich gehen, bevor sie wieder gesund war. Bis ich mich eines Tages in den Spiegel schaute und erschrak. Dann nahm ich mir die Auszeit, um zum Friseur zu gehen. Das tat mir gut, ich fühlte mich schön danach, das gab mir Kraft. Ich sah ein, dass ich mein Aussehen nicht an ihre Krankheit koppeln durfte. Dass das Leben leichter war, wenn ich auch auf mich schaute.

Früher habe ich gedacht, als Hausfrau brauche ich mich nicht schön zu machen, ich gehe nirgends hin, mich sieht ja keiner. Abends kommt mein Mann oft müde nach Hause und hat nach einem langen Tag keine Lust mehr zu Gesprächen, möchte sich lieber vor dem Fernseher entspannen. Mich schaut er gar nicht an. Warum also Aufwand betreiben?

Ein entscheidender Fehler in dieser Denkweise ist, dass man sich nicht nur für jemand anderen schön macht, sondern auch für sich selbst. Wenn ich ungeschminkt im Jogginganzug herumsitze, zeige ich mit selbst, dass ich gar nicht mehr darauf hoffe, wahrgenommen zu werden, dass es ohnehin egal ist, was ich tue. Ich gebe meine persönliche Würde stückchenweise auf, weil ich aufhöre an mich zu glauben.

Wenn ich mir ein schickes Kleid anziehe und mich schminke, fühle ich mich selbst attraktiver. Ich werde dadurch spritziger und abenteuerlustiger. Das merkt auch mein Mann und plötzlich ist seine Müdigkeit nach der Arbeit weg.

Dann gibt es wieder Phasen, in denen er mich trotz allem nicht wahrzunehmen scheint. Dann denke ich wieder, wozu die Mühe, wenn es ohnehin nichts nützt. Und wieder bin ich ins falsche Denkmuster gerutscht.

Auch wenn es im Augenblick nicht wahrgenommen wird, ist es wichtig für mich selbst, meine Würde und meinen Selbstwert aufrechtzuerhalten. Schminke und ein schönes Kleid sind nur die äußere Manifestation davon und symbolhaft für den Willen, mich in allen anderen Bereichen nicht gehen zu lassen.

So sehr es als Anmaßung klingt, das eingangs erwähnte Zitat auf ein Leben in Sicherheit und Freiheit anzuwenden, empfinde ich es dennoch als allgemeingültig für eine Vielfalt von Lebenssituationen. Sei es der Umgang mit einer persönlichen Katastrophe, sei es der Umgang mit dem Alltag. Weil diese minimale und scheinbar bedeutungslose Geste ein Symbol ist für das eigene Selbstwertgefühl. Weil jedes Aufgeben von einer Kleinigkeit das nächstgrößere Aufgeben erst in Reichweite bringt und möglich macht, bis man sich am Ende selbst aufgibt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Sich gehen lassen

  1. SandraS schreibt:

    Schön gesagt, danke

  2. Monika schreibt:

    Das ist eben Zivilisation, dass man sich täglich anstrengt, auch wenn es müßig scheint

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