Die rosa Schultasche

Sind Buben anders als Mädchen? Ich bin geneigt, ja zu sagen. Die meisten Buben, die ich kenne haben einen starken Bewegungsdrang, sie schlagen schneller zu, lieben Monster und Kampfspielzeug. Während die Mädchen, die ich kenne, mit Puppen spielen, sanfter sind und sich viel geduldiger als Buben mit Steckspielen beschäftigen. Viele benehmen sich besser und lernen leichter.

Buben und Mädchen sind eben verschieden, dachte ich, das scheint ja ganz natürlich zu sein. Ich versuchte, meine Kinder nicht in Geschlechterrollen zu drängen. Ich kaufte gelbe und weiße Strampler und Holzeisenbahnen, wollte aber auch nicht militant geschlechtsneutral agieren. Als Lukas geboren wurde, schenkte ich Anna eine Puppe, damit sie diese pflegen konnte, während ich mich um das Baby kümmerte. Die hatte nur rosa Accessoires, Anna wollte daraufhin auch rosa Kleidchen. Natürlich durfte sie die haben.

Lukas war schon als Neugeborener ungeduldiger als Anna, auch fordernder und zorniger. Bei Katharina fielen mir die Ähnlichkeiten mit Anna auf, jene mit Lukas übersah ich. Die beiden sind Mädchen, eh klar, dass sie einander ähneln, dachte ich.

Neulich fragte mich eine Bekannte, ob ich tatsächlich glaubte, Buben wären anders als Mädchen. Ohne zu überlegen bejahte ich die Frage. Das entsprach meiner Beobachtung, obwohl ich den biologistischen Erklärungsmodellen nicht vertraute, nach denen Buben „von Natur aus“ besser in Mathematik und Mädchen besser im Lesen sind.

Die Frage ist nicht, ob Buben und Mädchen verschieden sind, sondern warum sie verschieden sind.

Je intensiver ich über diese Frage nachdachte, desto mehr soziale Faktoren fielen mir auf. Ich erinnerte mich an die Mütter in der Spielgruppe, die ihren Söhnen bei der Balgerei zuschauten und wohlwollend sagten: „Das sind halt echte Buben.“

Die gleichen Mütter wiesen ihre Töchter sofort zurecht, wenn sie eine Tätlichkeit nur andeuteten.

In der Schule wurde von vielen Eltern sehr darauf geachtet, dass die Buben das Rechnen erlernten, weil Buben das ja besser können. Beim Lesen waren sie nachsichtiger, das übten sie verstärkt mit den Mädchen.

Nicht weil die Eltern das bewusst so wollten, sondern weil die Geschlechterrollen sich so weit einzementiert haben, dass alle sie bis zu einem gewissen Grad völlig natürlich als Realität ansehen. Und danach agieren, ohne darüber nachzudenken (das kann er/sie nicht, da muss man nachsichtig sein – da sollte er/sie können, da muss man dahinter sein). So wie ich auch.

Wie kann man das ändern?

In meinem Umfeld halte ich eine Erziehung, bei der Mädchen und Buben nicht zumindest vorgefertigte Klischees anstreifen, für unmöglich.

Bei jedem Kleiderkauf ist die eine Hälfte des Geschäfts mit rosa, lila und weißen, mit Blumen, Hündchen oder Models bedruckten Kleidern vollgeräumt. In der anderen Hälfte finden sich grüne, blaue und graue Kleidungstücke mit Monstern und Graffitis. Fein säuberlich getrennt. Meine Kinder laufen automatisch zu der ihnen zugeteilten Abteilung und würden niemals bei der jeweils andern Seite auch nur schauen, ob ihnen dort etwas gefällt.

In Spielwarengeschäften werden Werkbanken und Technikbausätze für Buben beworben, Bügelbretter, Staubsauger und Frisurenköpfe für Mädchen. Einige Spielsachen sind für beide hergerichtet – Playmobil, Matador, Tischspiele – auch Lego zum Großteil, bis zur Einführung der „Mädchen-Serie“ Lego Friends, schön pink, versteht sich.

