Interessante Nächte, aufregende Tage, oder so

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 48

Kopie (3) von Meine Bilder0015

Ich saß im Wohnzimmer und stierte auf den Fernsehapparat. Es war vier Uhr morgens. Mir fielen schon fast die Augen zu, aber mein Baby lachte in meinem Arm, schaute sich putzmunter im Zimmer um und machte schon seit einer Stunde keinerlei Anstalten zu schlafen. Sechs Wochen war Lisa nun schon alt und fast jede Nacht war sie stundenlang wach. Sie hatte keine Beschwerden, sondern wollte nur gefüttert und unterhalten werden. Sobald ich sie in ihr Bettchen legte, schrie sie.

Um mich wach zu halten, hatte ich mir angewöhnt, fern zu sehen. Ich war nun Expertin für alle Nachtprogramme der verschiedenen Sender, denn Lisa hatte keine festen Aufwachzeiten. Das gab mir die Gelegenheit, die gesamte Bandbreite der nächtlichen Fernsehvarietät auszukosten.

Viel konnte man lernen beim eingehenden Studium der nächtlichen Wiederholungen. Filme interessierten mich nicht, weil ich jede Nacht wieder die Hoffnung hatte, die Wachperioden meiner Kleinen würden kürzer dauern als ein Spielfilm. Deshalb suchte ich mir jeweils die interessanteste Dokumentation aus. Wirklich viel hätte ich lernen können, nachts nämlich Dokumentationen über Schutzheilige von Autobahntunnels, politische Diskussionen, die vor einem halben Jahr stattgefunden hatten, Sendungen über Wasserbefestigungsanlagen an der Nordsee oder über das Straßenbahnnetz Frankfurts.

Natürlich gab es auch weniger Spannendes. Da es offenbar nicht mehr schicklich für die Fernsehsender war, das Programm jemals auszuschalten, wurden manche Stationen erfinderisch, um möglichst kostengünstig abseits der Spitzenzeiten, oder Primetime, wie das nunmehr selbst in den staatlichen Fernsehanstalten genannt wurde, zu senden. Sie begaben sich auf den schmalen Grat zwischen dem, was nicht mehr teures Programm und noch nicht Testbild war. So gab es einen Sender, der gerne die schönsten Eisenbahnlinien der Welt zeigte. Klasse, hatte ich mir gedacht, da kannst du endlich mal die Welt sehen. Aber statt der erhofften Dokumentation, die eine Eisenbahnstrecke im Zeitraffer als Ansammlung ihrer Highlights zeigte, hatte man lediglich kommentarlos eine Kamera in die Führerkabine des Zuges gestellt. Man sah also direkt auf die Schienen. Auch konnte man erkennen, dass der Zug sich durch eine anonyme Steppe bewegte, die sich in Russland, den USA oder Australien befinden konnte. Vage konnte man im Hintergrund den Funkverkehr des Zugführers hören. Wahrscheinlich dauerte dieses Programm stundenlang, bevor die Landschaft sich zu verändern begann. Aber immerhin hatte man das Gefühl, hier würden nicht öffentliche Fernsehgelder verschwendet, um teure Produktionen für die weniger frequentierten Fernsehzeiten zu fabrizieren. Gleichzeitig wurde aber auch an die Vierundzwanzigstundeseher gedacht, denn ihnen konnte man doch nicht immer nur Wiederholungen auftischen.

Für ganz verzweifelte Nachtseher, die Beruhigung suchten, um einen seligen Nachtschlummer zu erreichen, gab es aber einen noch besseren Testbildersatz. Dieser wurde als Diashow gesendet. Die Bilder dieser Vorführung waren bunte Computerkunstwerke. Ob sie von einem begabten Künstler oder von einem gelangweilten Ferialpraktikanten des Senders geschaffen wurden, oder ob es sich um die Hintergrundbilder von Nintendospielen handelte, war für den Nicht-Kenner der Szene unmöglich zu beurteilen. Zwischen den einzelnen Bildern tauchte immer ein Zeichentrickelch auf, der in einer Sprechblase den „Wechsel in eine andere Ebene“ ankündigte. Vermutlich bekam der hilfesuchende Zuschauer nach einigen Stunden konzentrierten Verfolgens dieses Programms so etwas wie eine religiöse Erleuchtung. Genau wusste ich das aber nicht, da ich mich mit einem Säugling am Arm vor den Folgen dieses visuellen Drogenersatzes fürchtete. Da holte ich mir lieber Entspannung bei dem Sender, der seine Mitarbeiter dazu zwang, für das Nachtprogramm Bocksprünge zu vollführen.

So saß ich nun mit Lisa in meinem neuen Schaukelstuhl, schaukelte sanft hin und her, schaute mir eine Sendung über Jungwähler in Deutschland an und versuchte mein noch schmerzendes Ohrpiercing in seinem Loch zu drehen. Diesmal war es nämlich ein echtes Piercing, von einem Professionisten gefertigt. Ich wollte als Mutter einer Neugeborenen nämlich keine Ohrknorpelentzündung riskieren, die möglicherweise Amputationen, Bluttransfusionen und längere Spitalsaufenthalte bedingen würde. Deshalb hatte ich beschlossen, mein Schicksal nicht mehr in die Hände von Einzelhandelskauffrauen in Juweliergeschäften zu legen. Viel sicherer wurden Körperdurchbohrungen von Piercern durchgeführt, die monatelang an Schweineohren hatten üben müssen, bevor sie wahrscheinlich nach einer strengen Meisterprüfung mit Lizenzen und Zertifikaten ausgestattet wurden.

