Wein

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Ich trinke gerne Wein. Schon lange ist das so. Als ich jünger war, fand ich diese Weinkenner, die jeden Wein genau beschreiben konnten eher affig. Besonders wenn sie bei jedem Schluck die Lippen schürzten, den Wein durch den Mund schwappen ließen und dabei laut schmatzten. Mein Vater soll so einer gewesen sein, allerdings nicht weil er ein Lebemann war, sondern weil er zeigen wollte, welche Weine er erkennen konnte.

Auch die Überheblichkeit der Wein-Connaisseurs, die auf alle herabsahen, die nur zum Spaß Wein tranken und weder die Sorten auseinanderhalten noch die Weine charakterisieren konnten, ging mir auf die Nerven.

Das Ausspucken bei Weinverkostungen empfand ich nicht nur als unappetitlich, sondern auch als sinnlose Verschwendung. Weingenuss war für mich die sinnliche Freude des Geschmacks genauso wie das langsame Beschwipstwerden, also die graduelle Lockerung der Sinne.

Ein Bekannter von mir, der sich für Wein interessierte, kaufte sich ein Weinkennerset, das aus unzähligen Fläschchen mit verschiedenen Düften bestand, mit denen man die Weincharakterisierung erlernen sollte. Wir probierten das aus mit dem Erfolg, dass nach zehn Minuten die Nasenschleimhäute von einer Geruchskakophonie lahmgelegt wurden und der zu testende Wein nicht mehr schmeckte.

Mein Mann und ich beschlossen, auf eigene Faust und ganz entspannt auszuprobieren, ob etwas am Weinverkosten dran ist, oder ob das nur ein potemkinsches Dorf ist, das sich gelangweilte Bildungsbürger aufstellten.

Jede Woche suchten wir uns zwei oder drei Flaschen Wein aus, nicht besonders teure, viel konnten wir uns nicht leisten. Am Wochenende setzten wir uns dann feierlich zusammen, mit Flasche und Glas und Heft und Stift, weil wir uns nicht nur antschechern, sondern unsere Fortschritte dokumentieren wollten. Am nächsten Morgen löste ich die Etikette über Dampf von der Flasche und klebte sie zu der Beschreibung ins Heft.

Anfangs fiel mir noch nicht so viel ein, wenn ich einen Schluck Wein nahm. Aber mit der Zeit merkte ich, ob ein Wein nach Kirsche, Apfel oder Tropenfrüchten schmeckte, ob er wuchtig war, viel Tannin hatte oder ausgewogen war. Die Beschreibungen wurden länger und das Heft füllte sich.

Neulich fand ich das Heft bei Aufräumungsarbeiten in einer hinteren Ecke des Schranks. Es wurde irgendwann obsolet. Vielleicht weil es uns zu mühsam wurde, unsere Beobachtungen aufzuschreiben. Vielleicht weil wir uns langsam merkten, welche Weine uns schmeckten. Vielleicht weil wir uns andere Freizeitbeschäftigungen suchten.

Jetzt brauche ich das Buch nicht mehr. Es ist aber wichtig gewesen, um meinen Weingeschmack zu formen. Es ist auch zu einem Stück unserer Geschichte geworden, weil es erzählt, welchen Wein wir als unbedarfte Anfänger kauften. Was wir uns gönnten, obwohl es eigentlich nicht in unserem Preisrahme lag. Wie sich unser Geschmack entwickelte. Vielleicht werde ich ganz nostalgisch den einen oder anderen Wein nachkaufen, weil ich neugierig bin, ob ich jetzt nach 15 Jahren immer noch das gleiche empfinde, was im Heft beschrieben wird.

Weil das Heft eine schöne Erinnerung ist, werde ich diese Tradition fortsetzen und hier auf meinem Blog eine Weirubrik einführen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Wein

  1. dorothea schreibt:

    Kann ich gar nicht nachvollziehen. Ich kann selbst Rotwein und Weißwein nur an der Farbe auseinaderhalten

    • Karin Koller schreibt:

      Wenn dir Wein nicht schmeckt, hat es keinen Sinn, dich selbst zu etwas zu zwingen. Wenn er dir schon schmeckt, probier es aus, Wein bewusster zu trinken. Ich empfand es als sehr interessant, zu beobachten, wie sich der Geschmack ausbildet.

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