Überall wird eingeteilt, was einem Mädchen zu gefallen hat und was einem Buben, und das wird schön voneinander getrennt präsentiert und die Mädchensachen pink eingefärbt, falls jemand noch Zweifel hat.

Das ist noch nicht so schlimm, ich könnte den Kindern erklären, dass sie sich aussuchen könnten, was sie wollen. Eine Bekannte hat das gemacht. Ihr Sohn liebt Puppen und pinke T-Shirts. Kurz bevor er in die Schule kam, wollte er eine pinke Lillifee-Schultasche. Das war meiner Bekannten zu viel, sie hat es nicht erlaubt.

Hätte ich es erlaubt? Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass ich es erlaubt hätte.

Vielen Kindern ist es enorm wichtig, was die anderen Kinder von ihnen denken. Selbst wenn das bei meinem Kind nicht der Fall wäre, müsste ich berücksichtigen, dass Kinder jede Abweichung der Norm sofort mit Spott und Hohn bestrafen. Ich hätte – genau wie meine Bekannte – Angst gehabt, dass mein Sohn mit der rosa Schultasche täglich zum Gespött der ganzen Schule und dadurch unglücklich wird. Ich hätte Sorge gehabt, dass ich mein Kind nur für meine Überzeugungen unnötiger Qual aussetze.

Sind Mädchen anders als Buben? Ja. Warum ist das so? Weil wir Eltern ihnen bewusst oder unbewusst ihnen unser eigenes festgefahrenes Weltbild aufstülpen. Weil Werbung und Geschäfte die Trennung von Buben und Mädchen zementieren. Weil jedes Kind, das nicht mitmachen will, sofort von den anderen verspottet und zum Schweigen gebracht wird. Weil viele Erwachsene Angst haben, ihr Bub könnte nicht männlich genug und ihr Mädchen nicht mädchenhaft genug sein. Weil man da nicht leicht herauskommt, wenn nicht alle an einem Strang ziehen. Genauso wie bei vielen anderen vorgefassten, über Jahrzehnte und Jahrhunderte kultivierten Rollenbildern muss man eben versuchen, sie Stück für Stück aufzuweichen, möglichst ohne großen Schaden für die Betroffenen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Die rosa Schultasche

  1. lisimoosmann schreibt:

    Ein Problem ist, dass tendenziell in den letzten Jahren unter dem Deckmäntelchen „one size doesn´t fit all“ sogar im Bildungssystem ernsthafte Bestrebungen von Schavan et al. bestehen, das Geschlecht als Hauptkriterium für unterschiedliche Behandlung einzusetzen und damit die produzierten geschlechtsspezifischen Unterschiede weiter einzubetonieren.

    • Karin Koller schreibt:

      Im Bildungssystem bin ich grundsätzlich dafür, eine möglichst große Vielfalt von Kindern zusammen lernen zu lassen. Das führt zu Synergien. Je homogener (von sozialem Hintergrund, Interessen, Überzeugungen der Eltern) desto größer die Gefahr, ein ganzes Leben in der eigenen Suppe zu kochen. Bei sozial Schwächeren führt das zu geringeren Chancen und bei jenen, die sich gerne Eliten nennen, zu einem merkwürdigen Entitlement-Gefühl. Trennt man da noch Buben und Mädchen, verstärkt sich das.

  2. Heidi Jäger schreibt:

    Gar nicht so leicht, das Aufweichen, weil ja der gesamte Kommerzapparat daran verhindert ist, jede Aufweichung zu verhindern, zumal einfache Schubladisierung ja kommerziell erwünscht ist.

  3. Markus schreibt:

    Vor diesem Hintergrund ein sehr interessantes Video zu genau dem Thema:

    Hab es leider nicht auf Englisch gefunden. Man muß also die Untertitel lesen, wenn man nicht gerade Norwegisch kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s