Schnösel

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Vor über 20 Jahren verbrachte ich mit etwa 25 jungen Leuten aus ganz Europa und Nordafrika auf Einladung des Rotary-Clubs einen Monat in Perugia. Die Teilnehmer dieses Sprachaufenthalts und deren Eltern waren nicht Mitglieder der Rotary-Clubs. Obwohl ich bei wohlhabenden Leuten aufgewachsen bin, weil meine Mutter Haushälterin war, hatte ich bis dahin keinerlei Berührungspunkte mit einem derartigen Club.

Vorurteile hatte ich aber schon. Ich stellte mir Männer vor, die trunken von der eigenen Wichtigkeit beim Verzehr von Luxusdiners einige Brosamen für die Armen erübrigten, und deren Frauen, die als gelangweilte Modepüppchen oder verhärmte Wichtigtuerinnen ihre Hauptaufgabe darin verstanden, ihren Mann zu unterstützen und deshalb zu nichts anderem Zeit zu haben, nicht einmal für Kinder.

Bei meinem Aufenthalt in Italien veranstaltete der Rotary-Club Perugia zwei bis dreimal in der Woche einen Ausflug in eine umbrische Stadt mit Rundgang und anschließendem Abendessen im lokalen Rotary-Club. Dort bestätigten sich meine Vorurteile zunächst überhaupt nicht. Die Männer wirkten freundlich und höflich, und unterhielten sich gerne und ohne Überheblichkeit mit uns und machten jene Witze, die anzüglich, aber niemals schmierig waren, wie das wohl nur italienische Männer können. Man sah ihnen an, dass sie es gewöhnt waren, anderen zu sagen, was sie zu tun haben, weil sie eine natürliche Autorität ausstrahlten. Sie schienen es nicht nötig zu haben, sich aufzuspielen.

Die Frauen wirkten elegant, aber nicht aufgedonnert. Auch sie waren freundlich und behandelten uns nicht herablassend.

Die ersten Abende waren recht nett. Aber dann, beim dritten oder vierten Ausflug, waren die Mitglieder des lokalen Roteract-Clubs eingeladen. Das ist die Jugendorganisation des Rotary-Clubs. Wir freuten uns, weil wir dachten, es wäre sicher lustig, mit den jungen Leuten den Abend zu verbringen. Die meisten waren in unserem Alter oder etwas älter. Schon nach dem ersten Blick sah ich, dass sie nicht zu uns passten. Sie kleideten sich noch konservativer als ihre Eltern. Beinahe alle jungen Männer trugen Schalkrawatten, die jungen Frauen Kostüme und Perlenketten. Es gab schon den einen oder anderen Revoluzzer, der sein offensichtlich sündteures Segeloutfit mit einer protzigen Rolex kombinierte.

Nachdem man sich nicht von Äußerlichkeiten lenken lassen soll, setzten wir uns zu den jungen Roteracts an den Tisch. Die meisten machten abweisende Mienen und schauten knapp an uns vorbei, als wären wir zu wertlos, um sich überhaupt mit uns zu beschäftigen. Keiner richtete ein Wort an uns. Sie unterhielten sich ausschließlich miteinander, darüber, dass sie nach Hawaii surfen gehen wollten, in Monaco im Casino das Taschengeld verspielt hatten oder wie toll sich der neue Sportwagen machte.

In den vier Wochen unseres Aufenthalts trafen wir an sechs Abenden auf Mitglieder von Roteract. Das Muster war immer das gleiche, sie ignorierten uns und zeigten uns gleichzeitig, was sie alles hatten und wie minderwertig wir im Vergleich waren.

Ich war fassungslos, wie selbstverständlich sie sich überlegen fühlten, obwohl sie selbst noch nichts geleistet hatten und ihre Hauptbeschäftigung zu sein schien, das Geld ihrer Eltern für teure Vergnügungen herauszuwerfen. Es war ihnen ganz natürlich, dass sie eine Berechtigung dazu hatten.

Heute hört man immer wieder Diskussionen über Entitlement: Wie sehr sich (vor allem) junge Leute berechtigt fühlen zu diversen Privilegien, wie überlegen sie sich wähnen gegenüber anderen, die wirtschaftlich nicht so bevorzugt sind, und wie sich das in ihrem täglichen Handeln widerspiegelt.

Die Schnösel von gestern sind wahrscheinlich die Banker von heute. Ihre Kinder sind möglicherweise die Schnösel von morgen. Dreht sich diese Spirale immer weiter? Ich glaube nicht. Es gab immer Arschlöcher. Es gab immer welche, die ihr Leben lang Arschlöcher geblieben sind. Und es gab immer welche, die dann die netten Alten geworden sind, weil sie begriffen haben, worauf es ankommt im Leben.

Trotzdem sollte niemand vergessen das eigene Gefühl von Entitlement zu hinterfragen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Schnösel

  1. Denise schreibt:

    Solche Vereine produzieren conformity at its worst.

  2. dorothea schreibt:

    männerbünde produzieren entweder prolls oder schnösel

  3. fightthepowersthatbe schreibt:

    Überall, wo Wohltätigkeit draufsteht, steckt Oberschichtpräpotenz drinnen. So in der Art, wir unterstützen die „deserving poor“, und sind doch ach so gut.

  4. sarahbrauner schreibt:

    Aus eigener Wahrnehmung als Frau eines Rotariers: 75% dumme Schnösel, 10% interessante reiche Männer, 15% wohlmeinende Dumpfbacken.

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