Glassplitter

IMG_4353

Eine Freundin von mir wollte wieder einmal etwas Neues ausprobieren, eine kleine Extravaganz in ihr Leben bringen. Sie beschloss, sich die Ohren durchpiercen zu lassen. Sie hatte bisher überhaupt keine Ohrlöcher. Vielleicht wollte sie deshalb das Piercingprojekt besonders feierlich gestalten.

Jedes Wochenende plante sie eine Aktivität – einen Theaterbesuch, ein Konzert, ein Essen in einem Restaurant, das sie noch nie besucht hatte. Sie besorgte sich einen Babysitter. Sie zog sich schön und sexy an, schminkte sich aufwändiger als sonst, war nervös, weil sie nicht genau wusste, was sie erwarten würde.

Etwas früher als für die geplante Veranstaltung notwendig verließen sie und ihr Mann das Haus. Sie gingen noch ins Piercingstudio. Dort ließ sie sich jedes Wochenende zwei Ohrlöcher stechen und kleine Glitzerohhinge einsetzen.

Der gemeinsame Abend mit ihrem Mann erschien ihr immer besonders feierlich. Weil sie noch aufgewühlt von den Ereignissen um Piercingstudio und von ihrer eigenen Tapferkeit war. Weil ihr Mann sie plötzlich wieder ganz anders ansah, liebevoller, bewundernder. Weil sie endlich die Alttagsroutine, die sich im Lauf der Jahre eingeschlichen hatte, durchbrach.

Nachdem sie das einige Male gemacht hatten, schaute ihre kleine Tochter sie beim Frühstück lange nachdenklich an und sagte schließlich: „Mama, wie kommt es, dass du, jedes Mal, wenn du allein mit dem Papa ausgehst, wieder Glassplitter in den Ohren hast?“

Genau diese kleine Mythisierung ihrer selbst gefiel ihr.

Die kleinen Mythen, die man für sich und einander schafft und die man aus sich macht, die Erinnerungen, die man daraus schöpft, die kleine Auszeit, die man sich damit gönnt, das winzige Abenteuer, das länger bestehen bleibt als der Alltag, die machen im Grunde das Leben erst richtig lebenswert.

Deshalb kann ich so etwas – Piercing eignet sich gut, aber je nach Vorlieben sind die Möglichkeiten unbegrenzt – all jenen, die sich in der täglichen Tretmühle gefangen fühlen, wirklich auch empfehlen.

IMG_4359  IMG_4267

In dieser Schmuckkolumne stelle ich eine sehr einfache Silber-Kombination vor. In den ersten Ohrlöchern trage ich double-flared 8mm Silbertunnel und durch diese zarte Silbercreolen. Den Ohrrand entlang habe ich sehr kleine Zirkoniastecker – meine Glassplitter – eingesetzt. Im Gegensatz zu den Silber- oder Goldkugeln, die beinahe eine Einheit bilden, sieht man hier die einzelnen Ohrringe und die Abstände dazwischen sehr gut. Da meine Ohrlöcher sich mit der Zeit ergaben und nicht exakt geplant wurden, sind sie mitunter etwas unregelmäßig und tanzen ein wenig aus der Reihe. Ich finde aber, selbst mit so kleinen Steckern, macht das nichts aus. Ich bin aber auch keine Perfektionistin, sondern schwelge lieber in der Erinnerung an die einzelnen Ereignisse, die dazu geführt haben, mit all ihren Unzulänglichkeiten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Schmuckkolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Glassplitter

  1. Hofnarr schreibt:

    Sieht sehr schön aus, vor allem auch, weil es sich offenbar im T-Shirt wiederholt gemäss Deinem ersten Bild.

  2. Markus schreibt:

    Huch, sollte es da in dem einen Ohr wieder ganz klammheimlich einer mehr geworden sein? Zähle ich da 14 (und am anderen 11 wie bisher)?

  3. Fred schreibt:

    Das ist ja eine schöne Geschichte über deine Freundin. Verstehe ich das richtig, dass sie jetzt nicht nur ein Paar Ohrringe trägt, sondern wie du das ganze Ohr voll hat? Das wäre wahrlich eine tolle Veränderung. Und wie findet ihr Mann diese Wandlung?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s