Schlachten

Schlachten

Als wir am Morgen des letzten Weihnachtsferientages von Kärnten nach Hause fahren wollten, sahen wir am Nachbarhof Rauch und Dampf aufsteigen. Ich schaute genauer hin. Die Bauern hatten Feuer gemacht. In einem großen Kessel dampfte kochendes Wasser. Ein Holzgestell, nicht unähnlich einem Galgen, war aufgebaut. Ein Mann führte gerade ein fettes Schwein an einem Strick aus dem Stall. Ein anderer Mann stand mit dem Schussapparat daneben. Das Schwein schien zunächst beunruhigt, es trippelte nervös im Kreis. Der Bauer konnte es kaum halten. Plötzlich schrie es laut und verzweifelt. Ein Todesschrei. Dann war alles ruhig. Unheimlich still. Wir fuhren ab. Eigentlich hätte ich gerne weiter zugeschaut. Ich habe noch nie eine Schlachtung gesehen.

Meine Oma hielt Hühner, Ziegen und ein Schwein. Sie hatte die Tiere gern. Ich ging als Kind immer in den Stall, fütterte die Ziegen, versuchte dem Schwein auf die feuchte Schnauze zu greifen und jagte die Hühner über den Hof. Ich wusste, die Tiere würden früher oder später der Sonntagsbraten, das Schnitzerl oder die Suppe sein. Das war für mich normal, es beunruhigte mich nicht. Im Gegenteil, Haustiere, die man nicht aufessen konnte, erschienen mir irgendwie sinnlos.

Wenn das Schwein geschlachtet wurde, musste ich zu einer Tante. Ich war zu jung, das zu sehen, fand meine Mutter. Weil meine Mutter so ein Theater daraus machte, traute ich mich gar nicht, zuzuschauen. Später war ich immer zur Schlachtzeit in Salzburg in der Schule.

Meine Mutter erzählte mir, wie sie als Kind beim Schlachten helfen musste. Geschlachtet wurde im Spätherbst, meist Ende November. Sie hatte Angst vor dem Töten. Ihre Mutter erlaubte ihr, sich zu verstecken, bis das Tier ausgeblutet und halbiert auf dem Balken hing. Dann musste meine Mutter die Dickdärme waschen. Schlimm war für sie nicht, den Inhalt herauszunehmen, schlimm war die Därme unter dem eiskalten Wasser sauber zu spülen. Bis sie ihre Hände nicht mehr spürte. Schlimm war auch, wenn sie den Darm verletzte und man ihn nicht mehr gebrauchen konnte. Dann bekam sie Ohrfeigen.

Sie musste schnell arbeiten. Die Nachbarin rührte in der Zwischenzeit das Blut, damit es nicht stockte. Eine Tante brachte die Blutwurstfülle – Rollgerstenbrei – aus dem Haus. Blut und Fülle wurde zu einem dicken Brei vermischt. Meine Mutter verschloss ein Darmstück mit einem Holzstab und hielt der Tante das offene Ende hin, damit sei die Fülle hineingeben konnte. Dann verschloss sie den Darm. Die Würste wurden sofort in einem riesigen Topf gekocht. Am Ende des langen Schlachttages bekam jeder Helfer eine frische Blutwurst. Meine Mutter auch. Das entschädigte sie für Angst, Ekel und Kälte. Die Natur hatte ihren Kreislauf vollendet.

