Diese Woche konsumiert: Pferdefleisch

Meine erste Reaktion auf den Pferdefleischskandal war: Was haben denn alle, Pferdefleisch ist doch eh eine Delikatesse.

Aber genau das ist der springende Punkt.

Es scheint keinen logischen Grund dafür zu geben, Pferdefleisch irgendwelchen Fleischwaren beizumengen. Es sei denn, es wäre signifikant billiger.

Hochwertiges Pferdefleisch kann nicht billiger zu produzieren sein als Rindfleisch. Pferde sind nicht kleiner, fressen nicht weniger und brauchen nicht weniger Platz.

Unwillkürlich sehe ich, wenn ich Fleisch oder Wurst esse, Tiere auf der Weide vor mir, die sich glücklich in der Sonne räkeln. Ich denke nicht an all jene Dinge, die ich über Tierproduktion weiß.

Nicht an die Schweine, denen man die Schwänzchen abschneidet, weil sie sich die als Platzmangel gegenseitig auffressen würden. Nicht an die Hühner, die keine Federn mehr haben und die sich gar nicht mehr richtig bewegen können, würde man sie in einen richtigen Hof setzen (meine Tante hat einmal aus Mitleid solche Hühner übernommen und die brauchten Wochen, bis sie überhaupt laufenkonnten). Nicht an die Medikamente, die in der Massentierhaltung verabreicht werden (gemäß FDA werden in den USA 80% aller Antibiotika für die Tierproduktion verwendet). Nicht an die resistenten Keime, die dadurch entstehen. Nicht an die zu Tiermehl zermahlenen Tierkadaver, die Rindern und Schweinen an Stelle hochwertigen Futters vorgesetzt werden. Nicht an die Massenschlachtungen, die Tiere ängstigen und das Fleisch mit Stresshormonen versetzen.

Man muss kein Tierschützer sein, um die Massenfleischproduktion ekelhaft zu finden. Sie läuft nicht nur der Würde der Tiere zuwider, sondern auch der Würde der Menschen, die das Zeug essen (müssen).

Das Pferdefleisch in den Kärntner Würsten erscheint da nur wie eine matte Randnotiz. Warum regt es mich trotzdem auf?

Wenn ich industriell gefertigte Tiefkühllasagne oder anders Billigfleisch kaufe, muss ich damit rechnen, dass es mich grausen würde, könnte ich sehen, wie es produziert wurde. Kaufe ich eine Wurst von einem Familienbetrieb, der eine schöne Homepage hat, auf der er stolz die Regionalität der Produkte anpreist, nehme ich an, dass ich den ekelhaften Methoden der Massentierhaltung ausgewichen bin.

Laut ORF unterhielt der Fleischer ein nicht deklariertes Kühllager in Klagenfurt. Dort lagerte kanadisches Pferdefleisch, das angeblich als Tierfutter für den Zoo Herberstein bestimmt war. Warum eine Kärntner Fleischerei ein Lager für Tierfutter hat oder warum ein Steirischer Zoo sein Futter in Klagenfurt lagern sollte, wurde nicht erklärt. Fest steht, dass eine seiner Wurstsorten 27% Pferdefleisch enthielt.

Die Verteidigungsstrategie des Fleischers (bzw. seines Anwalts) ist folgende: 1. Das Fleisch war nicht verdorben oder kontaminiert. 2. Es war nicht in Ordnung, dass das Pferdefleisch in der Wurst aufgetaucht ist. 3. Der Fleischer hat jedoch keine Ahnung, wie es hineingekommen ist (mein Einwand hier: es muss sich um Tonnen von Fleisch gehandelt haben). 4. Der Fleischer wurde böse getäuscht. 5. Weil über das Pferdefleisch berichtet wurde, müssen nun 15 Stellen abgebaut werden. 6. Erst als die Beweislage offenbar erdrückend wurde, gestand er, versicherte aber, er wollte niemanden täuschen.

Eine Verteidigungsstrategie, die der Fleischer von der Kärntner Landesregierung gelernt hat: Es ist eh alles super, und wenn nicht, hatten wir nichts damit zu tun und überhaupt sind wir die Opfer einer grauslichen Hetzjagd. Täuschung, Vertuschung, fehlende Einsicht und Märtyrertum werden weder da noch dort mit Missständen aufräumen.

