Diese Woche konsumiert: Eliten

Elite

Acht Jahre lang besuchte ich eine Eliteschule. So bezeichnete sich die Schule zumindest selbst. Ich weiß nicht genau, ob das bedeutete, dass die Schule sich als Elite unter den Schulen sah oder als Schule für Eliten.

Meine Mutter hat viel Schulgeld bezahlt, weil sie mir die bestmögliche Ausbildung bieten wollte. Im Vergleich zu meinen Freunden am staatlichen Gymnasium lernte ich wenig. Das lag zum Teil an unfähigen Lehrern, die alle ausgerechnet unsere Klasse unterrichteten. Insgesamt konnte man aber die Schule nicht als qualitativ hochwertiger als andere Schulen bezeichnen.

Eines aber habe ich an dieser Schule gelernt: den Begriff „Elite“ nicht unkritisch zu sehen.

Immer wieder höre ich Menschen von Eliten sprechen. Sei es Angela Merkel, die in ihrer Gedenkrede davon spricht, die Eliten hätten die Machtübernahme Hitlers zugelassen. Oder die Studie, die Berichterstattung deutscher Journalisten untersucht und einen Sicherheitsabstand zu den Eliten fordert. Es wird von „Elite-Milieu“ gesprochen und von „Elite-Zirkeln“, von „Machtelite“ oder „Bildungselite“.

Vom Wortstamm kommt Elite von Auserlesenen (electare). Aber wie wird das Wort heute verwendet?

Ist „die Elite“ eine „Oberschicht“? Setzt sich „die Elite“ aus jenen Menschen zusammen, die den Staat lenken? Oder aus jenen, die besondere Leistungen auf ihrem Gebiet vollbracht haben? Oder aus jenen, die eine höhere Ausbildung genossen haben? Haben Eliten einen größeren Intellekt, eine höhere Moral, mehr persönliche Integrität, bahnbrechendere Visionen oder größere Leistungen für die Gesellschaft vorzuweisen als andere? Gehören der Elite Menschen an, zu denen man aufschauen kann? Oder gehören zur Elite all jene, die sich ihr zugehörig fühlen, unabhängig von allen anderen Faktoren?

Ich habe eine Eliteschule absolviert, ein Studium (nicht an einer Eliteuniversität) abgeschlossen, eine Dissertation geschrieben. Gehöre ich zur Elite? Will ich das überhaupt?

Ich habe zwei Probleme mit dem Begriff Elite.

Zum einen ist er diffus und meistens selbstreferenziell. Ich möchte jedem, der von Elite spricht, zurufen: Elite auf welchem Gebiet? Hinter dem Begriff „Elite“ lässt sich leicht die eigene Unzulänglichkeit verstecken.

„Die Elite“ scheint sich einzureden, sie sei besser als alle anderen, schaut sich nicht mehr nach interessanten Themen und Impulsen um, sie ist ja schon Elite, mehr braucht sie nicht. Dabei läuft sie Gefahr – wie meine Schule – sich nur in eitler Selbstreferenzialität auf dem vermeintlichen Elitismus auszuruhen.

Der andere Grund ist schwerwiegender: Eine Elite ist eine abgegrenzte Gruppe, die alle anderen ausgrenzt. Elite gegen „Unterschicht“. Elite gegen „Ungebildete“. Elite gegen Menschen, die es nicht wert sind, Elite genannt zu werden.

Eine Elite erhöht sich gegenüber anderen. Das schließt die Interaktion aus. Es wird suggeriert, dass die Nicht-Elite, eben die breite Masse, keine interessanten Impulse zu geben vermag.

Menschen, die Elite-Kindergarten, Elite-Schule und Elite-Universität durchlaufen haben und die danach den Anspruch haben, zur Elite zu gehören, wird ständig eingeredet, sie seien besser als alle anderen, egal, was sie tun. Sie bekommen ein verzerrtes Bild der Gesellschaft.

Einige dieser Menschen werden die Politik des Landes mitbestimmen. Sie sollen Maßnahmen für eine gerechtere Gesellschaft erarbeiten, ohne jemals Menschen in prekären Verhältnissen kennengelernt zu haben. Ohne sich vorstellen zu können, wie das ist, weil sie nie in der Schule mit einem Kind befreundet waren, das nicht gut situiert war. Weil sich später schon überhaupt keine Gelegenheit für echte Berührungspunkte mehr ergeben haben. Weil ihnen gar nicht in den Sinn kommt, Betroffene zu fragen. Was könnten diese denn zu sagen haben, wenn sie keiner Elite angehören? Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich die Gesamtschule nicht nur für bildungsferne Schichten für wichtig halte, sondern für alle.