Dieses Erlebnis – gleichzeitig schrecklich und erhaben – hatte ich nie (nicht dass ich mich darum reißen würde, frische Därme unter eiskaltem Wasser zu entleeren). Ich sollte es nachholen, weil ich gerne Fleisch esse. Den gesamten Prozess – von der Weide bis zum Teller – nachzuvollziehen, halte ich für eine wichtige Erfahrung. Das hat nichts mit Grausamkeit oder Rohheit zu tun, auch nichts mit Voyeurismus, sondern mit Respekt, den ich den Lebensmitteln, die ich verzehre, entgegenbringe.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Schlachten

  1. S. Van Lure schreibt:

    Als ich ein Kind war, hatten wir oft Enten und Hühner. Beim Schlachten habe ich mich immer umgedreht. Ich konnte es einfach nicht mitansehen wenn die Axt niedersauste. Aber im Enschluss hatte ich immer einen riesen Spaß beim Rupfen. Das Ausnehmen übernahm – genau wie das Schlachten – dann wieder meine Großmutter. Ich habe dabei immer zugesehen. Auch bei Sachen wie Hasenfellabziehen usw. Es ist ein wenig makaber und auch interessant. Aber manche Menschen können da einfach nicht zusehen, obwohl sie gerne Fleisch essen.
    Wenn wir jetzt noch schlachten würden, würde ich mich warscheinlich immer noch umdrehen und danach voller Freude beim Rumpfen helfen…

    • Karin Koller schreibt:

      Meine Oma hatte auch Hühner. Sie hat sie nie vor mir geschlachtet oder gerupft. Nachträglich kommt mir das sonderbar vor, als wären die Suppenhühner eines Tages tot umgefallen und hätten sich selbst nackt gemacht. Wenn man keinen Bezug zur Schlachtung und Fleischverarbeitung hat, stellt man sich unterbewusst ganz merkwürdige Dinge vor.

