Pensées: Werbung

Faserschmeichler

  1. Meine Oma hasste es, alleine fernzusehen. Als Kind musste ich zum Beispiel Seniorenclub und die Heinz Conrads („…Servas die Buam“) mit ihr anschauen.
  2. Zwischen verschiedenen Sendungen spielten wir „Werbespots erraten“. Manche erkannten wir schon nach wenigen Sekunden, andere konnten wir uns nicht merken.
  3. Meine Oma entwickelte einen großen Ehrgeiz bei dem Spiel.
  4. An einige Werbungen erinnere ich mich noch gut, obwohl es 30 Jahre her ist.
  5. Die Faserschmeichler von Silan spielten in meiner Lieblingswerbung mit. Ich summte das Lied vor dem Einschlafen und stellte mir vor, wie die Faserschmeichler sich in meiner Schmusedecke verstecken und mich an der Nase kitzelten.
  6. Die Werbung der Siebzigerjahre hatte eine andere Farbe, einen anderen Rhythmus als Werbung heute. Ich erinnere mich an einen Wüstenrotspot, in dem eine Familie Hand in Hand über die Wiese lief. Sie sah glücklich aus, aber auch ein bisschen gezwungen. Die Frau trug keinen BH. Ihre Brüste hüpften mehr als ihre Locken. Es wirkte nicht erotisch.
  7. Viele Werbungen hielten sich in leicht abgewandelter Form jahrelang: Der langweilige Mann von Persil, Tilli von Palmolive oder Clementine von Ariel. Es kam mir sonderbar vor, als diese Firmen ihr Werbekonzept änderten. Als würde ein Stück meiner Kindheit obsolet werden.
  8. Wenn die Werbung der Dresdner Bank erschien, sagte meine Oma immer: „Meinerseel, der arme Mann, den haben sie entführt und umgebracht.“ Ich verstand nicht. Der Werbungsmann sah noch frisch aus.
  9. Der Mon Cheri Spot hat mich im zarten Alter von ungefähr sechs Jahren zur Feministin gemacht. Eine auftoupierte Frau im Silberkleid bringt ihrem Mann eine Schüssel mit Mon Cheri. Er sagt: „Aber Birgit, Männer wie wir naschen doch nicht.“ Nachdem seine Freunde gegangen sind, ist die Schüssel leer. Die Frau wagt es, ihren Mann darauf hinzuweisen. Er antwortet: „Aber Mon Cheri ist doch nicht irgendwas zum Naschen.“
  10. Niemals sollte ein Mann so mit mir reden. Niemals wollte ich mich irgendjemandem so unterordnen. Niemals sollte mich irgendjemand so klein und lächerlich machen. Und schon gar nicht, wenn ich recht hatte.
  11. Jedes Mal, wenn ich mich gegen eine sexistische Anspielung wehren muss, jedes Mal, wenn ich mich selbst in die Rolle der klassischen Hausfrau dränge, zieht dieser Spot vor meinem inneren Auge vorbei. Dann atme ich tief durch und wehre mich dagegen. Der Spot ist wie ein Motor für mich, der mir Antrieb gibt, mir nichts gefallen zu lassen.
  12. Eine andere Werbung fand ich unendlich traurig. Jedes Mal wenn ich sie sah, musste ich mir heimlich die Tränen wegwischen. Ich schämte mich dafür, vor allem vor meiner Mutter.
  13. Es war die Happy Day Fruchtsaftwerbung. Eine Familie machte einen Herbstspaziergang. Der Vater trug das kleinere Kind auf der Schulter, Vater und Mutter hielten das größere Kind an den Händen. Gemeinsam tanzten sie durch das Herbstlaub in einem Park.
  14. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass mich ein Vater auf den Schultern trägt und einen Nachmittag mit mir verbringen möchte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich wollte, dass MEIN Vater das tat. Lieber so einer wie in der Fruchtsaftwerbung. Nicht weil er gut aussah. Weil er seine Kinder liebte. Weil mein Vater mich nicht liebte, nichts mit mir zu tun haben wollte.
  15. Wenn die Werbung lief, verfiel ich in Selbstmitleid. Ich wollte nicht, dass das meine Mutter sah. Sie machte sich ohnehin immer Vorwürfe, weil sie mir keinen Vater bieten konnte. Obwohl sie nichts dafür konnte.
  16. Ich brauchte aber auch eine Schulter zum Anlehnen. Es war ein blöder Zwiespalt für mich.
  17. Noch heute finde ich es sonderbar, welche Wirkungen manche Werbespots auf mich hatten.
  18. Dann wundere ich mich, ob meine Kinder später auch Erinnerungen an Werbungen haben werden. Oder ob das ein Spezifikum der Siebzigerjahre war – oder nur von mir persönlich.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Pensées: Werbung

  1. goodoldman schreibt:

    Fast bedauere ich, Werbung zeitlebens ignoriert und ausgeblendet zu haben. Es mag toll sein, so viele Gefühle und Erinnerung an so kurze Spots hängen zu können, fast wie ein persönliches Fotoalbum…großartig geschrieben und echt lesenswert!!!

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Das Schöne an Erinnerungen ist ja, dass man sie aus den scheinbar unbedeutendsten Kleinigkeiten schöpfen kann.

      • goodoldman schreibt:

        ja, ich weiß, ich tröpfele meine Erinnerungsfetzen auch täglich auf ein weißes Blatt Papier und freue mich, sie hier bloggen zu können

  2. danielasucht schreibt:

    Wenn sexistische Werbung Feministinnen produziert, dann sollte man Rudi Assauer reaktivieren

    • Karin Koller schreibt:

      Bei mir war es so. Das funktioniert aber – glaube ich – nicht unbedingt allgemein. Mir hat es vor Augen geführt, was ich niemals haben möchte, komme was wolle. Wahrscheinlich ist das beim Erwachsenwerden bzw. der Meinungsbildung nicht so selten, aber nicht unbedingt mit bescheuerten Werbungen.

  3. Pia schreibt:

    sehr schöner text

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