Abschottung in eine Eliten-Blase bei gleichzeitigem Kleinmachen aller, die sich außerhalb der Blase befinden, kann nicht gut sein. Österreichs Minister Berlakovich beispielsweise geriet darüber in Rage, am Pariser Flughafen “wie ein Normalbürger” behandelt zu werden.

Zur Elite gehört man nicht einfach so aufgrund der sozialen Herkunft und der Ausbildung. Außergewöhnlichkeit muss man sich erarbeiten, durch Kreativität, Ideen, und vor allem, indem man über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Menschen, die das wirklich geschafft haben, kommen vermutlich gar nicht auf die Idee, sich selbst als Teil der Elite zu sehen.

Viele, die ständig betonen, zur Elite des Landes zu gehören, wollen krampfhaft ihre vermeintliche Bedeutung zeigen. Der allgemeine Obrigkeitsglaube hinterfragt diese Bedeutung nicht.

Elite ist kein Wert (wie Wahrheit, Transparenz und Fairness, oder so). Das begreifen jene, die von „der Elite“ sprechen, offenbar nicht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Eliten

  1. Fritzthecat schreibt:

    ich finde das elitenbashing falsch, genau wie die gleichmacherei, das problem ist zuwenig elite, nicht zuviel

  2. Fritzthecat schreibt:

    eine führungsschicht, die sich organisch über die zeit gebildet hat und den staat weise und erfolgreich leitet, wie die britische aristokratie des 18., 19. jhdt.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich halte das für Verklärung – britische Aristokratie war und ist ja erblich. Problematisch ist auch, dass sich eine Führungsschicht, wie von Dir beschrieben, auch nur aus sich selbst nährt und andere „Schichten“ völlig ausgrenzt.

  3. Fritzthecat schreibt:

    das stimmt nicht, es gab ja eine ständigen influx in die aristokratie dadurch, dass fähige leute geadelt wurden, und die erblichkeit hat sich im ergebnis nicht nachteilig ausgewirkt, sondern eine verantwortungsethik implantiert, die weitergegeben wurde

    • Karin Koller schreibt:

      Mir ist eine Demokratie, bei der alle wahlberechtigt sind, lieber.
      Im Blogpost geht es mir darum, dass jene, die sich Eliten nennen, meistens nicht sind, was sie vorgeben zu sein. Jene, die wirklich eine Ahnung auf ihrem Gebiet haben, die haben es nicht nötig, sich Eliten zu nennen. Sicher brauchen wir kompetente Menschen. Aber nicht solche, die sich mit Worthülsen über andere stellen und sie ausschließen.

      • Fritzthecat schreibt:

        gerade die demokratie hat aber den nachteil, dass sie anstatt verantwortungsvolle eliten zu schaffen, populistische abenteurer, denen es nur um die eigenen interessen und die bereicherung geht, nach oben schwemmt, checks and balances durch echte organisch gewachsene eliten könnten das verhindern;

      • Karin Koller schreibt:

        Ich weiß immer noch nicht, was du unter modernen organisch gewachsenen Eliten verstehst. Ecole Normale Absolventen in Frankreich? Was wäre ansatzweise eine österreichische Elite?

  4. Fritzthecat: Der Traum von einer verantwortungsvollen Elite, die sich durch Kooptierung regeneriert, und den Staat weise und uneigennützig lenkt, ist so alt wie die Menschheit, und ähnlich dumm wie diese. Ich glaube, die letzten 3000 Jahre müssten historisch hinreichend klargemacht haben, dass es solche weisen Eliten nie gab und nie geben wird. Die britische Aristokratie, die von dir als Vorbild angeführt wird, ist verantwortlich für Imperialismus und Kolonialismus mit all seinen immer noch spürbaren Folgen.

