Pensées: Im Kulturbetrieb

Felsenreitschule

  1. Vor zwanzig Jahren hatte ich einen Ferienjob in einem Kulturbetrieb. Bei den Salzburger Festspielen.
  2. Ich war Putzfrau.
  3. Dieser Job war sehr begehrt, weil er gut bezahlt war. Man bekam ihn nur mit Protektion.
  4. Drei Wochen vor Beginn der Festspiele traten wir unseren Dienst an. Die Putzfrauen wurden den verschiedenen Abteilungen eingeteilt, in die Büros der Administration, zur Schneiderei, in die Künstlergarderoben.
  5. Der Rest war „der Haufen“. Zuerst war ich enttäuscht, nur beim Haufen zu sein. Dann hörte ich, wie eine der anderen Putzfrauen, die das große Los gezogen hatte, in der Chefetage putzen zu dürfen, erzählte, sie fand jeden Morgen eine ungespülte Toilette mit aromatischem Inhalt vor. Jeden Tag.
  6. Ob das Vergesslichkeit war oder Absicht, konnte nicht festgestellt werden.
  7. „Der Haufen“ musste das ganze Festspielareal für die Veranstaltungen vorbereiten.
  8. Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich eine Herrentoilette. Die gelben Verkrustungen vom unteren Rand der Pissoirs zu wischen, war keine schöne Arbeit. Die Damentoiletten waren schlimmer.
  9. Glücklicherweise waren wir nach Beginn der Festspiele nicht mehr für die Toiletten zuständig.
  10. Es war interessant zu sehen, wie viele Leute so taten, als wären wir überhaupt nicht vorhanden, wenn sie an uns vorbeigingen, als wir die Böden wischten.
  11. Oder uns anschauten, als würden wir durch unsere bloße Anwesenheit ihr Auge beleidigen.
  12. Andere grüßten uns freundlich. Gerard Mortier, Julia Stemberger, die meisten Philharmoniker zum Beispiel.
  13. Tagsüber putzten wir die Böden in den Gängen, staubten die Sitzreihen in den Sälen ab, kletzelten die Kaugummis von den Sitzunterseiten.
  14. Am Nachmittag, wenn unser Dienst beendet war, durften wir bleiben und die Proben ansehen. Es war sehr interessant, Regisseure und Schauspieler bei der Arbeit zu sehen.
  15. Ein nachmittäglicher Streifzug führte mich in die Schneiderei. Ich sah zu, wie ein Opernkostüm genäht wurde. Aus einer großen Kiste durfte ich mir Stoffreste nehmen. Zu Hause nähte ich mir eine Hose aus Resten von Coriolan-Kostümen.
  16. Einmal in der Woche hatten wir Abenddienst. Das war der schönste Dienst. Wir mussten uns bis zum Ende der letzten Vorstellung in Bereitschaft halten, falls es etwas zu putzen gab.
  17. Manchmal übergaben sich vornehme Zuschauer während einer Vorstellung. Die Putzfrauen vom Abenddienst mussten das während der Vorstellung wegputzen.
  18. Mir ist das zum Glück nie passiert.
  19. Einmal bin ich für eine halbe Stunde in das Kabäuschen des Beleuchters gegangen, um die Vorstellung von dort anzusehen. Ich kam mir dort irgendwie wichtig vor, wie eine Insiderin, obwohl ich nichts anfassen durfte.
  20. Bei manchen Vorstellungen mussten wir in der Pause die Bühne sauber machen. Bei einem Liederabend stand ich zu Beginn der Pause direkt neben Jessye Norman. Ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen und ich hätte sie berühren können. Dann habe ich Blüten wegkehren müssen.
  21. Der aufregendste Abenddienst war aber, als Julius Caesar in der Felsenreitschule aufgeführt wurde. Kurz vor der Pause wurde Caesar ermordet. Die Bühne war voller Blut. Die Felsenreitschule hatte aber keinen Vorhang. Wir mussten in den Pausenapplaus hineinlaufen und bekamen sogar eine Choreographie dafür, wer wo und wie putzen sollte. Wir zogen dafür sogar festliche Kittel an.
  22. Das war mein erster und einziger Auftritt vor richtigem Publikum.
  23. Und das bei den Salzburger Festspielen. Ich bin eigentlich beinahe eine Diva.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Pensées: Im Kulturbetrieb

  1. Genevieve schreibt:

    erstaunlich, herr mortier ist mir bisher immer als sehr aloof und unsympathisch erschienen..

    • Karin Koller schreibt:

      Ein paar Ferialputzfrauen zu grüßen, macht einen noch nicht zu einem besseren Menschen. Aber daran erinnere ich mich genau, dass er immer sehr freundlich durch die Gänge ging. Aloof war er allerdings schon bei verschiedensten Belangen, wenn man den Zeitungsberichten von damals Glauben schenken will.

  2. SandraS schreibt:

    Jemand, der intellektuell nicht in der Lage ist, seine Scheisse wegzuspülen, sollte keine Führungsposition einnehmen. Genauso, wie jemand, der absichtlich nicht spült.

    • Karin Koller schreibt:

      Hätte ich auch gedacht. Das Klo wurde damals von drei eminenten Persönlichkeiten benutzt. Es gab Gerüchte, wer es war, aber es könnte auch ein subversiver Witzbold gewesen sein. Ich weiß es nicht.

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