In der Stadt hatte gerade ein Piercing- und Tattoostudio neu eröffnet. Als Dankesglücksbringer für das gesunde Kind und die gut überstandene Geburt war wieder ein Ohrring fällig geworden. Nun war das nicht mehr so einfach wie früher. Jeder Ausflug musste sorgfältig geplant werden und dieser besonders, denn diesmal war nicht nur das Kind fertig zu machen, sondern auch ich selbst. Es wäre vollkommen deplatziert gewesen, in der einzigen Hose, die bequem saß und die ich seit der Geburt fast immer anhatte, in einen Tätowierladen zu gehen. Die Hose war eine schlapprige Sporthose in Militarygrün mit Gummibund und gehörte eigentlich Michael. Aber der wollte sie nicht mehr. Glücklicherweise war sie noch im hintersten Winkel des Kleiderschranks verstaubt und verbeult aufgetaucht, als ich mir schon Sorgen machte, für Monate hosenlos bleiben zu müssen. In der Hoffnung, bald wieder mein altes Gewicht zu haben, hatte ich nämlich beschlossen, mir keine neuen Hosen zu kaufen. Da kam alles gelegen, das halbwegs tragbar war. Aber für das Ohrringstechen war das Bequeme nicht gut genug.

Um mir bittere Enttäuschungen zu ersparen, hatte ich es tunlichst vermieden, meine alten Hosen zu probieren. Die Waage zeigte immer noch zehn Kilo mehr an als vor der Schwangerschaft. Aber nun war der Zeitpunkt gekommen, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Ich wühlte mich durch den Kasten und legte mir vier Hosen zurecht, die früher nicht ganz so hauteng gesessen hatten. Zuerst wollte ich die Jeans probieren, denn seit Monaten träumte ich davon, wieder Jeans zu tragen. Das führte sogleich zum ersten bitteren Rückschlag, denn weiter als bis zur Mitte meiner Oberschenkel ließen sie sich beim besten Willen nicht hinaufziehen. Bei den nächsten beiden Hosen hatte ich etwas mehr Glück. Mit großer Kraftanstrengung brachte ich sie über meinen Hintern, aber leider gelang es nicht, Knopf und Knopfloch zu vereinen. Blieb nur noch meine schwarze Lederhose. Einmal noch versuchte ich mit fast übermenschlichem Aufwand, einen Hosenknopf zu schließen. Es gelang tatsächlich. Ich steckte zwar in der Lederhose wie die Wurst in der Pelle, aber die Hose war zu und ich konnte mich bewegen, wenn ich mich nicht hinsetzte. Ich hoffte nur, ich würde keine Organquetschungen davontragen.

Etwas steifbeinig machte mich auf in die Stadt. Lisa nahm ich natürlich mit, denn der Spaziergang würde ihr gut tun und ich hatte ohnehin keinen Babysitter für diesen Tag. Da ich den Entschluss gefasst hatte, das Stechereignis nun stattfinden zu lassen, musste ich gleich handeln, sonst ging der seelische Mutaufbau wieder verloren. Nach allen Ohrringen, die ich mir hatte stechen lassen, und vor allem nach meinem Bauchnabelpiercing hatte ich nicht mehr so große Angst vor der eigentlichen Handlung wie bei manch anderer, früherer Gelegenheit. Ein weinig mulmig war mir allerdings schon. Auch wusste ich nicht genau, ob es in einem Tätowierschuppen unbedingt mit Begeisterung aufgenommen würde, wenn die Kunden mit Neugeborenen in großen Kinderwägen auftauchten. Es könnte durchaus als geschäftsschädigend angesehen werden, wenn in einem Geschäft mit hauptsächlich Teenagerklientel, das cool und hip sein möchte, plötzlich Muttchen auftauchten, bei denen die Gefahr bestand, dass sie ihre Brüste entblößten und ihre Kinder daran hängten. Mehr Sorge machte mir die Unwissenheit über die Dauer der Prozedur. Bei meinem Nabel hatte die Stecherei gut eine dreiviertel Stunde gedauert. Lisa wachte aber gerne auf, sobald der Wagen nicht mehr schaukelte und ich konnte doch unmöglich, mir mit meinem Kind im Arm Löcher in die Ohren stechen lassen. Es wäre sicher nicht förderlich für die Konzentration des Stechmeisters, wenn neben ihm ein Neugeborenes jämmerlich schrie. Ich konnte nur hoffen, Lisa würde wider ihre Natur tief und fest schlafen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Interessante Nächte, aufregende Tage, oder so

  1. Monika schreibt:

    Beim jetzigen Nachtprogramm wünscht man sich die Eisenbahnfahrten zurück

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