Speckknorpel und Baby

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 49

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Als ich den Tätowierladen zu ersten Mal sah, hatte ich gar nicht drauf geachtet, ob Stiegen zu erklimmen waren, um ihn zu erreichen. Stiegen waren zum beinahe unüberwindlichen Hindernis geworden. Es wäre mir überaus peinlich gewesen, das Piercingstudio erst betreten zu können, nachdem ich mich minutenlang mit den Stiegen und der Türe abgekämpft hatte. Und dabei hatte man als Mutter ohnehin schon genug Sorgen, auch wenn man keine Ausflüge zu Tätowierern unternahm.

Seit der Alabasterfrau, die Schmuck in meinen Bauchnabel gezaubert hatte, war meine Angst vor Tätowierschuppen beinahe verschwunden. Aber sie ganz abgelegt zu haben, konnte ich nicht behaupten. In der Provinz wusste man ja nie. Noch dazu war der Laden neu und für etwaige Kontrollen der Gesundheitsbehörde oder Nachrichten über Tote war es wahrscheinlich noch zu früh.

Trotz der vielen Bedenken schob ich wild entschlossen den Kinderwagen bis zum Tätowierstudio. Anfangs konnte ich gar nicht hineinsehen, denn die Fenster waren mit Packpapier verhängt. Auch sonst sah der Laden nicht gerade einladend aus. Er nahm eine winzige Ecke einer Einkaufspassage ein, gleich neben einer eher schmierigen Bar. Fast schien es, als hätten die Ladenbetreiber etwas zu verbergen, als würden nur düstere Gestalten das Geschäft frequentieren. Vielleicht handelte es sich hier um einen ganz harten Bikerschuppen und kleine schreckhafte Mädchen, die sich nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern lediglich aus einer Moderlaune heraus hübsche Muster einstechen ließen, galten als unerwünscht.

Doch als ich um die Ecke ging, sah ich die gläserne Eingangstür und war schnell wieder beruhigt. Durch die Tür konnte man einen hellen freundlichen Raum mit einer Empfangstheke aus Buchenholz sehen. An dieser Theke stand ein eher konservativ gekleidetes, soweit man sehen konnte untätowiertes Mädchen. Sie war zwar keine Alabasterfrau, aber immerhin. Ich zwängte mich mit dem Kinderwagen durch die Tür. „Hallo, ich würde mir gerne einen Ohrring machen lassen. Da oben.“

„In einer Viertelstunde ginge es.“

„Wie lange wird es denn ungefähr dauern?“

„Nur fünf Minuten.“

„Kann ich die Kleine und den Wagen mitnehmen?“

„Kein Problem.“

„Dann komme ich in einer Viertelstunde wieder.“

Wenn das nur fünf Minuten dauerte, würde der Piercer die Ohrringe nur schießen und ich musste mich nicht dem langen Piercvorgang wie beim Bauchnabel unterwerfen. Lisa würde schon fünf Minuten stillhalten und die Schmerzen, die man beim Schießen von Ohrringen in den Ohrknorpel bekam, kannte ich schon. Beinahe angstfrei ließ ich den Kinderwagen über das Kopfsteinpflaster hoppeln, um Lisa richtig einzuschläfern.

Als ich zurück in den Laden kam, wartete schon ein kultivierter junger Mann auf mich. Niemand ließ sich anmerken, dass es ungewöhnlich war, sich mit einem Kinderwagen im Geschäft aufzuhalten. Ich war richtig begeistert über die Toleranz, die die Jugend gegenüber der älteren Generation aufbrachte. Der kultivierte junge Mann war nicht gepierct und hatte nur am Arm eine kleine Tätowierung. Er war ein sehr adrett aussehendes blondes Jüngelchen mit strahlend blauen Augen. Sachlich erklärte er mir die Prozedur und ich musste wieder einen Zettel mit einer Einverständniserklärung unterschreiben. Die Hoffnungen auf schnelles Schießen wurden damit zerbröselt. Ein wenig komisch kam es mir schon vor, dass die ganze Sache in nur fünf Minuten erledigt sein sollte, wenn doch das Gleiche gemacht werden musste wie am Nabel. Auch kostete es gleich viel wie das Nabelpiercing. Ich hoffte inständig, die Empfangsdame hatte sich geirrt und mir würde nicht nur ausreichende Sorgfalt, sondern auch dieselbe Hightech-Sterilität wie in Wien geboten werden.