Wenn man nur die Aussagen des Anwalts berücksichtigt, dann steht fest, dass der Fleischer nicht wusste, wie mindestens 27% vom Fleisch (die Herkunft des Rindfleisches wurde nicht hinterfragt) in seine Wurst kam. Das alleine erscheint höchst bedenklich.

Wer hat die Pferde in die Wurst gemischt (wenn es nicht der Fleischer selbst war) und warum? Wo kommen die Pferde her? Sind es Fohlen, die am Pferdemarkt nicht verkauft werden konnten (wäre ja nicht schlimm)? Sind es alte Ackergäule, die an Alterschwäche krepiert sind? Sind es kranke Tiere, die mit Medikamenten vollgepumpt waren? Sind es Tiere, die als Tierfutter verwendet werden sollten (warum dann nicht für den Verzehr durch Menschen)?

Nun wird Deklarationspflicht gefordert.

Der Kärntner Fleischer hatte offensichtlich kein Interesse, das Fleisch zu deklarieren. Deklarationspflicht hätte nichts geändert. Bei der Großproduktion von Lebensmitteln reicht Deklaration der Fleischart nicht, weil sie nichts darüber aussagt, wie das Fleisch produziert wurde.

Gütesiegel sind eine Möglichkeit. Mitmachen werden jene, die sich bemühen, Qualität zu erzeugen (sie sollten auch dafür belohnt werden). Die anderen werden weitermachen wie bisher.

Die Produktionsbedingungen – von Haltung und Fütterung über Schlachtung bis zur Verarbeitung – sind das Problem. Und Nachvollziehbarkeit, weil Tierhalter, Lieferanten und verarbeitende Industrie nicht identisch sind, sondern oft aus unterschiedlichen Ländern kommen und das Fleisch um die halbe Welt gekarrt wird.

In Wien gibt es nur noch einen Fleischerbetrieb, der noch selbst schlachtet . Für 1.7 Millionen potenzielle Kunden.

Ich habe das Glück, dass es in unserem Dorf einen Schlachtbetrieb gibt. Hühner, Schweine, Lämmer und Rinder werden dort lokal angekauft (die Rinder leben in unserem Dorf, ich gehe sie manchmal mit der Kleinsten besuchen). Ich vertraue meinem Fleischer. Das ist sehr viel wert. Heute habe ich Hühnerbrüste aus dem Bregenzer Wald bei ihm gekauft. Auf der Theke standen zwei Körbe mit Landjägerwürsten. Auf einem davon stand „vom Rind“, auf dem anderen „vom Ross“.

Das Pferdefleisch ist nicht das Problem. Das Billigfleisch, von dem niemand mehr nachvollziehen kann, wo es herkommt, ist das Problem. Und die Produzenten, die nicht nur ihr ethisches Gefühl, sondern auch Gesetze missachten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Pferdefleisch

  1. dorothea schreibt:

    ich glaube, dass sich erst etwas ändert, wenn die agrar- und lebensmittelindustrie gezwungen werden, ihre methoden grundlegend umzustellen,

  2. lenakarlowski schreibt:

    Aber ändern wird sich nichts, nächste Woche wird´s einen anderen Aufreger geben, und dann ist alles wieder vergessen

  3. Monika schreibt:

    Aber wie wehrt ihr euch konkret? Ich kann nicht für jeden Einkauf 15km zu einem glaubhaften Bioladen fahren

