Ich habe Manuel Neuer gesehen

Ich finde es ja sehr affig, wenn junge Mädchen zu kreischen beginnen, nur weil ihr Star die Bühne betritt. Würdelos ist das.

Als ich mit meinem Mann durch München schlenderte und in den Auslagen einer Einkaufspassage nach einer neuen Frühlingsgarderobe suchte, sagte mein Mann plötzlich: „Das war Manuel Neuer.“

„Blödsinn“, sagte ich, was soll auch Manuel Neuer einfach so in der Stadt machen?

„Ich werde es dir beweisen, komm“, sagte mein Mann und zog mich hinter dem vermeintlichen Neuer her. Es war ein großer Mann in einer grauen Hose und einem grauen, beinahe silbrigen Blouson. Er ging zusammen mit einer Frau sehr zielstrebig dem Ausgang zu.

Ich konnte ihm kaum folgen, ohne in einen Laufschritt zu verfallen. Neuer wirkte, als würde er ganz entspannt dahinschlendern. Die Frau, die ihn begleitete, komischerweise auch. Vielleicht haben Prominente und deren Freude einen anderen Bewegungsapparat? Vielleicht schweben sie? Aber vielleicht war es aber auch gar nicht Manuel Neuer?

Gerade im letzten Augenblick sahen wir die beiden in einem Geschäft verschwinden.

„Komm“, sagte mein Mann, „wir wollten ohnehin noch etwas zu trinken kaufen.“

Wir waren nämlich keine Stalker. Wir waren nur durstig.

Genau neben der Getränkekühlbox fanden wir ihn wieder. Es war Manuel Neuer.

ES WAR TATSÄCHLICH MANUEL NEUER.

Groß war er. Und stand direkt neben mir. Ich hätte einen Finger in seinen Bauch bohren können, ohne mich auch nur einen Schritt zu bewegen. Er fasste nach einer Getränkeflasche, entschied sich um, ging zu einer anderen Getränkebox (ich nicht hinterher, ganz narrisch bin ich dann auch nicht), fand nicht, was er suchte und verließ das Geschäft. Völlig unbehelligt. Niemand sah ihm nach, niemand erbat ein Autogramm von ihm, niemand flüsterte hinter seinem Rücken.

Aber mein Herz raste. Obwohl meine Mutter und ich (sie als Haushälterin) in Haushalten gelebt hatten, bei denen Teile der österreichischen Prominenz, oder Menschen, die sich dafür hielten, ein und aus gegangen waren, bin ich noch nie neben einer so bekannten Person gestanden.

Warum mich das aufwühlte, für einen Augenblick zwar nur, aber immerhin, kann ich beim besten Willen nicht erklären. Neuer ist auch nur ein ganz normaler Mann, den ich nicht kenne und eigentlich nicht einmal besonders bewundere. Wir haben nicht miteinander gesprochen, nicht einmal einen Blick ausgetauscht.

Und trotzdem. Es ist vielleicht ein ganz tief verwurzeltes traditionelles Gefühl. Der Glanz der Bekanntheit? Eine abgewandelte Obrigkeitshörigkeit? Das Bedürfnis nach Vorbildern, das mir schon in der Schule eingeredet wurde? Als Lehrer sagten, Kinder würden ohne Vorbilder, oder mit den falschen Vorbildern völlig verwahrlosen, keine Bestimmung im Leben finden können?

Ich weiß nicht, was es ist. Mein Kopf sagt mir, es ist völlig absurd, dass mein Gemüt in Wallung kommt, wenn ich neben einem völlig Fremden stehe. Mit dem ich nichts gemeinsam habe, und bei dem ich nicht die geringste Intention habe, ihn in irgendeiner Form kennenzulernen.

Ich stehe aber in dem Geschäft und in mir drin ruft es: ICH STEHE NEBEN MANUEL NEUER. SCHAUT HER, ICH STEHE NEBEN IHM UND NICHT IHR.

Jetzt verstehe ich die kreischenden Mädchen etwas besser.

Trotzdem ist es irgendwie würdelos, so zu reagieren. Also von mir, meine ich.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Ich habe Manuel Neuer gesehen

  1. Lena schreibt:

    ich würde dich ja verstehen, wenn du javi martinez gesehen hättest, aber neuer, pfhhh 🙂

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