Diese Woche konsumiert: Nacktfotos und Pornographie

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An Schulen schicken anscheinend immer häufiger Mädchen selbstgemachte Nacktfotos an ihre Freunde. Nach „Beziehungs“-Ende verbreiten die Buben dann die Fotos aus Jux oder aus Rache per Handy oder im Internet.

Im Kommentarteil des verlinkten Artikels wurde sofort über die schlechte Erziehung der Kinder, deren Hemmungslosigkeit durch Verwahrlosung und unzureichendes Grenzensetzen, die Dummheit und Naivität von Jugendlichen (die es früher natürlich nicht gab) und das Versagen moderner Eltern und Lehrer im Allgemeinen gesprochen.

Kinder waren immer schon leichtsinnig und dumm und naiv. Ich war das und meine Generation. Die Generation vor uns war das und jede frühere Generation auch. Ich glaube nicht, Eltern und Lehrer haben versagt. Vielmehr halte ich diese Vorfälle für normale Kindereien, die nicht so harmlos sind, wie die Kinder geglaubt haben.

Als ich ein Teenager war, gab es weder Handys noch Internet. Wenn ich einem Buben ein Nacktfoto gegeben, und er damit geprahlt hätte, dann wäre das vielleicht an 20 Bübchen verteilt und nach einer Spottphase von ein bis zwei Wochen wieder vergessen worden. Heute bleibt das für immer aufrufbar – und für jeden. Demütigung und Scham der Betroffenen sind die Folge.

Kindern den Umgang mit den neuen Medien beizubringen und ihnen die Implikationen zu zeigen, wäre vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung, um solche Vorfälle zu verhindern.

Wichtiger noch ist Kindern ein Gefühl zu geben davon, was Liebe ist und was Sex, und wie sie mit ihren eigenen Körper und dem des Partners umgehen.

Immer wieder lese ich Artikel darüber, wie omnipräsent Pornographie in unserer Gesellschaft ist, und wie es dadurch für junge Leute zum Thema Sex keine Geheimnisse mehr gibt.

Ich halte das für einen für einen Fehlschluss. Die ständige Verfügbarkeit von Pornographie lässt viel mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Das von den Männern der Pornoindustrie auf männliche Pornokonsumenten zugeschnittene Körperbild (vollständig enthaarte Frauen, allzeit bereite Männer mit Riesenpenis) ist ebenso unrealistisch wie das Bild von Sexualität (von kameratauglicher Akrobatik bis Fisting), das Pornofilme vermitteln.

Pornofilme sind ja weder für die Sexualerzeihung junger Menschen konzipiert noch eignen sie sich dafür, wird jetzt ein berechtigter Einwand sein.

Die Frage ist aber, wer gibt den Kindern ein Bild von Sexualität? Sind das die Eltern? Die Schule? Jugendzeitschriften? Jugendfilme? Jugendliteratur? Romane der Weltliteratur? Andere Jugendliche (und woher haben sie ihr Wissen)? Oder doch die Pornographie?

Sexerziehung durch Eltern und in der Schule erscheint den Kindern wahrscheinlich heute genauso peinlich und komisch wie mir damals. Und uncool, vor allem uncool. Was wissen denn schon die Alten, von denen die Kinder unwillkürlich annehmen, dass sie vor vielen Jahren das letzte Mal Sex hatten.

Ich habe versucht, meinen Kindern (die noch keine Teenager sind) anhand eines kindgerechten Aufklärungsbuches beizubringen, was Sex ungefähr ist und dass es etwas Schönes ist. Trotzdem schreien sie jedes Mal laut „Igitt“ wenn auch nur von einem Kuss die Rede ist. In der Schule bei ihren Freunden ist das eben derzeit so Sitte.

Später wird ihnen ein Schulfreund einen Pornofilm vorspielen und es wird cool sein, das nachzumachen, sich vielleicht dabei fotografieren zu lassen. Dann passiert genau das, was eingangs erwähnt wurde. Nicht weil die Kinder verwahrlost sind oder leichtsinnig, sondern weil sie einfach ausprobieren wollten, was sie als cool empfunden haben oder was irgendjemand, den sie cool finden, vorschlägt und sie gegen das eigene Gefühl mitmachen, um selbst cool zu sein (jung sein ist sehr kompliziert). Wir haben uns damals 9 ½ Wochen angeschaut und uns danach voller Lust mit Marmelade und Schlagobers beschmiert und das toll gefunden.

Wie kann man verhindern, dass Pornos Vorbildfunktion haben und Lehrmaterial werden? Allgemeine Pornoverbote und solche für Jugendlich bringen da gar nichts. Dadurch wird Pornographie umso interessanter, geheimnisvoller und nachahmenswerter.

Nein, die richtige Methode wäre, öffentlich einen entspannten Umgang mit Sexualität und allem, was dazugehört, möglich zu machen. Obwohl immer behauptet wird, zu Sex wäre schon alles gesagt, ist die Gesellschaft heute wahrscheinlich prüder als vor 30 Jahren. Es gibt mehr Tabus, weniger Offenheit. Man schämt sich, als unwissend zu gelten und thematisiert Sexualität lieber nicht.

Die Prüderie geht sogar soweit, dass eine Penis-Karikatur auf einem Stimmzettel  als „nicht jugendfrei“ gilt. Dabei schaut das normalerweise aus wie ein großes Osterei zwischen zwei kleinen Ostereiern oder wie ein Maulwurf, der gerade aus seinem Haufen klettert. Mich hat schon gewundert, dass das Wort „Penis“ überhaupt verwendet wurde. Das ist nicht selbstverständlich.

