Sind die Brote eingepackt?

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 47

Kopie von Scannen0018

Als ich wieder aufwachte, betrachtete ich meinen Bauch. Er war rund wie der Mond und fast ebenso bleich, denn Schwangerschaftsstreifen waren bisher ausgeblieben. Ich hatte auch durch tägliches Salben mit teuren Cremes diese elenden roten Streifen zu verhindern versucht. Der Bauch war nun schon etwa so groß wie eine reife Wassermelone. Der Nabel stülpte sich schon seit Wochen halb nach außen und sah von oben aus wie die Nase eines Gartenzwergs. Mein Bauchnabelpiercing, das einst dezent einen Bauchnabelschmuck durch das äußere und das innere Loch getragen hatte, hatte nun kein Loch mehr im Inneren des Nabels, sondern nur noch zwei Löcher an der Außenseite. Durch die Ausdehnung des Bauchs wurden diese Löcher auseinandergezogen und wäre der Hautlappen zwischen ihnen nicht so dünn gewesen, hätte man leicht ein kleines Hühnerbein durch sie hindurchschieben können, vielleicht um einen geburtserleichternden Voodoozauber zu initiieren oder einfach nur aus Jux.

Die Bauchdecke begann sich nun an manchen Stellen leicht zu wölben und ihre perfekte Rundlichkeit mancherorts durch die eine oder andere Beule auszutauschen. Mein Baby war aufgewacht und ruderte mit den Beinchen so gut es eben ging bei dem wenigen Platz, der noch übrig war. Ich zwickte eine größere Beule, von der ich mir sicher war, dass sie ein Knie war, ganz leicht mit Daumen und Zeigefinger, um mein Baby ein wenig zu necken. Prompt wurde ich mit einem kräftigen Tritt an eine andere Stelle meines Bauches belohnt, gefolgt von einem Rundumschlag. Das Baby wurde sofort zum kleinen Zornpinkel, wenn es in seiner Ruhe gestört wurde. Ein der schönen Dinge an der fortgeschrittenen Schwangerschaft war, dass ich immer nachsehen konnte, ob es dem Baby gut ging. Ein sanftes Trommeln auf die Bauchdecke reichte meist schon aus, um eine Antwort zu bekommen.

In der frühen Schwangerschaft, als ich die Bewegungen des Babys noch nicht spüren konnte, hatte ich immer Angst, dem Kind könnte etwas zugestoßen sein. Es waren jedes Mal bange Wochen bis zur nächsten Ultraschalluntersuchung. Glücklicherweise stellte sich bei den Untersuchungen immer heraus, dass das Kind sich zum munteren Kerlchen entwickelte. Und nun, ich konnte es kaum glauben, sollten es nur noch maximal drei Wochen bis zur Geburt sein.

Davor hatte ich schon riesige Angst. Einiges hatte ich schon darüber gelesen. Die Berichte reichten von den größten Schmerzen, die man sich nur vorstellen konnte, abgesehen vielleicht vom Absägen von Körperteilen ohne Narkose, bis zu einer ganz natürlichen Wonnigkeit, die man gar nicht so genau mitbekam. Alle Mütter, die ich fragte, sagten, wenn das Baby erst mal da wäre, wären alle Schmerzen vergessen. Alle sagten das, ohne Ausnahme und fast völlig im selben Wortlaut, fast so als hätten sie bei der Geburt einen Eid geleistet, niemals etwas anderes zu antworten auf diese Frage. Nur so könnten vermutlich die Menschen fortbestehen, die Wahrheit würde so schrecklich sein, dass keine Frau es mehr wagen würde, ein Kind zu bekommen. Wie man aber all die Frauen dazu gebracht hatte zu schweigen, war mir ein Rätsel. Vielleicht geschah es auch aus reiner Bosheit, hervorgerufen selbst bei den sanftesten Wesen durch speziell ausgeschüttete Geburtshormone, die den Drang auslöste, möglichst viele andere Frauen unwissend in dieses Tal der Schmerzen zu stoßen.

Ansatzweise wurde das Ausmaß der Schrecklichkeiten, die sich bei einer Geburt ereignen konnten in meinen Ratgebern und Zeitschriften schon manchmal angedeutet. Seltener kam das in den Passagen vor, in denen die Schwangere aufgeklärt werden sollte, sondern vielmehr in den abgetrennten, meist mit spezieller Farbe unterlegten Kästchen, die mit „für den Mann“ oder in moderneren, politisch korrekteren Werken mir „Für den/die GeburtspartnerIn“ überschrieben waren. Dort fanden sich Sätze wie: „In dieser Phase wird sich die Gebärende wünschen, nie schwanger geworden zu sein“, „nehmen Sie bitte nichts persönlich, was die Frau zu diesem Zeitpunkt zu Ihnen sagt“ oder „Wenn der Gebärenden vorher jedes Schimpfwort zuwider war, wundern Sie Sich bitte nicht, wenn der durchschnittliche Rapper wie ein Waisenknabe neben ihr wirkt.“

Wenn man wirklich in solche Zustände versetzt würde, konnte man das doch nicht gleich danach wieder vergessen, wie wunderbar es auch immer sein würde, das Kind in den Armen zu halten. Jedenfalls hatte ich Michael schon die wichtigsten Regeln für die Geburt eingeschärft. Er hatte die gesamte Zeit bei mir zu bleiben, auch wenn es tagelang dauern würde. Zigarettenpausen durfte er nur mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis unternehmen. Er hatte alle Anweisungen von mir zu befolgen, außer wenn ich sagte, dass er weggehen sollte. Dieser Befehl musste immer und unter allen Umständen missachtet werden. Am besten sollte er mir alle Wünsche von den Augen ablesen.

