Eduard Habsburg: Lena in Waldersbach

Eduard Habsburg. Er arbeitet für den Bischof. Mehr brauchte ich nicht, um zu meinen, alles zu wissen.

Dann aber empfahlen gleich zwei Menschen, deren literarischem Geschmack ich vertraue, sein Buch, und ich sah es zufällig in einer Buchhandlung. Ich kaufte das Buch, und sei es nur, um den beiden sagen zu können, sie hätten sich eben diesmal geirrt.

Zu Beginn des Buchs wird der erste Satz aus Büchners Lenz paraphrasiert. Um diese Büchner-Geschichte geht es auch. Die siebzehnjährige Lena ist alleine in die Vogesen gereist, um die Orte wie Lenz selbst zu durchwandern. Vordergründig macht sie das für eine Arbeit in der Schule. Ihre Lehrerin hat ihr ein mehrere hundert Seiten starkes Buch mit literaturgeschichtlichen Interpretationen der etwa 20 Seiten langen Geschichte Büchners gegeben. Aber Lena will die Landschaft mit eigenen Augen sehen, mit dem Text vergleichen, selbst beurteilen, was mit der Erzählung übereinstimmt, und ob Büchner tatsächlich dort war.

Ihre Mutter ist dagegen – so funktioniert Wissenschaft nicht, sagt sie, Wissenschaft ist Zitieren, nicht Laienarchäologie. Lena fährt trotzdem, ohne Handy, damit niemand sie finden kann. Es ist nämlich etwas vorgefallen, bevor sie aufbrach. Etwas, das sie in Angst und Schrecken versetzt. Nur nach und nach erfährt der Leser, was es war und was sich dahinter verbirgt.

Es ist ein Trauma, das Lena in Angstzustände versetzt, sie hat Wahnvorstellungen und erlebt Passagen aus Büchners Erzählung. Der Leser erlebt sie mit ihr, manchmal wusste ich nicht mehr, was ihre Wahnvorstellung und was Realität war. Am Schluss klärt sich beinahe alles auf.

Das Buch hat mir gefallen, richtig gut gefallen. Beschreibungen von Wahnvorstellungen und das Abweichen von der Realität mag ich normalerweise nicht, aber hier zeigen sie den Gemütszustand der jungen Frau und sind deshalb notwendig.

Das Beste an dem Buch ist: es hat mich zum Nachdenken angeregt.

Zuerst einmal machte mir das Buch Lust, die Erzählung Büchners zu lesen. Dann versuchte ich mich zu erinnern, ob ich jemals auch nur annähernd von einem Buch so fasziniert war, dass ich mich darin verloren hatte (ich glaube nicht).

Bücher werden auf die unterschiedlichsten Weisen gelesen – dem einen erscheint die Handlung öde, den anderen wühlt sie auf. Im Extremfall transponiert die Leserin ihr eigenes Trauma in die gelesene Geschichte, bis ihr Leben mit der Erzählung verschmilzt. Das erzählt viel über das fragile Gemüt von Jugendlichen. Auch darüber, wie schnell man durch ein Trauma in einen nicht mehr selbst kontrollierbaren Gemütszustand rutscht. Davor möchte ich meine Kinder bewahren, aber Habsburgs Buch zeigt, wie unvermeidbar ein derartiges Ereignis manchmal sein kann, wie schwer man als Mutter die Krise der eigenen Tochter beurteilen kann.

Ist es übertrieben, dass Lena Halluzinationen hat? Elias Canetti ist Ähnliches mit der Novelle „Die schwarze Spinne“ von Gotthelf passiert. Mehrmals täglich sah er die Spinne vor sich, als wäre sie tatsächlich da.

Habsburg spricht in wenigen Sätzen an, wie sehr die moderne Wissenschaft auf dem Zitieren der richtigen Sekundärquellen beharrt und die Rückkehr zu Primärquelle oft schon verpönt ist, zumindest aber als unwissenschaftlich gilt. Fehler, die vor vielen Jahren gemacht wurden, werden damit automatisch weiterverschleppt. Wer sie hinterfragt, gilt als Häretiker.