  5. dieblaueneu schreibt:

    …“Der andere Grund ist schwerwiegender: Eine Elite ist eine abgegrenzte Gruppe, die alle anderen ausgrenzt. Elite gegen „Unterschicht“. Elite gegen „Ungebildete“. Elite gegen Menschen, die es nicht wert sind, Elite genannt zu werde“…

    Stimmt fast:
    Eliten aufgrund sozialer Gruppenzugehörigkeit gibt es nicht, richtig,

    Kaderschulen,Eliteschulen, Eliten und alle „NETZWERKE“ die sich so bezeichnen und zur Schau tragen, bewußt oder unreflektiert, dienen nur einem Zweck, nämlich der

    Schaffung und Erhaltung von

    —- MACHT-STRUKTUREN —-

    in den ÄUßEREN gesellschaftlichen sozio-kulturell/“religiösen“ Strukturen und Konventionen und in den –INNEREN– SOZIO-KULTURELLEN-„religiös-ideologischen“ PRÄGUNGEN der Menschen.

    Zu bedenken ist:

    Alles menschliche Sein besteht aus Netzwerken, biologisch und gesellschaftlich-es – strukturiert sich aus sich selbst und zwar aus unserem INNERN DAS BIOLOGISCHE in das ÄUßERE; DAS GESELLSCHAFTLICHE ;

    ES –SPIEGELT — SEINE INNERE STRUKTUR-DIE IN SYMBIOSE GEGENSÄTZE ZUSAMMENFÜHRT– IMMER WIEDER SELBST UNTER NEUEM HUT:

    Daher immer wieder die selben Grundstrukturen, gleich unter welcher Hutfarbe.

    „Elitäres Gehabe“ zu begrenzen setzt die Annahme dieser Strukturerkenntnis IN uns und IM anderen voraus,nämlich den Respekt vor der Würde und der Freiheit des anderen.

    Nur das führt zur Selbstbegrenzung,Selbstbefreiung und einem einigermassen friedfertigen und harmonischen Zusammenleben ohne elitäres Gehabe.

  6. Hofnarr schreibt:

    Mit einigem Erstaunen lese ich hier, dass offenbar „Eliten“ oder solche, die’s gerne wären, sich selber als Elite bezeichnen. Dies ist aber normalerweise nicht so! Jeder, der sich selber als Elite bezeichnet, um sich abzugrenzen von den Normalen, ist ein Möchtegerne!

    Eine wirkliche Elite wird von Dritten als solche bezeichnet und wohl nur dann, wenn sie es wirklich von aussen betrachtet auch ist und dies stets in dem Bereich, der zur Diskussion steht.

    Letztmals habe ich seitens der Bildzeitung von „Elite unter Deutschlands Fahndern“ gelesen: http://www.bild.de/regional/frankfurt/bundeskriminalamt/die-top-spezialisten-29513332.bild.html

    Hier wird das Wort Elite von Dritten/Journalisten der Bildzeitung richtigerweise für die Top-Spezialisten unter den deutschen Fahndern verwendet. Zur Elite gehören nur Menschen, die im Vergleich mit der Gruppe, der sie angehören, aussergewöhnliche Leistungen hervorbringen können.

    Das ist eine besonders teure Privat-Schule als Ganzes, die sich selber arroganterweise als Elite tituliert, natürlich nicht zwingend, ebenso wenig wie ihre zahlreichen Schüler, die zuallererst einmal ganz gewöhnliche Schüler sind, wenn auch vermutlich ziemlich Begüterte, auch nicht allesamt sein können. Ihre Top-Leistungen indes, wenn überhaupt, wären überdies erst viel später sichtbar!

    Für mich gibt’s eigentlich keinerlei andere Möglichkeit, dies Wort richtig zu verwenden, als wie die Bild-Zeitung es beispielsweise hier verwendet!

    • Hofnarr schreibt:

      Bezeichnenderweise haben eben gerade in der obenstehenden Studie über Eliten die erwähnten 4 Journalisten auch nicht mitgemacht, weil sie selber sich gar nicht als Elite-Leute innerhalb ihres Gewerbes sehen wollen, obwohl vermutlich ihre Leistungen ohnehin in den 4 grössten, namhaften Zeitschriften Deutschlands durchaus hervorragen, weil dort ohnehin nur anspruchsvolle Recherche durch gute Journalisten und Fotografen verlangt wird, da ihre Redaktionen/Verlage sich der unbedingten, beruflichen Ethik verschrieben haben. Einer der 4 Erwähnten sagt dies sogar deutlich, indem er formuliert, „er mache doch so viele Fehler!“…

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