Eine Welt ohne Bilder

Rhinoceros

Wir leben in einer überwiegend von Bildern geprägten Gesellschaft. Zu allen Informationen, die wir bekommen, wird entweder bereits ein Bild mitgeliefert (von den Nachrichtensendungen bis zu Wort-Bild-Marken) oder wir haben sofort ein Bild vor Augen.

Heute weiß jeder, wie die Regierenden aussehen, aber nicht nur das. Ich weiß auch, wie irgendwelche Stars aussehen, die mich nicht einmal im Geringsten interessieren. Oder Sportler. Oder Künstlerinnen. Oder TV-„Experten“. Oder Königinnen.

Wie verschiedenste Gegenden der Erde, exotische und heimische Tiere und Pflanzen, die Moden in anderen Ländern und die wichtigsten Gebäude der Welt aussehen, ist meinem inneren Auge präsent. Sogar Bilder der Erde vom Weltall aus fotografiert habe ich gesehen. Tiefseefische, die nur mit Spezialfahrzeugen erreichbar sind. Vergrößerungen von Bakterien und Blutzellen. Mondgestein. Die wichtigsten historischen Persönlichkeiten von Nofretete bis George Washington. Die bedeutendsten Kunstwerke.

Jahrhundertelang kannten die Leute den Herrscher nur, weil sie als Statuen vor den Prunkbauten der Städte dargestellt waren. Oder auf Münzen. Die einzige einer breiten Öffentlichkeit zugänglichen Kunst war jene in den Kirchen.

Wie die Welt außerhalb ihres Umfelds aussah, mussten sich die Leute vorstellen. Märchen, Geschichten, Erzählungen und Gerüchte waren dafür die Hauptquellen. Das war noch weitgehend so, als meine Mutter jung war, als es kein Fernsehen gab und ihre Mutter keine Zeitung abonniert hatte.

Lange Zeit waren Bücher nur sehr wenigen Menschen zugänglich und die Beschreibungen und Illustrationen auch dort nur aus unverlässlichen Quellen übernommen, von Herodots haarigen Riesenameisen bis zu Dürers Rhinozeros. Dieses Nashorn wurde 1515 nach von Indien nach Portugal verschifft. Es galt als Riesensensation und sollte dem Papst geschenkt werden. Leider sank das Schiff auf der Reise von Portugal nach Rom. Dürer sah das Tier nie und gestaltete den Druck nach Beschreibungen und Skizzen, die in Portugal gemacht wurden. Das Resultat ist heute eindeutig als Nashorn erkennbar. Bei genauerer Betrachtung sieht man ein Horn am Nacken, einen Panzer, der wie eine Schabracke am Körper des Tieres liegt und viele andere Unzulänglichkeiten.

Aber wie exakt stellen die Bilder, die ich jeden Tag vorgespielt bekomme, die Realität dar? Fotos und Filmmaterial erwecken automatisch ein Gefühl von Wahrhaftigkeit. Ein Foto bildet die Realität ab, es kann gar nicht lügen. Oder ist das ein Irrglaube?

Viele historische Dokumentationen zeigen nachgespieltem Filmchen. Sie spiegeln damit eine völlig falsche Authentizität vor (als hätte man die Steinzeitmenschen, Azteken, Nazis, etc. tatsächlich live gefilmt), die von vielen Konsumenten unhinterfragt als tatsächliche Wahrheit angesehen wird. Dabei könnte man durch Einblenden von tatsächlich authentischen Aufnahmen, Dokumenten, Kunstwerken oder Museumsstücken einen viel höheren Wahrheitsgehalt erreichen. Aber die „Action“ scheint wichtiger zu sein und bewegte Bilder prägen sich stärker ein als Standbilder.

Das wirft die Frage auf, woher wir unser Geschichtsbild haben. Aus Ben Hur? Das klingt lächerlich? Aber das in Filmen wahrgenommene Bildmaterial wird immer dann wieder aufgerufen, wenn man Texte zu einem Thema liest. Selbst wenn die Texte historisch korrekter sind als die Filme.

Wie steht es mit unserer Wahrnehmung der jüngeren Vergangenheit oder Gegenwart? Im kalten Krieg wurden so viele Bilder von verrußten und versmogten Regionen in Osteuropa gezeigt, dass ich als Kind tatsächlich glaubte, die Welt östlich von Wien wäre Schwarz-Weiß. Natürlich weiß ich, dass das nicht so ist, aber Bilder halten sich hartnäckig in meinem Kopf.

Wie oft werden zu Propagandazwecken Texte und Bilder, die eigentlich nicht zusammenpassen, kombiniert, um bewusst die Realität zu beugen, um verquere Ansichten als Wahrheiten darzustellen? Ich denke da an den Buben in der Weltwoche vor einiger Zeit. Oder relativ harmloser, die Geschichten, die in Frauenzeitschriften zu Schnappschüssen von Stars erfunden werden. Oder Bilder, die einfach aus Unwissenheit aus dem Zusammenhang gerissen werden, um etwas zu illustrieren. Oder die Werbebilder, die Verlangen mit einem Produkt verknüpfen wollen.

Manche dieser Bilder sind gefährlich, andere ärgerlich, wieder andere inspirierend. Manche sind authentisch, andere eine Annäherung an die Realität, wie Dürers Rhinozeros und wieder andere entsprechen der Wahrheit weniger, als die wildesten Vermutungen in der bilderlosen Welt von damals.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Eine Welt ohne Bilder

  1. Corinna schreibt:

    Ich denke, spätestens seit Fotoshop sollte allen klar sein, dass ein Bild absolut nicht mehr die Abbildung des Fotografierten sein muss.

    Interessant fand ich auch, dass Bilder gelentlich etwas illustrieren, was in Wirklichkeit völlig anders war – z.B. das berühmte Foto aus Berlin, dass einen Soldaten beim Sprung über die eben errichtet Grenze zwischen Ost und West zeigt.

  2. monologe schreibt:

    „Im Anfang war das Wort“ heißt es im Glauben. Es sieht aber so aus, als ob „im Ende“ das Bild sein wird, wahrscheinlich aber existiert das Bild (Bilder) vom Ende bereits, aber wir haben das Ende selbst noch nicht, sodass die Realität sozusagen nicht mit dem Bild übereinstimmt.

  3. sebastiandrimmler schreibt:

    Guter Text

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