Mut

„Mut müsst ihr haben, ganz viel Mut, ihr Hasenkinder“, schreibt Janosch in einer Geschichte. Die Hasenmutter brachte ihren Kindern bei, sich vor dem Fuchs zu fürchten. Solange sie sich fürchteten, sagte die Mutter, würde ihnen nichts passieren. Beinahe wären die Kindern von Fuchs gefressen worden, hätte nicht das kleinste Hasenkind den Mut gehabt, sie zu retten.

Aber was ist Mut eigentlich?

Mir haben immer wieder Leute gesagt ich sei mutig. Weil ich hier auf meinem Blog meine Meinung äußere. Weil ich über kontroversielle Themen schreibe. Weil ich mich „Out-of-the-Box“ präsentiere (warts and all). Das habe ich nie als mutig empfunden. Ich sitze hier in meinem gemütlichen Arbeitszimmer und schreibe auf, was mir in den Sinn kommt. Das macht mir Spaß. Mut erfordert es nicht. Ich riskiere nichts, niemand bedroht mich. Im Gegenteil, ich bekomme praktisch nur nette und interessante Feedbacks.

Manche Menschen glauben auch, es hätte Mut verlangt, die Leukämieerkrankung meiner Tochter zu überstehen. Das stimmt nicht. Christopher Hitchens formulierte das einmal sehr treffend, als er sagte, man bekämpft Krebs nicht, man ist das Schlachtfeld. So ähnlich empfand ich das auch. Meine Tochter musste eine unangenehme, langwierige, schmerzhafte Prozedur nach der anderen überstehen. Nach einem festen Protokoll. Ich musste jeden dieser Schritte mit ihr durchstehen, sie trösten und beruhigen, so gut ich konnte, endlose Stunden mit ihr, neben ihr warten. Das erforderte keinen Mut. Wir waren die Marionetten in einem vorgefertigtem Spiel. Wir standen das durch, weil wir wussten, am Ende würde alles gut werden. Wir mussten das tun. Es gab keine andere Wahl. Aufgeben war keine Option. Für meine Tochter nicht und für mich schon gar nicht.

Das Notwendige zu tun ist nicht mutig. Man muss es tun, egal, ob man den Mut dafür hat oder nicht. Und Angst hatte ich die ganze Zeit. So viel Angst, dass ich es kaum aushielt. Um das durchzustehen, musste ich diese Angst aber nicht überwinden.

Mut hat für mich grundsätzlich zwei Faktoren, die nicht gleichzeitig eintreten müssen: Die Überwindung von Angst. Und der Einsatz von etwas, das persönlich wichtig ist.

Mutig finde ich Menschen, die anderen (oder sich selbst) helfen und dafür etwas aufs Spiel setzen: Ihre körperliche Integrität, weil sie jemanden retten. Ihre berufliche oder gesellschaftliche Position, weil sie gegen Missstände in ihrem eigenen Umfeld aufbegehren. Ihre wirtschaftliche Sicherheit, weil sie ihren Job aufgeben, um etwas Neues aufzubauen.

Mutig sind auch jene Menschen, die trotz aller Widrigkeiten ihre Ängste überwinden. Auch wenn das für andere nicht spektakulär erscheint. Auch wenn es niemanden anderen hilft. Aber sich selbst zu besiegen ist etwas sehr Mutiges. Weil die Angst sich so sehr festfrisst, dass sie alles andere lähmt. Dass sie unüberwindbar scheint. Weil so viel passieren muss, bevor man seine Angst hintanstellt.

Deshalb kann ein Mensch mutig sein in einem Bereich, der für andere ganz normal ist. Das Mutigste, das ich jemals gemacht habe, ist selbst Auto zu fahren. Obwohl das jeder kann und es auch für beinahe niemanden ein Problem darstellt.

Mut ist etwas Seltsames. Viel zu oft wird er falsch verstanden. Manchmal erkennt und honoriert man ihn nicht, obwohl man ihn mit eigenen Augen sieht. Manchmal wird man für mutig gehalten, wo man es gar nicht ist. Ich bin jedenfalls fast nie mutig. Wäre es aber gerne.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Mut

  1. SandraS schreibt:

    Moral Courage ist der wahre Mut, hat JFK einmal geschrieben (oder schreiben lassen). Dabei hat er nicht unrecht.

  2. Bernadette schreibt:

    voraussetzung für eine mutige entscheidung ist, dass man eine wahl hat, wer keine hat, ist auch nicht mutig; deshalb ist es absurd, dass gerade medial oft menschen für ihren mut bejubelt werden, die in einer notsituation das einzig zielführende getan haben;

  3. Muriel schreibt:

    Mut ist vor allem auch in der öffentlichen Debatte für mich immer so was Komisches. Ist Mut nicht eigentlich in der Bewertung egal? Jemand hat was Gutes gemacht, oder was Schlechtes. Beides kann mutig sein, wird dadurch doch aber nicht besser…? Oder?

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