Wichtig für mich ist auch, dass mir dieses Buch wieder einmal vor Augen geführt hat, dass sich Menschen nicht mit zwei isolierten Fakten beurteilen lassen, weil sie weitaus vielschichtiger sind, als mich meine Vorurteile glauben lassen. Eduard Habsburg ist es zumindest.

Das sind ganz schön viele Denkanstöße für ein so schmales Buch.

Sollte ich Sie jetzt nicht für das Buch begeistert haben, gibt es noch einen wichtigen Indikator dafür, ob Sie das Buch mögen werden, oder nicht:

Ich habe selten ein Umschlagbild gesehen, das den Geist eines Buches so sehr reflektiert wie dieses. Das leicht Surreale. Das Sich-Verrennen. Das Beinahe-Aufschlagen, das aber doch mit einer sonderbaren Leichtigkeit nicht ganz passiert, weil sich oben und unten vertauscht haben und man manchmal selbst nicht mehr weiß, wo was ist. Das auf zwei Ebenen Gefangensein in einem Buch.

Wenn Sie das Bild anspricht, werden Sie den Text mögen, denn das Bild repräsentiert den Text viel klarer, als es jede Buchbesprechung könnte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Eduard Habsburg: Lena in Waldersbach

  1. miriambrenner schreibt:

    Ich habe auch Habsburg erstes Buch, Die Reise mit Nella, gerne gelesen.

  2. sebastiandrimmler schreibt:

    Alles, was Büchner popularisiert, ist ja von vornherein zu befürworten. (Weder den Autor, noch das Buch kennend)

  3. Denise schreibt:

    Das Cover erinnert sehr an diese Reclamheftchen, lustige Idee. Aber Büchner? Ich habe den als so fürchterlich halblustig in Erinnerung, wenn er sich versuchte, etwas Humoristisches abzuringen. Aber vielleicht ist mir das auch falsch in Erinnerung, ist doch schon lange her

  4. SonjaLy schreibt:

    Ist der Autor mit diesen Exkaisern verwandt?

  5. Monika schreibt:

    Ich habe mit Büchner nie etwas anfangen können und seit der Schule bis zu diesem Blogpost nie mehr an ihn gedacht, da drängt sich fast die Frage auf, ob dieser Schullesezwang Autoren schadet, statt sie den Leuten näherzubringen. Mir geht das bei fast allen Schriftstellern, die zum Pflichtprogramm im Deutschunterricht zählten so, von Goethe über Fontane bis Stifter und Keller. Vielleicht sollte ich einen Wiederlesversuch starten……

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, dass der Schullesezwang Interessen abtöten kann, ist mir auch schon aufgefallen. Liegt es an den Lehrern? Liegt es daran, dass viele Jugendliche in der Schule einfach noch zu jung sind für jene Werke der Literatur, die als Pflichtlektüre ausgewählt werden? Ich weiß es nicht. Viele dieser Werke sind aber nicht zu unrecht im Literaturkanon. Zumindest hineischauen und noch einmal feststellen, ob man jetzt etwas damit anfangen kann, ist sicher nicht schlecht.

      • Monika schreibt:

        Vielleicht ist schuld, dass der Schullesekanon zumindest überwiegend ausschließlich aus Autoren aus der Zeit von 1780 bis 1880 besteht, und es einfach Widerwillen erzeugt, wenn man komprimiert lauter „alte“ Sachen lesen muss, die prima facie wenig mit dem modernen Teenagerleben zu tun haben?

      • Karin Koller schreibt:

        Das, und weil es auch natürlich ist, alles Schlecht zu finden, was Lehrer einem aufs Aug drücken wollen.

  6. Monika schreibt:

    Auch das, aber manchmal gibt’s auch too much of a good thing

  7. lenakarlowski schreibt:

    Büchner war ja so eine Art Universalgenie. Sein Bruder behauptete, wenn er überlebt hätte, wäre er und nicht Darwin der naturwissenschaftliche Revolutionär des 19. Jh. geworden

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