  4. Hofnarr schreibt:

    Mein lieber Mann: Es war nicht einer allein aus Kärnten, der den Pferdefleisch-Skandal verursachte, dies eben nicht! Und es waren auch nicht überwiegend Würste, die damit produziert wurden, sondern Füllungen von Teigwarenprodukten und Saucen. Bei uns in der Schweiz sind es alle grossen Hersteller von Fertig-Fleisch-Produkten, insbesondere jene der Fleisch-Saucen aller Teigwaren-Fertig-Produkte wie Lasagne, Ravioli, Fertig-Sugo mit Hack-Fleisch, dann auch andere Produkte, welche Fertig-Hack von Grosshändlern beziehen. Und diese Grosshändler kamen vorwiegend aus dem osteuropäischen Raum wie Rumänien, Polen, Bulgarien und allenfalls auch Russland. Damit ist in keiner Form mehr gewährleistet, wie die Tiere gehalten wurden oder um was für Tiere es sich handelte und für was (allenfalls auch für Tierfutter) das Hackfleisch der Pferde in solch grossen Mengen produziert wurde. Es könnte sich demnach auch um zerhackte Schlachtabfälle von alten Ausmerz-Pferden handeln, die eigentlich für Katzen- und Hundefutter gedacht waren oder in die Kadaver-Verwertung hätten gehen müssen und nachträglich absichtlich in wirklich grossen Mengen betrügerisch umdeklariert wurden ohne dass die westlichen Länder oder die Weiterverarbeiter tatsächlich wussten, dass die Deklarationen nachträglich manipuliert worden waren. Unsere Schweizer Regierung geht den in der Schweiz aufgefundenden, falschdeklarierten Pferdefleisch-Produkten jedenfalls nun minutiös nach und stellt fest, dass es tatsächlich nicht die Sugo-Verarbeiter waren, weil gemäss Fleisch-Deklarationen auf den Zuliefer-Paketen des Hackfleisches davon ausgegangen werden musste, dass es sich um Rind-Hackfleisch aus dem Osten handelt und nicht um Pferdefleisch-Hack, welches weltweit noch nicht derart minutiösen, genauen, gesetzlichen Vorschriften unterliegt wie Rind und Schwein! Nimmt man nämlich jene Pferde-Braten-Stücke, die tatsächlich als Delikatesse in unseren Metzgereien aufzufinden sind, sind dies meist landeseigene Pferde gewesen, die landesintern kontrollierbar sind, während die Abfall-Pferdefleisch-Verwertung eben aus Ländern stammt, die nicht kontrolliert werden oder mittels Umverteilung wieder über unsere Landesgrenzen zurück gelangen und damit unterwegs leichter manipulierbar/umdeklarierbar sind! Wir geben schliesslich unsere Hühnerfüsse unserer Poulets auch in den internationalen Markt nach China, Japan und Afrika, weil dort Abnehmer sind, bloss weil wir wissen, dass wir selbst oder unsere Haustiere keinerlei Hühnerfüsse selber konsumieren würden. Das selbe geschieht auch mit anderen Schlachtabfällen jeglicher Tierarten. Wenn nun aber unterwegs auf betrügerische Weise Papiere mit einstmals korrekten Deklarationen umgeschrieben und ausgetauscht werden, kann dies ein Verarbeiter übernommener, deklarierter Fleischware nicht mehr wissen.

  5. Hofnarr schreibt:

    Der Pferdefleisch-Skandal ist ein echter Skandal, ja möglicherweise ein weltweites Mega-Verbrechen vom Ausmasse Mafia-ähnlicher Struktur, allenfalls sogar ein Politikum von Landesregierungen. Es ist deswegen, dass eben gerade jetzt in allen betroffenen Ländern die Landwirtschaftsdirektionen mit Gesundheitsämtern sowie Lebensmittelämtern und Polizeien oberster Ebene über das internationale Vorgehen in diesem Skandal beraten, um dem organisierten Verbrechen zu diesem Thema Einhalt zu gebieten.

    Man kann jedenfalls davon ausgehen: Wenn Pferdefleisch-Hack derart rentabel über kriminelle und betrügerische Machenschaften durch Umdeklaration der Papiere anstelle von Rind- und Schweinehack vermarktet werden kann, dann handelt es sich jedenfalls um sehr minderwertiges Pferdefleisch, weil sonst die Vermarktung von Schweine- oder Rindfleisch in Europa und Amerika jedenfalls billiger wäre! Da es sich aber nachweislich um reines Pferdefleisch handelt, das in grossen Mengen von verschiedensten, westlichen Grossverarbeitern von Fertigprodukten in der Lebensmittelindustrie unwissentlich anstelle von Rind oder Schwein verarbeitet wurde, muss es sich um Pferdefleisch-Abfälle oder Pferdefleisch-Tierfutter handeln, jedenfalls aber nicht um die besten Stücke eines optimal zum Fleischverzehr herangezogenen Pferdes, wie dies bei uns bestenfalls in der Landwirtschaft üblich wäre! Damit ist nicht mehr über reguläre Dokumente kontrollierbar, wo und wie und zu welchem Zwecke dieses Pferdefleisch-Hack einstmals von Tierhaltern und Metzgern produziert wurde. Dies aber muss jedenfalls in grossem Stil international geahndet werden, um nicht der ganzen, weltweiten Landwirtschaft im Tiersektor zu schaden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s