Ich wurde in den Nebenraum geführt. Der war ziemlich klein. Der Kinderwagen hatte gerade Platz. In der Mitte des Raums befand sich eine kunstlederne Chaiselongue, die in diesem sonst so sachlich wirkenden Laboratorium ziemlich mondän wirkte. In wie für den Medizinalbedarf gebauten Schränken mit Glasfenstern stapelten sich Fläschchen und Dosen, Einwegkanülen und allerlei Metallgerät, das an Chirurgenbesteck erinnerte. Auf den Arbeitsflächen waren gebrauchte und neue Tupfer und verschiedene Farbtiegelchen ausgelegt. Einen vollautomatischen Sterilisator konnte ich nicht sehen.

Auf der Chaiselongue streckte ich mich aus, dankbar dafür, dass ich meine Beine in dieser knackengen Hose nicht abbiegen musste. Daneben war schon diverses Werkzeug hergerichtet. Für mich sah es aus, als wäre es eher für kleine Heimwerkerarbeiten bestimmt als für einen semichirurgischen Eingriff. In einem kleinen Plastikbecher befand sich eine dunkelbraune Flüssigkeit. Für einen Augenblick dachte ich, es wäre Tätowierfarbe, wenn es so etwas überhaupt gab. So weit entfernt war ich schon von der Jugendkultur, dass ich nicht einmal genau wusste, wie das normale Tätowieren funktionierte, und vom Ausmalen kunstvoller Tätowierumrandungen hatte ich überhaupt keine Ahnung. Inständig hoffte ich, der junge Mann war nicht nur kultiviert sondern auch aufnahmefähig und hatte meinen Piercingwunsch verstanden. Ich wollte mich nämlich nicht vertrauensselig in die Hände des Piercers begeben, nur um mit einer großflächigen Tätowierung wieder nach Hause zu gehen, und das noch dazu am Ohr.

Doch dann sah ich wie er einen winzigen Stahlring mit Kugel in der braunen Brühe versenkte und schloss daraus, es konnte sich nur um Jodtinktur zur Desinfektion handeln. Das war wohl der Ersatz für den Sterilisator. Der Jüngling tränkte einen Tupfer mit derselben Tinktur und wischte mir das Ohr damit ab. Mit einem wasserfesten Folienstift markierte er die Einstichstelle. Nachdem ich die Position für gut befunden hatte, holte er eine Einwegkanüle aus dem Schrank und fischte den Piercingschmuck aus der Brühe. Lisa schlief glücklicherweise immer noch.

Nun war der Zeitpunkt für mich gekommen, mich angstvoll abzuwenden. Genau wie vor Impfungen beim Arzt war ich der Meinung, würden auf wundersame Weise erträglich, wenn ich nicht sah, was geschah. Ich hörte, wie der Piercer mit Werkzeug hantierte. Das trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei.

„Jetzt wird es gleich ein bisschen pieksen“, warnte der junge Mann. Gerade hatte er eine durchlöcherte Zange über die eingezeichnete Stelle an meinem Ohr gehängt und raschelte mit der Plastikumhüllung einer Einwegkanüle. Er holte ein wenig aus und schon spürte ich es. Der Schmerz war weit weniger schlimm als das Geräusch. Der Lärm, den die Nadel beim Durchdringen des Ohrknorpels machte, entsprach etwa dem Geräusch beim Zerbeißen eines Speckknorpels. Nur entstand es direkt am Ohr und war nicht durch die Mundhöhle abgedämpft. Ich kam mir vor wie ein Schwein mit gebrochenen Schweinsohren.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Speckknorpel und Baby

  1. Monika schreibt:

    Tapfer warst du

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