Diese Woche konsumiert: Flucht und Asyl

Asylanten, Flüchtlinge oder weniger despektierlich Asylwerber, Refugees, werden von Politikern und Medien meist nicht als Individuen, sondern als amorphe Masse dargestellt. Die FPÖ versucht, ihren Wählern weiszumachen, dass Asylwerber eine Bedrohung sind, weil sie – wenn sie nicht „rechtschaffenen Bürgern“ die Arbeitsplätze wegnehmen – potenzielle Kriminelle oder Drogendealer sind. Immer wieder tauchen Werbevideos der FPÖ auf, in denen Menschen als bedrohlich dargestellt werden, die nichts anderes als eine dunklere Hautfarbe haben oder anders gekleidet sind (untermalt mit beklemmender Musik).

Die FPÖ macht die schlimmste Propaganda. Aber SPÖ und ÖVP sind auch nicht aus der Pflicht zu nehmen. Sie stellten seit 1945 die InnenministerInnen. Strasser war in seiner Ausländerpolitik beim Wechsel kaum von Schlögl zu unterscheiden. Beide Parteien versuchten, sich der FPÖ-Politik anzubiedern, weil „das Ausländerthema“ emotional auflud. Sie erhofften sich, der FPÖ Stimmen abzugraben, indem sie in vorauseilenden Gehorsam machten, was der FPÖ-Politik entsprach. Vergebens natürlich.

Emotion bestimmt die Diskussion, von der Saualm bis zur Votivkirche. Es ist aber eine falsche, ekelhafte, niedrige Emotion. Immer wieder hört man, Asylwerber sollten doch froh sein, wenn es ihnen besser gehe als in dem Land, aus dem sie fliehen mussten. Menschenwürde vergisst man leicht in der öffentlichen Diskussion. Es geht ja um den Schutz der eigenen Bürger.

Schutz vor wem?

Diese Frage wird viel zu selten gestellt und noch seltener beantwortet. Solange „Asylanten“ diese amorphe Masse sind, solange muss man sich nicht damit beschäftigen, dass jeder von ihnen ein Mensch ist. Und nicht nur das, jeder von ihnen hat Dinge erlebt, die für uns glücklicherweise unvorstellbar sind. Im Heimatland. Auf der Flucht.

In ihrem Buch Hinterland beschreibt Caroline Brothers die Flucht zweier Brüder (dem 14jährigen Aryan und dem 8jährigen Kabir) aus Afghanistan. Ihre Eltern wurden umgebracht. Sie mussten fliehen. Ihre Geheimformel ist KabulTehranIstanbulAthensRomeParisLondon. Damit der kleine Bruder nicht vergisst, wie sie nach London kommen. Dort wollen sie zur Schule gehen. Die Reise dauert so lange, dass Aryan Sorge hat, er würde schon zu alt für die Schule sein, wenn sie endlich ankommen.

Unterwegs müssen die Brüder in einer Näherei arbeiten, um sich Geld für die Weiterreise zu verdienen. In Griechenland werden sie monatelang bei einem Bauern zu Erntearbeit gezwungen und nicht bezahlt. Der kleine Bruder wird von einem Lastwagenfahrer vergewaltigt. In Rom ist eine Frau nett zu ihnen, gibt ihnen zu essen und schneidet ihnen die Haare. In Calais hausen sie wochenlang zwischen Müll und unter Dornengestrüpp in notdürftigen Unterschlüpfen, die regelmäßig von der Polizei zerstört werden. Sie verstehen nicht, dass die Polizei sie nicht gehen lässt, wo sie doch gar nicht bleiben wollen. Sie geben nicht auf, so schwer es oft fällt. Andere Kinder, die auf der Flucht sind, erzählen ihnen, wie alle Erwachsenen in ihrem Dorf erschossen wurden. Wie sie sich mitten im Winter außen an Lastwägen klammerten, um weiterzukommen (Hinterland ist ein Roman, der auf den Erlebnissen von afghanischen Kinder basiert. Hier eine Reportage von Caroline Brothers).

Am Ende schafft es nur der kleine Kabir bis nach London. Aryan stirbt.

But the English sent soldiers with the Americans – they know what it’s like in Afghanistan. They are good people and everyone knows they have human rights over there” sagte der 14 Jährige.

In Österreich gelten auch die Menschenrechte. Hier leben auch gute Menschen. So gute sogar, dass sie selbst glauben, andere Länder würden sie bereitwillig aufnehmen, wenn sie zu Hause einmal in Bedrängnis kämen. Weil sie glauben, eine Bereicherung für jedes andere Land zu sein.

Viele von diesen „guten Österreichern“ sehen aber umgekehrt Asylwerber nicht einmal als Menschen, nur als Problem. Vielleicht weil sie unverbesserlich sind. Vielleicht aber, weil sie sich gar nicht überlegt haben, dass es sich eben nicht um ein unpersönliches Kollektiv handelt. Sondern um Menschen, die in ihrer Heimat verfolgt, traumatisiert, vergewaltigt, gefoltert wurden. Die wie die Kinder in Hinterland ihr ganzes Geld und ihre ganze Kraft und ihre ganze Würde aufgeben mussten, um endlich hierher zu kommen.

Sie wollen endlich Ruhe und Sicherheit. Einen Platz zum Schlafen. Genug zu essen. Sie wollen selbstbestimmt leben. Dafür arbeiten. Verantwortung tragen für sich selbst und ihre Familie. Vielleicht sich weiterbilden. Endlich ihre Traumata und ihre Flucht vergessen.

Der österreichische Staat sperrt sie in Lager und manche von ihnen in Gefängnisse. Er verbietet ihnen zu arbeiten. Er tut nur so, als wären die Verfahren mit dem Asylgerichtshof fairer geworden. Viel zu viele Menschen schickt er zurück in „sichere Drittländer“ oder wieder dorthin, wo sie herkamen.

Das geht leicht, weil Asylwerber trotz der Protestaktion in der Votivkirche keine Stimme haben, kein Gesicht und keine Geschichte. Die Öffentlichkeit reagiere „überwiegend irritiert bis ablehnend“ auf die Votivkirchenbesetzung, schreibt der Standard.

Wenn „die Öffentlichkeit“ tatsächlich zuhören würde, welches Schicksal jeder dieser Asylwerber hinter sich hat, würde sie vielleicht nicht mehr „irritiert bis ablehnend“ reagieren, sondern endlich die unpersönliche Überheblichkeit gegenüber diesen Menschen aufgeben und die Emotionen aufbringen, die angemessen sind: Mitgefühl, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Fairness und Hilfsbereitschaft.

Und Scham darüber, dass unser wohlhabender Staat das Leiden dieser Menschen noch vergrößert.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Flucht und Asyl

  1. 1988anna schreibt:

    Wichtig, das zu sagen, danke

  2. dorothea schreibt:

    bei uns ist die situation auch nicht wesentlich anders, wie heribert prantl erläutert http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/2026315/

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