Pensées: Das Essen

  1. In Zeitungen, Zeitschriften, oder Gratisaussendungen, im Radio und im Fernsehen liest und hört und sieht man immer wieder, was richtige Ernährung sein soll.
  2. Auch Diäten werden vorgestellt, die den Körper nicht nur schlank, sondern auch gesund machen sollen.
  3. Sie reichen von Gemüsesuppe über Milch und Semmeln oder Obstkuren bis hin zu purem Fleischkonsum.
  4. Die Widersprüchlichkeiten der einzelnen „Glaubensrichtungen“ sind sowohl bei Diäten als auch der gesunden Ernährung eklatant.
  5. Das Zusammenstellen von Ernährungsplänen scheint tatsächlich eine Glaubensfrage zu sein, keine Wissenschaft. Außerdem wird völlig vernachlässigt, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Speisen besser oder schlechter vertragen.
  6. Seit ich Kinder habe, denke ich viel mehr darüber nach, wie gesunde Ernährung aussehen soll. Ich bin zu dem Schluss gekommen, am gesündesten ist, was man gerne und entspannt isst und nicht was man sich mit Ekel hinunterwürgt, nur weil jemand sagt, es sei gesund.
  7. Und bei Kindern: Gesund kann gar nicht sein, was nicht schmeckt und was die Mutter das Kind unter Drohungen zu essen zwingt.
  8. Die Propaganda der Ernährungsspezialisten ist so effizient, dass ich auch oft genug meine eigenen Fehleinschätzungen revidieren muss.
  9. Zucker ist schlecht, sagen sie. Ich empfände es zum Beispiel als sehr ungesund, wenn meine Kinder ein Butterbrot mit einem Löffel Zucker drauf essen würden. Wenn sie ein Marmeladebrot essen, empfinde ich das als gesund, obwohl die Zuckermenge die gleiche ist.
  10. Wenn jemand vier Löffel Zucker in den Tee schüttet, möchte ich ihn davon abhalten. Wenn jemand Limonade oder Cola trinkt, kommt mir das nicht in den Sinn.
  11. Fett ist schlecht: Wenn wir beim Frühstück einen Ziegel Butter auf Brote streichen würden, empfände ich das als ungesund. Wenn wir am Sonntag fast einen ganzen Kuchen, in dem ein Ziegel Butter verarbeitet ist, verspeisen, empfinde ich das als normal.
  12. Ein Nutellabrot finde ich in Ordnung. Ein Butterbrot mit einem Stück Schokolade nicht.
  13. Ein Bekannter von mir schneidet jedes Flankerl Fett wie mit den Skalpell von jedem Stück Fleisch, das er isst, weil Fett so ungesund ist. Abends isst er dann eine 200g Tafel Schokolade.
  14. Wenn ich Kekse backe, fällt mir auf, wie viel Butter und Zucker in den Teig gehören. Wenn ich gekaufte Kekse esse, dann überlege ich mir das nicht und es ist so, als ob dort eh nur wenig Fett und Zucker enthalten sind.
  15. Glutamat ist schlecht. In unserem Dorf behauptete eine Hauptschul-Kochlehrerin, wegen hohen Glutamatkonsums würden die Menschen in 30 Jahren fünf Jahre früher sterben als jetzt. Sie hätte das in einer Studie gelesen.
  16. Studien gibt es für alles und das Gegenteil, wenn es ums Essen geht. Und Glutamat kommt natürlich zum Beispiel in Sojasauce und Parmesan vor, liefert den Geschmack Umami und ein Wohlgefühl beim Essen.
  17. Vitamin C ist sehr gesund. Ich habe neulich gehört, die beste Vitamin C –Zufuhr bekommt man mit abgepackten Würsten, weil die mit Vitamin C frisch gehalten werden.
  18. Manchmal spüre ich, was gesund für mich ist. Wenn ich ein leeres Joghurt esse. Wenn ich mir die Mühe mache, einen bunt gemischten Salat zuzubereiten. Wenn ich nach langer Zeit wieder einen Apfel esse. Mein Körper fühlt sich nach dem Essen leichter an und energiegeladener, als könnte ich die Vitamine spüren.
  19. Dann aber wieder fühle ich mich so gut, wenn ich in gut gebratenes Entenfett beiße, wenn ich ein Cremetörtchen aufesse oder wenn ich von einer Käseplatte naschen kann. Nicht nur gut fühle ich mich, sondern auch zufrieden und getröstet.
  20. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass ich für meine Gesundheit Obst und Gemüse, aber auch eine nicht zu vernachlässigende Portion Zucker, Fett und Glutamat brauche.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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16 Antworten zu Pensées: Das Essen