  2. Hofnarr schreibt:

    Karin, ich empfehle Dir und jedem, der Lust auf Fleisch eines ganzen Tieres (Schaf, Ziege, Kaninchen, Huhn, halbes Schwein oder halbes Kalb, etc.) hat oder genügend Freunde, die sich am Fleisch eines ganzen Tieres beteiligen wollen, benachbarte Bauern zu suchen, die bereit sind, eines ihrer Tiere zur Rücknahme beim Störmetzger (heute eher nicht mehr auf dem Hofareal, da meist keine geeigneten Kühlräume mehr) im kleinen Bauernschlachthaus in der Nähe schlachten zulassen und dann die entsprechend nach Bedarf aufgeschnittenen Stücke selber zu verpacken und einzufrieren. Dann weisst Du, von welchem Bauern das Fleisch kommt, wie die Tiere gehalten wurden und was sie gefüttert bekamen und häufig kann man auch mit dem Tier am verabredeten Tag mitgehen und im Schlachthaus anwesend bleiben, bis das Tier abgehäutet ist. Das Zerlegen erfolgt dann nach dem mehrtägigen Abhängenlassen im Kühlhaus je nach Tierart und Fleischstück und kann natürlich von den Privatkunden allenfalls direkt vor Ort abgewogen, verpackt und vakuumiert werden, inklusive wertvollen Tips, wie die Stücke gekocht werden. Blut- und Leberwürste des Schweins werden tatsächlich gleichentags hergestellt, aber alle anderen Wurstwaren und Rauchwaren jedenfalls erst später. Darum waren es Blutwürste, die Ihr geschenkt bekamen. Man nimmt aber heute häufig zugekaufte, bereits maschinell gewaschene Därme, um die Würste darin abzufüllen. Im Schlachthaus hast Du jedenfalls einen gesetzlich vorgeschriebenen Fleischschauer, der beurteilen kann, ob das geschlachtete Tier gesund war und garantierte Hygienevorschriften, die vom Gesundheitsamt kontrolliert werden (darum sind von Hand gewaschene Därme für den Verkauf der Bauernwürste in der EG eigentlich nicht mehr zugelassen und alles muss auch beim Abhängenlassen der Tierkörper einwandfrei gekühlt werden, weil sonst hygienisch allenfalls zweifelhaft und gesundheitsgefährdend. Natürlich gilt dies auch für Kundschaft von tierischen Lebensmitteln ganzer Tiere, denn sobald die Möglichkeit besteht, dass Menschen sich Salmonellen oder Coli-Bakterien oder gar andere, auf den Menschen übertragbare, tierische Krankheiten holen könnten, wäre der Verkäufer der Ware verantwortlich zu machen, wenn er keinen amtlichen Kontrolleur hatte.)
    Natürlich kannst Du beim Kaufen ganzer, zerlegten Tiere direkt vom Bauern beim Fleischkauf sehr massiv Geld sparen (allenfalls könnt Ihr Euch mit Freunden zusammentun und so alles zu gleichen Teilen untereinander unter Uebernahme des Pauschalpreisanteils aufteilen) und kannst Dir den täglichen Gang zum Metzger im Lebensmittelladen ersparen und dennoch Deiner Familie sehr viel Abwechslung bieten, insbesondere, wenn Du Dir mit der Zeit das Fleisch von unterschiedliche Tierarten beschaffst.
    Solltest Du/Ihr aber beim Schlachten zusehen wollen und können, empfehle ich Dir/Euch, zuerst beim ersten Mal alleine hinzugehen und erst danach allenfalls Kinder zum Schlachten mitzunehmen, sofern Du/Ihr und die Kinder dies wollen. Der Lerneffekt des Schlachtvorganges ist für ein Kindtatsächlich nicht wirklich zu empfehlen, obwohl die spätere Verarbeitung des Fleisches ebenso wie das Kochen für diese interessant und empfehlenswert ist. Sonst habt Ihr nachher Kinder am Tisch, die allenfalls nie mehr Fleisch essen wollen, weil sie gedanklich das Fleisch mit dem einstigen, weichen, wuscheligen, lieben, lebenden Tier in Verbindung bringen, das allenfalls schon beim Verlad des Tieres schrie, dann bei der Schlachtung noch etliche Minuten nach Todesschuss mit dem Bolzenapparat nervlich weiterzuckte, weil die Nerven stets diese Eigenschaft haben (ein Kind oder auch erwachsener Laie meint, das das Tier nach lebt! Tatsächlich kann ein Huhn mit bereits abgehacktem Kopf, wenn man es nicht festhält, noch auf den nächsten Baum fliegen und sich dort festklammern bis es nach 2-5 Minuten in Totenstarre fällt! Auch andere Tiere zucken noch einige Minuten mit den Muskeln)) und sie auch sehen können, wie das Herz allenfalls noch weiterschlägt, nachdem es dem Körper schon entnommen ist. Dies sieht man häufig auch bei Fischen, die man selber gefischt hat.) Diese natürlichen Phänomene beim Töten eines Tieres/Schlachten sind für Laien derart überraschend, dass sie häufig den Zuschauer zuallererst einmal völlig entsetzen. Ich als Bäuerin, die dem Schlachten der eigenen Tiere für die Rücknahme des Fleisches häufig zusah, muss Dir aber sagen, dass alle unsere Medien, die Krimis oder Western ausstrahlen, wo laufend irgendwelche Menschen vermeintlich erschossen werden, mich wundere, dass dies minutenlange Endzucken der Nerven des vermeintlich frisch Verstorbenen nie gezeigt wird, was eigentlich vollkommen falsch ist. Darum haben Kinder und Laien die Vorstellung, dass ein Tier nach dem korrekt gesetzten Schuss (mit Gewehr, Bolzenapparat oder Schlag auf den Kopf) einfach so vollkommen starr umfällt, was aber nicht zutrifft.
    Vermutlich ist es darum, dass man Dich als Kind nicht zusehen liess, was durchaus richtig ist! Zwinge deshalb Deine Kinder nicht, zuzusehen, aber wenn sie es dann irgendwann wollen, könnten sie, nachdem Du weisst, was da zu sehen ist oder wäre… Kinder sollen zuerst lernen, das Fleisch gern zu essen, bevor sie denken, es sei ihr geliebtes Kaninchen, Kälbchen oder Schweinchen gewesen, mit dem sie zuvor schmusten und spielten.

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