Ursula Krechel: Landgericht

Jeder Abschnitt der Geschichte hat seine eigenen regionalen Narrative. Die kollektiven Wahrnehmungen, die vom Staat gefördert wurden und die sich unterbewusst eingeprägt haben, von denen man oft weiß, dass sie nicht wahr sein können, über die man aber gar nicht nachdenkt.

Die Nachkriegszeit hat für mich dieses Narrativ: Der Krieg war zu Ende, weite Teile von Deutschland und Österreich waren zerstört. Gemeinsam bauten die Menschen alles wieder auf und arbeiteten schwer, bis die meisten wieder in Wohlstand leben konnten. Es war eine Geschichte der Hoffnung, die anfing mit Figls Weihnachtsansprache von 1945:

Ich kann euch nichts geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Ich kann euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!“

Es ist eine schöne und erhebende Geschichte.

Natürlich wusste ich, dass die Nazis nicht über Nacht verschwinden konnten. Ich wusste auch, dass viele in den etablierten Parteien untergekommen waren. Dass tausende Familien ohne Männer auskommen mussten. Dass viele erst nach Jahren zurückkamen. Dass das offizielle Österreich kein Interesse zeigte, die Vertriebenen wieder ins Land zu holen.

Ursula Krechel erzählt in Landgericht eine dieser Geschichten, die sich – wie tausende andere – am kollektiven Narrativ vorbei ereignet haben.

Es ist die Geschichte von Richard Kornitzer und seiner Familie. Kornitzer ist Richter. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten glaubt er, eine glänzende Karriere vor sich zu haben. 1933 wird er in den Ruhestand versetzt, weil er Jude ist. Seine Frau Claire leitet eine Firma. Sie ist nicht jüdischer Abstammung. Zunächst kann sie die Familie – sie haben zwei kleine Kinder  – erhalten.

1938 wird ihnen das Leben in Deutschland unmöglich. Sie beschließen, auszuwandern. Nach vielen Demütigungen und Amtswegen müssen sie sich trennen, weil kein Land die Familie aufnimmt. Sie schicken ihre Kinder nach England. Kornitzer wandert nach Kuba aus. Claire bleibt in Deutschland.

Nach dem Krieg kehrt nicht Normalität ein. Claire ist Sekretärin in Lindau. Kornitzer kehrt 1948 zurück. Trotz aller Bemühungen dauert es lange, bis sie ihre Kinder finden. Das Ehepaar ist sich fremd geworden.

Die Kinder haben sich in England eingelebt, sind keine Kinder mehr. Die Tochter hatte 1938 nicht begreifen können, warum die Mutter sie wegschickte. Über Jahre klammerte sie sich verzweifelt an den Bruder. 1945 verstehen beide Kinder nicht, warum die Eltern sie nicht abholen. Als die Familie endlich zusammen sein könnte, studiert der Sohn in England und die Tochter kommt nur widerwillig. Sie kann mit der Mutter nichts anfangen und die Mutter schickt sie zur Pflegemutter nach England zurück. Die Gewissheit, die Kinder verloren zu haben, macht Claire krank.

Kornitzer hat nicht nur mit familiären, sondern auch mit beruflichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es gelingt ihm erst nach langen Bemühungen, endlich beruflich Fuß zu fassen.

Die Entnazifizierung wird von ehemaligen Nazis durchgeführt, viele seiner Kollegen waren Nazis. Aufgrund der Wohnungsnot muss er ein Zimmer in Untermiete nehmen. Er muss sich anhören, dass er es eigentlich gut hatte, dass er in Kuba sein durfte, in der Sonne, und den Krieg nicht miterleben musste.

Je weiter er seine Karriere aufbauen kann, desto unverstandener und gedemütigter fühlt er sich, beinahe so, als hätten sich die damals verdrängten Demütigungen in seinem Inneren aufgestaut und wollten ihn jetzt krank machen. Seine Bemühungen, vom Staat Entschädigung zu erhalten, werden immer verzweifelter. Er verrennt sich, sieht Unrecht, wo keines ist, und hat natürlich recht damit, dass jede mögliche Entschädigung für das ihm tatsächlich zugefügte Unrecht zu wenig sein muss. Langsam gehen Kornitzer und seine Frau zu Grunde.

Landgericht erzählt von Menschen, die in ihrer Heimat fremd geworden sind, nachdem sie aus der Fremde zurückkehrten. Die in einer von Nazis entnazifizierten Bürokratie voller Nazis zermalmt wurden. Die wussten, dass keine Entschädigung ihnen die verlorene Lebenszeit und die abhanden gekommenen Beziehungen zurückgeben konnte. Die niemand um Verzeihung gebeten hat, weil alle damit beschäftigt waren, das Vergangene zu verdrängen. Die niemals überwinden konnten, was ihnen wiederfahren ist. Die nicht willkommen waren und die mit den ehemaligen Unterdrückern zusammenarbeiten mussten, als wäre nichts geschehen.

Es gab damals tausende Menschen mit einem ähnlichen Schicksal wie dem der Familie Kornitzer. Das kollektive Narrativ hat auf sie vergessen, weil sie nicht in die Geschichte der Hoffnung und des Aufbaus, die man erzählen wollte, hineinpassten.

Es ist wichtig, dass Ursula Krechel ihre Geschichte erzählt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Ursula Krechel: Landgericht

  1. sebastiandrimmler schreibt:

    Guter Text, schönes, wichtiges Buch.

  2. Monika schreibt:

    Ich werfe jetzt beckmesserisch ein, dass ich die Kubaepisode nicht sehr gelungen fand und das Buch insgesamt einige Kürzungen vertragen hätte, gebe dir aber grundsätzlich recht: ein wichtiges Thema, gut aufgearbeitet

    • Karin Koller schreibt:

      Die Kubaepisode ist ganz anders beschrieben als die Szenen in Deutschland. Ich fand das nicht so misslungen, weil es den Eindruck gab, als wäre dort alles anderes, wie in einem Ausnahmezustand und damit erklärt, warum dieser so korrekte und zugeknöpfte Mann eine Affäre hat, etc.

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