Ostern

Ostern vor dreißig Jahren, bei meiner Oma in Kärnten, hatte ein festes Protokoll. Sechs Mal in einer Woche in die Kirche zu gehen gehörte dazu – am Donnerstag, am Freitag, am Samstag zweimal, am Sonntag und weil es so schön war, am Montag grad noch einmal. Etwas anderes hätte meine Oma nicht zugelassen, das wäre ihr unchristlich vorgekommen.

Am Donnerstag begann die strenge Fastenzeit. Zuerst mit Spinat, am Freitag dann war schon ein Suppenwürfel zu viel Fleischliches. Allein der Gedanke an das Fasten, an die magere Suppe mit dem trockenen Brot dazu, verursachte Hunger bei mir, obwohl ich ohne Fasten wahrscheinlich nicht einmal mehr gegessen hätte. Das Verbot löste die Gier aus.

Am Samstag weckte mich meine Mutter vor sechs Uhr morgens. Ich wurde mit einer Milchkanne und einem Schwamm in die Kirche geschickt. Zur Feuer- und Wasserweihe. Der Nachbar hatte einen trockenen Schwamm aus dem Wald mitgebracht und ihn an einem Draht befestigt. Die Kanne füllte ich mit Wasser und stellte sie auf den Boden vor dem Taufbecken.

Den Schwamm hielt ich in das große Lagefeuer, das Männer auf dem Kirchplatz entzündet hatten. Der Trick war, den Schwamm zum Glosen zu bringen, ohne ihn zu verbrennen. Zu viel und der Schwamm verbrannte, bevor ich zu Hause war, zu wenig und die Glut im Schwamm erlosch. Beides wäre eine Katastrophe gewesen, und mehr als das, ein böses Omen (man glaubte nicht nur an das Katholische, sondern eine Menge anderer Dinge auch).

Nachdem der Pfarrer für Wasser und Feuer seinen Segen gesprochen hatte, musste ich mit Schwamm und Kanne nach Hause laufen, den Schwamm am Draht schwingend, damit das Feuer genug, aber nicht zu viel Luft bekam. Meine Oma nahm den Schwamm entgegen, warf dessen Überreste in den Herd und kochte den Schinken über diesem Feuer. Den Reindling schob sie gleich darauf ins Rohr.

Meine Aufgabe war es, die Eier zu färben, in einem uralten Emailgefäß, das nur zum Eierfärben benutzt wurde, aus Angst, ein schöneres Geschirr könnte permanent eingefärbt werden.

Dann bereiteten meine Mutter und ich die Mayonnaise zu, aus Öl und rohem Ei und noch mehr Öl. Manchmal brach die Sauce, zerfiel in Öl und Eierschaum. Dann mussten wir tricksen, mit mehr Öl, einem hartgekochtem Eigelb (natürlich einem gefärbten, das wir opfern mussten, weil andere hatten wir nicht) und mit lauwarmen Wasser. Aus der fertigen Mayonnaise bereiteten wir verschiedene Saucen für die Osterjause, mit Ketchup, mit Kren, mit Senf, mit hartem Ei und Gurke.

Der Reindling duftete im Rohr. Der Schinken verbreitete ein eher widerliches Aroma. Meine Oma verwendete immer den selbstgemachten Schinken. Der war nicht rosa wie jene Schinken, die man in Supermarkt kauft, sondern von einem bräunlichem Grau und viel fetter und schwerer verdaulich. Auch viel stärker geräuchert war er und manchmal sehr stark versalzen, wenn wir Pech hatten.

Am Samstagnachmittag, um exakt zwanzig Minuten nach Vier, begann die Fleischweihe. Dafür packten meine Oma und ich einen Bastkorb voll mit Schinken und Würsten und Eiern und Reindling und Kren. Bedeckt wurde das Ganze mit einer Stickdecke, die ich in stundenlanger Kleinarbeit angefertigt hatte.

Geweiht wurde auf dem Dorfplatz. Der Pfarrer sprach lateinische Segensformeln und besprenkelte das nur leicht abgedeckte Essen in den Körben mit Weihwasser, als hätte das Kochen und Backen über dem geweihten Feuer noch nicht ausgereicht, um den Speisen die nötige Heiligkeit zu verleihen. In der Zwischenzeit musterte sich die Dorfbevölkerung. Noch Wochen später hatte man Gesprächsstoff darüber, wer diesmal wieder keinen neuen Frühlingsmantel, oder einen zu schrillen, nicht ins Dorf passenden hatte. Wer sich nicht einfügen wollte oder sich wie etwas Besseres vorkam.

Sobald der letzte Segen gesprochen war, rannten die Kinder mit den Körben nach Hause, denn die Sage war, wer zuerst ankam, der hatte die größte Ernte zu erhoffen.

Dann begann das Osterfest. Der schwere Schinken und die fetten Würste wurden mit Reindling und Mayonnaise verzehrt. Nach der Fastenzeit war ich – und nicht nur ich – besonders gierig und nach dem Essen war uns schlecht. Das war jede Ostern so. Ab Sechzehn konnte ich mit einer heimlichen Zigarette Erleichterung verschaffen.

Nach der Auferstehungsmesse hatten wir uns einigermaßen erholt und aßen wieder Schinken und Würste, bis wir eine gewisse Übelkeit verspürten. Nach der Ostermesse am Sonntag wieder und am Abend wieder und auch nach der Ostermontagmesse.

Am Sonntagmorgen gab es Geschenke, immer versteckt, auch als ich beinahe schon erwachsen war.

Nach drei Tagen der Gier und Übelkeit war das Osterfest vorbei. Alle waren froh, ein Jahr lang keinen Schinken mehr essen zu müssen.

Aber schön war es trotzdem. Diese Mischung aus Ritual, Heiligkeit, Aberglauben, Bigotterie, Gier, Lust und Leiden machte unser Osterfest zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Ostern

  1. artemisssss schreibt:

    Schöne Erzählung

  2. Genevieve schreibt:

    finde ich auch, danke

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