Wenn ich einen Artikel in deutschsprachigen Mainstreammedien lese, der mit Sex zu tun hat, wundere ich mich über die Kommentare (zum Beispiel hier).

Sex ist ebenso ein Reizthema wie Ausländerpolitik: Voll von Vorurteilen und sonderbaren Vorstellungen, basierend auf einem merkwürdigen Gesellschaftsbild.

Solange sich das nicht ändert, werden unsere Kinder von Sex abgestoßen sein, oder Pornofilme nachstellen. Die Pornographie ist eben nicht die richtige Quelle, um zu Informationen über Sex zu kommen.

Caitlin Moran schreibt in ihrem Buch How to be a Woman, es sollte mehr Pornographie geben, von Frauen bestimmte, gleichberechtigte, lustvolle, spritzige, die nicht mechanische Akrobatik darstellt, sondern die man gerne nachmachen möchte.

Es gibt Plattformen, die versuchen, neue, lebensechtere Pornographie zu schaffen . Sie werden auch nicht die Jugend „retten“ (zumal sie neben der Mainstreampornographie vermutlich kaum wahrnehmbar sind).

Wichtig wäre, wenn möglichst viele Leute endlich begreifen würden, was in dem oben zitierten Artikel schön formuliert ist:

This whole idea of being good in bed is like being an acrobat or having a ten inch dick,” Beall said. “But being good in bed is really about paying attention to your partner and knowing what they like, and being comfortable in your own skin and being comfortable with them and their body.”

Vor allem sich wohl im eignen Körper zu fühlen ist wichtig. Man muss nicht immer direkt über Sex reden, um einen freieren Umgang mit Sex zu fördern. Man muss vor allem den Kindern ein natürliches Bild von Körperlichkeit und Sexualität zu vermitteln.

Das würde eine Menge Druck von Teenagern nehmen und die Tränen der Mädchen verhindern, die unabsichtlich zu Softpornostars geworden sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Nacktfotos und Pornographie

  1. Das mit der lebensechteren Pornographie wäre durchaus ein Ansatz. Das Problem ist aber: die Leute scheinen, wenn man die Umsätze ansieht, sehr zufrieden mit der jetzigen Fantasypornographie.

  2. Bis zu einem gewissen Grad kann man durch ein neues Angebot auch Nachfrage schaffen, es ist ja nicht so, dass realistische Pornos nachweislich vom Markt abgelehnt würden….

    • Karin Koller schreibt:

      Ich kenne mich bei Pornofilmen nicht so aus, aber Shades of Grey hat gezeigt, dass durchaus ein Bedarf nach Pornographie, die von Frauen gemacht wurde, vorhanden ist. Bei Shades ist natürlich die Realitätsnähe diskutierbar. Teil des Erfolgs war aber sicher die durchaus realistisch erscheinende Darstellung von ein oder zwei Sexszenen. Den Großteil des Erfolgs machte vermutlich aus, dass es „salonfähig“ wurde, Pornographie zu konsumieren. Jede Abkehr vom Schmuddeleck, das eine breite Öffentlichkeit erreicht, wäre gut.

  3. Monika schreibt:

    Die andere Frage ist aber, ob Pornographie nicht zwingend würde- und daher wertlos ist. Mir fielen jedenfalls keine Beispiele ein, mit denen diese These auf die Schnelle falsifizierbar wäre.

    • Karin Koller schreibt:

      Pornographie, die Lust und Freude am Sex und vor allem gleichberechtigte Sexualität zeigt, kann durchaus schön und würdevoll sein. Und inspirierend für das eigene Liebesleben. Ich sehe da kein Problem. Aber der Großteil der Pornographie ist in der Tat würdelos und einzig und allein auf Männerphantasien ausgerichtet. Deshalb wird sie von sehr vielen gar nicht konsumiert.
      Die Kernfrage ist, inwieweit Teenager (und ältere) Pornographie als Quelle ihrer Sexerziehung nutzen. Oder woher sie ihre Informationen nehmen.

      • Ich sehe das ähnlich wie Karin. Der Zustand der Pornographie ist so, wie er ist, weil sie sich überwiegend auf ein sehr konkretes Zielpublikum, nämlich Männer einer bestimmten Interessenlage, konzentriert. Das bedeutet aber nicht, dass es zwangsläufig so bleiben muss.

  4. lisimoosmann schreibt:

    Das trifft die Realität ziemlich genau, wobei du vielleicht unterschätzst, wie ahnungslos die meisten Teenager in die ersten Sexualkontakte einsteigen, trotz Biologieunterricht, Bravo und Softpornos (an den härteren Stuff kommen die meisten Jugendlichen ja, glücklicherweise, nicht ran). Meine eigene Erfahrung ist, dass momentan die einzige fundierte Informationsquelle ältere, erfahrene Vertrauenspersonen (nicht aber die Eltern) sein können, die aber vielen Jugendlichen aus diversen Gründen nicht zur Verfügung stehen. Es wäre daher eine neue Kultur der Sexualliteratur – den Begriff Porno würde ich wegen der Assoziationen zu schnauzbärtigen Burt-Reynolds-Verschnitten mit Riesenschwengeln eher meiden -, die realitätsnah Erfahrungen beschreibt und auch die weibliche Sicht nicht ignoriert, sicher sehr wünschenswert. Aber ich sehe momentan nichts, das diesem Wunsch entspräche, oder kennt ihr solche Literatur?

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