To scratch an itch

Epikur schrieb an Menoikeus :

Darum nennen wir auch die Lust Anfang und Ende des seligen Lebens… Und eben weil sie das erste und angebotene Gut ist, darum wählen wir auch nicht jede Lust, sondern es kommt vor, daß wir über viele Lustempfindungen hinweggehen, wenn sich für uns aus ihnen ein Übermaß an Lästigem ergibt. Wir ziehen auch viele Schmerzen Lustempfindungen vor, wenn uns auf das lange dauernde Ertragen der Schmerzen eine größere Lust nachfolgt.

Die Lust als Anfang und Ende eines seligen Lebens, aber mit nüchterner Überlegung. Robert Pfaller beschreibt einen modernen Lustbegriff der feierlichen Überschreitung, nach dem man das „schmutzige Heilige“, das unter anderen Umständen als unseriös oder sogar abstoßend gilt, zelebriert .

In jedem Fall sollte man danach trachten, dass man den Genuss ohne Schaden übersteht. Aber das ist nicht immer so einfach. Für mich zumindest nicht.

Am Freitagabend trinke ich gerne eine Flasche Wein mit meinem Mann, oft auch etwas mehr. Am Samstagmorgen wache ich dann auf, habe Kopfschmerzen und fühle mich grantig und körperlich unfit. Ich denke mir, Alkohol zu trinken war ja schön, aber so viel hätte es nicht sein müssen. Für den Samstagabend nehme ich mir vor, etwas weniger zu trinken. Genau so viel, dass ich mich leicht und beschwingt fühle, aber nicht so viel, dass ich mich auch nur ein bisschen unwohl fühle.

Völligen Kontrollverlust durch Alkohol habe ich noch nie erlebt. Kotzen musste ich auch nur drei oder vier Mal in meinem Leben, und das ist schon 25 Jahre her. Ich trinke also moderat, aber nicht so moderat, wie es das epikureische Prinzip von mir verlangen würde.

Ich gehe mit den besten Vorsätzen in die Samstagnacht. Wir sitzen gemütlich beisammen, haben etwas Gutes gekocht und gegessen, die Kinder schlafen, wir unterhalten uns. Die Flasche Wein wird schnell leer, ich merke noch nichts vom Alkohol. Wir machen eine zweite Flasche auf, weil wir in unserem Gespräch gerade so in Fahrt sind und weil der Wein eben dazupasst.

Nach einer Weile spüre ich die Wirkung des Alkohols. Mir wird warm und leicht ums Herz. Meine Gesprächsbeiträge werden spritziger, oder so empfinde ich es zumindest. Ich schwimme auf einer Woge der Behaglichkeit. Das nächste Glas trinke ich, damit ich dort bleibe. Das nächste, um sicherzugehen, dass die Wirkung nicht nachlässt und das nächste, weil gerade noch so viel Wien in der Flasche ist, dass es sich nicht mehr auszahlt, es überzulassen. Das Trinken fühlt sich so gut und richtig an – so viel war es ja nicht. Und was soll schon passieren? Die läppischen Kopfschmerzen werde ich schon aushalten morgen.

Am Sonntagmorgen wache ich genau gleich auf wie am Samstagmorgen. Mit Kopfschmerzen. Grantig. Ich erinnere mich nicht mehr daran, warum das letzte und das vorletzte Glas mir so notwendig erschienen waren und nehme mir vor, das nächste Mal mehr Selbstkontrolle zu üben.

Nicht nur mit dem Wein geht es mir so. Wenn ein Mückenstich zu jucken beginnt, versuche ich es zunächst auch mit Selbstkontrolle. Mit „nüchterner Überlegung“ sage ich mir, wenn ich ein bisschen Creme holen gehe, wird alles von selbst gut. Dann bin ich aber zu faul, Creme zu holen und das Jucken lässt nicht nach. Ein bisschen werde ich kratzen, denke ich, nur damit das Jucken weggeht. Und dann fange ich an zu kratzen. Zuerst wird nur das Jucken stärker. Ich kratze schneller und fester. Und dann noch schneller und fester, denn nur so kann ich das Jucken übertünchen. Wenn ich es schaffe, fühle ich mich gut. Natürlich habe ich gemerkt, wie die Haut gerissen ist. Natürlich spüre ich, wie die Stelle zu schmerzen beginnt. Aber für einen Augenblick ist der Schmerz eine Erleichterung, weil er das Jucken ablöst, ich kann nicht aufhören zu kratzen. Der Schmerz soll anhalten, weil er besser ist als das Jucken.

Kurz nachdem ich aufgehört habe zu kratzen, merke ich, dass der Schmerz nicht besser ist als das Jucken. Eher schlimmer. Ich hätte die Creme holen sollen dann wäre alles gut geworden. Aber dann hätte ich nicht dieses keine Lustgefühl gehabt.

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob das besser oder schlechter gewesen wäre.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu To scratch an itch

  1. danielasucht schreibt:

    Ich bin mir sicher, dass die Mäßigung nicht besser ist, im Regelfall. Man braucht auch die Ekstase, ohne an das Morgen zu denken.

  2. AS schreibt:

    Nichterlebtes kann man nicht nachholen, dann schon lieber bereuen

    • StefG schreibt:

      sehe ich genau umgekehrt, wenn man´s bereut, ist es zu spät, wenn man es nie getan hat, bleiben die optionen offen

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