„Mir san mir“ – oder Erwartungen an Migranten

Kolaric

„Wir gegen das Ausland.“ Zumindest den ganzen Winter bekommt man das von der ORF-Sportredaktion zu hören. Bei Schi- und Schisprungbewerben zählt nur, wie Österreicher abgeschnitten haben. Manchmal wird gar nicht erwähnt, wer vor dem besten Österreicher Erster wird.

Was hat das mit Migranten und Integration zu tun?

Die Sportberichterstattung fördert die Wahrnehmung der Welt in den Kategorien „Wir“ und „die Anderen“, die ohnehin in der Gesellschaft schon sehr fest einzementiert ist. Nach der alten Regel: „Mir san mir“, wobei wir die Guten sind (und homogen) und die anderen nicht so gut und auch homogen (egal ob sie aus Südeuropa, Ostasien, Nordafrika oder einem anderen Ort der Welt kommen).

Allein die Bezeichnung „Ausländer“ beschreibt jemanden, der ganz klar nicht so ist wie wir. „Migrant“, eine nur marginal schönere Bezeichnung, suggeriert Menschen, die durch die Welt wandern, die genau deshalb anders als sesshafte Menschen sind und sich nur schwer an sie anpassen können. Wenn man in Österreich von Migranten spricht, spielt es meist keine Rolle, ob diese als Kinder mit ihren Eltern nach Österreich gekommen, oder vielleicht sogar hier geboren und niemals irgendwohin migriert sind.

Und diese „so anderen“ Menschen haben sich nun zu integrieren. Dem Integrationsstaatssekretär Kurz ist das sehr wichtig. Er stellt sich als jemanden dar, der Probleme in der Gesellschaft löst und gleichzeitig nett zu „den anderen“, den Migranten ist, ihnen hilft – und damit suggeriert, dass Migranten per se, bevor sie noch irgendetwas sagen oder tun, ein Problem sind.

Sie sind – wenn ich den Herrn Staatsekretär richtig interpretiere – ein geringeres Problem, wenn sie integriert sind. Je integrierter, desto geringer. Das Problem.

Dabei geht es nicht nur um Sprache. Es reicht nicht, wenn man sich leidlich oder sogar perfekt verständlich machen kann. Ein Migrant sollte nach Möglichkeit die eigene Kultur soweit aufgeben, dass diese keinen Österreicher mehr stört. Sich also nicht zu exotisch kleiden. Nur Musik spielen, die in den Ohren der Österreicher auch wohlklingend erscheint. Nicht Feste feiern, wenn Österreicher nichts zu feiern haben.

Dabei würden es die meisten Österreicher auch nicht als schlimm empfinden, wenn sie in ein anders Land zögen und dort Wienerschnitzel in heißem Schmalz herausbackten, zu DJ-Ötzi oder Schubert mitsummten, oder weiterhin mit ihrem Walkjanker herumliefen, weil der bequem ist.

Migranten wird Ähnliches nur ungern zugestanden. Weil der Integrationsstaatssekretär nicht so negativ ist, formuliert er lieber positiv. Wer sich gut integriert, soll die Staatsbürgerschaft früher bekommen. Unter gut integriert versteht er Mitgliedschaften in Vereinen: Blasmusik, Trachtengruppen.

Das heißt aber auch, er versteht unter Integration das Aufgeben der eigenen kulturellen (und auch sonstigen) Identität. Treffen sich Migranten in Vereinen, um Kultur ihres jeweiligen Heimatlandes zu betreiben, gelten sie als nicht integriert. Ziehen sie Lederhosen an und beginnen zu jodeln, dann gelten sie als integriert.

Unter Integration stellen sich also weite Teile der Bevölkerung vor, dass ein Migrant sich möglichst schnell zu dem verwandeln soll, was sich die ÖVP als Parade-Österreicher vorstellt.

Aber wer soll das sein? Rainhard Fendrich, während er I am from Austria singt? Die Lodenmantelgesellschaft, die Thomas Bernhard beschreibt? Die Frau vom Mundl? Der Herr Karl? Ich?

Wichtig ist, sich möglichst unauffällig zu benehmen, möglichst obrigkeitshörig zu sein, möglichst unterwürfig gegenüber Österreichern, möglichst ununterscheidbar zu werden von dem Idealumfeld (egal wie sich reale Österreicher im realen Umfeld benehmen). 

Und dankbar haben Migranten zu sein, dafür dass Österreich sie aufnimmt. Diese Meinung ist auch weit verbreitet. Manche Österreicher glauben sogar, alle Migranten, die ihnen begegnen haben ihnen persönlich durch Worte und Gesten dankbar zu sein. Ist ein Migrant nicht freundlich genug, empfinden sie das als freche Undankbarkeit.

Es gibt aber auch die umgekehrte Situation: Vor Kurzem hat das Wiener Stadtmagazin Das Biber ein Cover und einen Test publiziert, die ich nicht anders als rassistisch und dumm bezeichnen kann. Das Biber beschreibt sich selbst als „direkt aus einer multiethnischen Community heraus“ berichtend. Viele Journalisten dieses Magazins haben einen Migrationshintergrund. Als das Heft erschien, brach eine Diskussion aus, ob Test und Cover rassistisch sein können, wenn sie von Migranten gestaltet wurden. Natürlich können sie das und sind es auch.

Genauso wie die einen – die Engstirnigen – meinen, Migranten seien per se schlecht, glauben andere, alles was Migranten machen, ist per se gut und jeder, der etwas anderes behauptet ist rassistisch.

Ich empfände es als wünschenswert, die überzogenen Erwartungen an Migranten einzustellen und jeden von ihnen so sympathisch oder unsympathisch, fehleranfällig oder klass sein zu lassen, wie wir alle das auch sein können.

Wer das nicht tut, betreibt eine Gleichmacherei, wo sie nicht angebracht ist, während er/sie gleichzeitig Unterschiede macht, wo es keine gibt.

 

Copyright Bild: Initiative Minderheiten

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu „Mir san mir“ – oder Erwartungen an Migranten

  1. Pia schreibt:

    Es ist ja so öde, Menschen immer in Schubladen und Gruppen einzuteilen. Als ob allein von der Herkunft abhinge, was ein Mensch wird.

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