Michael sagte zu all dem geduldig „Ja, ja“. Manchmal warf er auch einen kurzen Blick in meine Ratgeber. Er war aber zu der Überzeugung gelangt, dass er seine Aufgabe viel besser erfüllen konnte, wenn er mit möglichst wenig Vorbelastung, also sozusagen völlig unvoreingenommen an sie heranging.

Auf einem seiner Streifzüge durch meine Geburtsliteratur hatte er in einem etwas älteren Ratgeber eine Stelle entdeckt, in der da Packen des Köfferchens beschrieben war. Dort stand, die Frau dürfe nicht vergessen, Sandwichs einzupacken, damit der Mann sich laben könnte, sollte die Geburt länger dauern. Gleichzeitig stand dort, man solle die Tasche mindestens fünf Wochen vor dem Geburtstermin gepackt bereitgestellt haben. Das gab Michael natürlich zu denken. Wie war dieses vermeintliche Paradoxon zu lösen? Wie mussten die Brötchen beschaffen sein, um den hohen Anforderungen zu genügen? War diese Anweisung so gedacht, dass man jeden Tag, bis zu fünf Wochen lang, frische Brote in die Tasche packte? Und was geschah dann mit der jeweils alt gewordenen Jause? Oder wäre es nicht sinnvoller, sich die Mühe zu machen, einen Snack zu finden, der wohlschmeckend und sättigend war und gleichzeitig fünf Wochen haltbar, so wie Astronautennahrung etwa? Bliebe für die nötige Recherche überhaupt noch Zeit?

So nervte mich Michael fast täglich mit der Frage, ob ich mir bei dem Brötchendilemma schon etwas überlegt hatte. Beinahe schien es mir, als wäre der Snack für Michael der einzige unvorbereitete Aspekt des kommenden Ereignisses. Und doch musste ich, als ich die Broschüre der Geburtenstation des Krankenhauses zu Hause genau durchlas, plötzlich hemmungslos weinen. Die Tränen strömten nur so herab. Warum das so war, wusste ich nicht genau. Das Gleiche passierte mir auch, als ich eine vormittägliche Babysendung im Fernsehen anschaute. Wie ein Idiot saß ich da, sah mir das freudige Ereignis der Geburt mitsamt überglücklichen Eltern und rosig süßem Baby an und heulte wie ein Schlosshund.

Irgendwie schienen die Fernsehsendung und die Broschüre viel konkreter oder auch akuter zu sein als alles, mit dem ich mich bisher beschäftigt hatte. Die Gefühle, die mir die Tränen entlockten waren gleichzeitig überwältigende Rührung beim Anblick der rosigen Babys in der Sendung und beim Gedanken, dass mir das gleiche sehr bald auch passieren würde, und panische Angst davor. Es ging auch nicht nur um die Geburtsschmerzen. Die konnte man vermutlich aushalten, und sei es mit Gezeter und Geschrei, mit Wehklagen und in nur geringer Würde. Es ging auch um das Muttersein, ob ich der Verantwortung gewachsen sein würde. Bisher hatte ich mich noch nicht einmal getraut, so kleine Kinder anzurühren und nun sollte ich meins ganz selbstständig versorgen. Ich konnte nicht wissen, ob das drei oder neunzehn Stunden des Tages in Anspruch nehmen, wie viele Monate ich nichts anderes tun können, und ob und in welcher Form ich nach angemessener Zeit Arbeit finden würde. Schon jetzt, und gerade jetzt hatte ich ja noch meine Ersparnisse, war es mir sehr unangenehm, kein eigenes Geld zu verdienen.

Diese Überlegungen klatschten zwar nicht völlig aus heiterem Himmel auch mich hernieder, aber sie waren plötzlich konkret und akut geworden. Davor hatte ich ganz berauscht vor Freude meine Gedanken mehr um die positiven Seiten der Mutterschaft kreisen lassen. Diese würden auch sicher überwiegen. Und wahrscheinlich hatten all die Mütter recht, wenn sie erzählten, alles andere im Leben würde gänzlich unwichtig, sobald man seinem Kind das erste Mal in die Augen schaute. Trotzdem wurde mir erst jetzt so richtig bewusst, dass ich mich bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres auf ein Abenteuer einließ, für das ich nur wenig qualifiziert war.

Dennoch fand ich, die Reise ins Ungewisse sollte ruhig beginnen, denn ich war fett, mir war heiß, ich bekam kaum noch Luft und wenn ich lag, waren alle Wendeversuche ebenso kompliziert wie bei einem gestrandeten Pottwal.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Sind die Brote eingepackt?

  1. dorothea schreibt:

    lol

  2. 1988anna schreibt:

    Und, habt ihr dann bei der Geburt ausgiebig gejausnet?

  3. Barbara schreibt:

    Das Thema mit den Broten hat uns auch lange beschäftigt 😉 wir sind dann auf Kekse ausgewichen, die schon 5 Wochen vorher in die Kliniktasche wanderten und die mein Mann auch vollständig (ich weiß nicht, ob aus Hunger oder aus Nervosität) im Kreißsaal vernichtet hat. Seitdem verbindet er mit diesen Keksen (die mit dem Prinz drauf) immer die Geburt unserer ersten Tochter 🙂

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