  1. AS schreibt:

    Die weit verbreitete Kalorien-, Zucker-, und sonstige Zählerei ist eine Zivilisationskrankheit, ein Zeichen dafür, wie dekadent wir geworden sind.

  2. lenakarlowski schreibt:

    Passend zum Thema: Gwyneth Paltrows vollkommen common-sense-freien Ansichten: http://www.theglobeandmail.com/life/the-hot-button/how-gwyneth-paltrows-restrictive-diet-leaves-her-children-hungry/article9760505/
    Eine Frau, so intelligent, wie ein Coldplay-Song musikalisch und textlich avanciert.

  3. Pia schreibt:

    ich finde, unsere haltung zu essen ist ähnlich wie die zu sex, einerseits werden wir von allen seiten zugemüllt mit werbungen, foodporn, rezepten, ein overkill vbon reizen, andererseits produziert das dauergeschwafel über diverse diäten, kalorien- und erbsenzählereien vollkommene verklemmung; was in beiden bereichen vollkommen fehlt, ist eine vernünftige unverkrampftheit, die uns dazu bringt, soviel zu essen und zu ficken, wie für uns selbst gut ist;

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, stimmt, es gibt erstaunliche Parallelen bei beiden. Phänomene der Körperlichkeit? Bei der Körperpflege ist es auch ähnlich.

      • Pia schreibt:

        da sehe ich jetzt die analogie nicht so ganz, körperpflege wird ja vollkommen fetischisiert, ohne dass es gleichzeitig eine mediale bewegung gäbe, die das nichtwaschen, nichtenthaaren etc. propagiert

      • Karin Koller schreibt:

        Die Angst vor Geruch, die Angst vor Haaren, der Stress, den sich Frauen mit Enthaarung machen und wie sehr sich bei manchen das Leben um die Körperpflege und die Schönheit des Körpers, bzw. die empfundene Hässlichkeit (und wie diese zu beheben ist) dreht, macht doch genauso unsicher wie Essens- und Sexberieselung.

  4. Genevieve schreibt:

    zuviele leute hören einfach nicht auf den eigenen körper

    • Karin Koller schreibt:

      Mir kommt vor, viele Kinder lernen das gar nicht mehr, weil ihre Eltern ihnen ständig vorschreiben, wann sie was und wie viel essen sollen. Hunger und Sättigung sind bei einigen zu abstrakten Konzepten geworden.

  5. meinesichtderwelt schreibt:

    Wow, das war gestern auch mein Thema, bezogen auf Kinder und Ernährung, ich finde es gerade heute mehr als spannend, deine umfassende Argumentationskette zu lesen. Die Punkte 18 bis 20 unterstütze ich voll und ganz! Und den gesamten Argumentationsleitfadens werde ich mal ausdrucken und mit zu einem nächsten Freundinnen-Abend nehmen, wo einmal mehr über neue Diäten, Trends usw. diskutiert wird, vielen Dank dafür & liebe Grüße von Doris

  6. Friese schreibt:

    Gegen alle diese Verbrechen gegen den Genuss gibt es ein probates Mittel: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/
    Insbesondere diesen Beitrag lese ich jedes Jahr spätestens im Mai: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/818738/

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